Stellungnahme zum Konflikt am A-Kongress in Berlin

Am Sonntag, den 12. April 2009, wurde der Anarchistische Kongress in Berlin vorzeitig aufgelöst, weil die Organisationsgruppe sich nicht mehr in der Lage sah, einen antisexistischen Schutzraum zu gewährleisten. Die folgenden Diskussionen reduzierten das Problem meist darauf, dass sich eine kleine Gruppe von Leuten am Kongress ausgezogen hatte, und viele meinten, sich daher über "prüde AnarchistInnen" und "hysterische Frauen" lustig machen zu können. Dies verkennt das eigentliche Problem völlig. Es wird dabei nicht reflektiert, was auf dem Kongress passierte. Den Konflikt auf einen Streit um Nacktheit in anarchistischen Kreisen zu reduzieren, ist eine Karikatur dessen, was vor sich ging. Ich hoffe, mit dieser Stellungnahme einen Beitrag zu etwas mehr Klarheit leisten zu können.

Vorneweg: Ich persönlich habe überhaupt nichts dagegen, wenn Leute nackt sein wollen – auf einem Anarchistischen Kongress, im Strandbad oder am Ku'damm. Leute können auch mit so vielen anderen Leuten vögeln, wie sie wollen. Auch habe ich nichts gegen die graphische Darstellung sexueller Aktivität, ob wir das jetzt Porno nennen oder nicht. Die Gruppe Fuck For Forest als solche interessiert mich herzlich wenig und ich habe keine Lust, mir ihre Website runterzuladen und die Photos und Videos zu begutachten, die es dort zu sehen gibt. Mit anderen Worten: Es geht mir weder um eine Nacktheitsdebatte noch um Polyamory-Debatte noch um eine Porno-Debatte noch um Fuck For Forest. Ich will nur davon sprechen, was ich auf dem Kongress erlebt habe.

Der Konflikt begann am Samstagabend in Zusammenhang mit einem "Anarchie und Sex"-Workshop. Ich erlebte nur den Anfang dieses Workshops, unter anderem deshalb, weil ich die Selbstpräsentation von Fuck For Forest (die diesen Workshop offenbar zur Vorstellung ihres Projekts nutzen wollten) ausgesprochen platt fand. Ein Mann – mit einer Frau an seiner Seite, die nichts sagte und deren Rolle nicht ganz klar war – schwärmte da von den befreienden Wundern der Nacktheit, des öffentlichen Vögelns und der Promiskuität, so als wären die späten 60er Jahre gerade neu erfunden worden. Es schien, als hätte es seither weder eine Reihe von Erfahrungen noch eine Reihe kritischer Auseinandersetzungen mit diesen Konzepten im Rahmen progressiver, emanzipatorischer Politik gegeben. Es wunderte mich, dass gut zwei Drittel des Publikums diese Selbstinszenierung beklatschten (und zum Teil bejubelten), zumal es offensichtlich war, dass der Mann von seiner Erleuchtung und Befreiung in einer Art und Weise überzeugt war, die bei anarchistisch sensibilisierten Menschen eigentlich Skepsis erregen sollte. Zudem hatte die Show einen deutlich heteronormativen Charakter. Aber gut. Ich dachte an diesem Punkt einfach "komisch" und ging.

Damit versäumte ich auch den Eklat, zu dem es später bei der Diskussion kam. Ich muss mich daher auf die Berichte von GenossInnen verlassen, denen ich Vertrauen schenke. Diesen Berichten zufolge zogen sich die Handvoll Leute von Fuck For Forest irgendwann aus. Einige Frauen meldeten daraufhin Bedenken an und meinten, sie würden sich in der Nähe der nackten Fuck-For-Forest-Männer nicht wohl fühlen. Ich weiß nicht genau, wie diese Bedenken formuliert wurden, und das spielt wohl eine gewisse Rolle. Nichtsdestotrotz scheinen alle Anwesenden darin übereinzustimmen, dass einer der Männer eine Diskutantin fragte, ob sie "etwa eine dieser Hardcore-Lesben" sei. Als mir dies erzählt wurde, war meine spontane Reaktion Unverständnis darüber, warum der Typ nicht sofort rausflog. (Wobei ich verstehe, dass es oft schwierig ist, mit solch unerwarteten Idiotien spontan umzugehen, und ich hätte auch kaum die Initiative ergriffen – aber das war mein erster Gedanke.) Der Grund ist, dass es sich hier eindeutig um die Überschreitung einer Grenze dessen handelt, was in einem sich als egalitär und solidarisch verstehenden Raum okay ist und was nicht.

Die Behauptung, dass es sich um einen Widerspruch handeln würde, wenn bei einem anarchistischen Treffen Leute rausfliegen, weil Anarchie doch heißt, dass Leute tun und lassen können, was sie wollen, ist Quatsch. Anarchie – als Herrschaftslosigkeit – kann nur funktionieren, wenn das Konzept individueller Freiheit von jenem der individuellen Verantwortung begleitet wird. Wenn Letzteres unter den Tisch fällt, wird "individuelle Freiheit" zum Feigenblatt für bürgerlichen Egoismus, kapitalistische Habgier oder (wie in diesem Fall) respektloses und selbstzentriertes Verhalten. Das war das Problem – nicht die Nacktheit.

Dazu ein Exkurs: In San Francisco gibt es eine Gruppe von linken NudistInnen, die auf Pride-Events genauso auftauchen wie auf Antikriegsdemos oder auf der Anarchistischen Buchmesse. Ich habe dabei nie erlebt, dass das in irgendeiner Form ein Problem war. Der Grund scheint zu sein, dass die politischen Überzeugungen der Gruppe klar sind und dass sich die Angehörigen der Gruppe anderen GenossInnen gegenüber respektvoll verhalten. Ich würde mir denken (und wünschen!), dass es für eine solche Gruppe auch auf dem Berliner Kongress Platz gegeben hätte. Auch wenn die Nacktheit der Leute bei einigen Kongress-TeilnehmerInnen Unbehagen ausgelöst hätte (das kann ich nicht beurteilen), würde ich davon ausgehen, dass es in einem respektvollen gegenseitigen Austausch zu einer Lösung gekommen wäre, welche die Bedürfnisse aller berücksichtigt und für alle Raum geschaffen hätte.

Die Fuck-For-Forest-Leute waren an einem solchen respektvollen gegenseitigen Austausch bzw. an einer entsprechenden Lösung nicht im Geringsten interessiert. Es wirkte niemals so, als kämen sie – wie die NudistInnen in San Francisco – als GenossInnen zu einem anarchistischen Ereignis. Sie schienen an den politischen Dimensionen des Kongresses oder an den Debatten darüber, was Anarchismus bedeutet, in keiner Weise interessiert. Zumindest am Sonntag waren sie da, um – und das ist von mir selbst aufgeschnappter Originalton – "der Szene zu zeigen, wie bescheuert sie ist". Dass es auf der Basis einer solchen Einstellung schwierig ist, zu einvernehmlichen Lösungen zu kommen, versteht sich von selbst. So war ich am Sonntagnachmittag auch Zeuge, als ein Mitglied der Organisationsgruppe den Leuten von Fuck For Forest anbot, sich in einem bestimmten Bereich des Geländes nackt aufzuhalten, das von den Workshops entfernt lag. Dieser Vorschlag wurde von Fuck For Forest noch nicht einmal aufgegriffen.

Es ist in diesem Zusammenhang auch wichtig zu betonen, dass Nackt-Sein tatsächlich nicht gleich Nackt-Sein ist. In Online-Kommentaren meinten einige Leute, sich über einen Artikel lustig machen zu müssen, in dem stand, dass das Problem nicht war, "dass die Leute nackt waren, sondern wie sie es waren". Es gibt keinen Grund, sich hier über irgendetwas lustig zu machen. Gerade hinsichtlich dessen, was auf dem Kongress passierte, trifft die Aussage den Nagel auf den Kopf. Zur Illustration der unterschiedlichen Dimensionen, die Nackt-Sein annehmen kann, sollte der Vergleich zwischen einem nackten Sonnenbad auf dem eigenen Balkon und dem Exhibitionieren in einem öffentlichen Fahrstuhl reichen. Dies sind natürlich zwei Extreme, doch zeigen sie die Bandbreite der möglichen Bedeutungen von Nackt-Sein in unserer Gesellschaft auf.

Wie gesagt, ich war am Samstagabend, als es zu dem Eklat beim "Anarchie und Sex"-Workshop kam, nicht anwesend. Doch denke ich, dass alleine der Eindruck, den ich von dem Auftaktsauftritt von Fuck For Forest gewonnen hatte, ausreicht, um deren demonstrative Entkleidung mit Haltungen verbunden zu sehen, die auf egalitär-solidarischen Veranstaltungen nichts verloren haben: Selbstgerechtigkeit ("Wir sind befreit – ihr seid verklemmt!"), Aggressivität ("Wenn dir was daran nicht passt, ist das nicht mein Problem!") und sexuelle Aufdringlichkeit (schließlich meinte der Typ am Ende seines anfänglichen Vielvögellobgesanges ja ausdrücklich, dass er heute Abend auf "nette Mädels" aus dem Publikum hoffe). In diesem Zusammenhang scheint es mehr als verständlich, dass einigen Personen die Nähe nackter Fuck-For-Forest-Leute unangenehm war.

Um es noch einmal etwas akademischer zu formulieren: Der Kontext, in dem es zur Nacktheit der Fuck-For-Forest-Leute kam, kann nicht von der heteronormativen Realität getrennt werden, in der wir leben: die Schnittpunkte von geschlechtlichen Machtverhältnissen, körperlicher Intimität und Sexualität können nicht nur Unbehagen sondern auch Angst hervorrufen und Traumata aktivieren. Das muss allen verständlich sein. Um "Nackt-Sein" (als solches) geht es hier nicht.

Doch ist intellektuelle Einsicht hier noch nicht einmal das Entscheidende: Wir machen es uns ein bisschen zu einfach, wenn wir Solidarität mit Menschen, die sich in eine unbehagliche Position gedrängt oder gar angegriffen fühlen, nur dann zeigen, wenn diese Reaktionen für uns auch intellektuell nachvollziehbar sind. Das heißt, dass selbst jene Leute, denen die von den Frauen im Workshop angemeldeten Bedenken nicht unmittelbar verständlich waren, sich die Mühe hätten machen müssen zuzuhören und herauszufinden, worum es geht. Das ist solidarisches Verhalten unter GenossInnen. Alles andere ist das Projizieren eigener Normen auf andere und hat wenig mit Anarchismus zu tun.

Dass es in Zusammenhang mit einer Situation, die so gespannt und emotional aufgeladen war wie jene am Samstagabend auch noch dazu kommt, dass vor allem Männer Frauen ihre Empfindungen streitig machen, ist noch einmal ein eigenes – höchst bedauerliches – Kapitel. Letzten Endes wurde ein Bedürfnis (Nackt-Sein) über ein anderes (mit der Nacktheit der Fuck-For-Forest-Leuten unter den gegebenen Umständen nicht konfrontiert sein zu wollen) gestellt. Die Erklärung, dass das erstere Bedürfnis für Befreiung und Progressivität steht, während das letztere Zeugnis von Keuschheit und Wertkonservativismus ablegt, ist viel zu einfach. Es ist schlichtweg falsch, ein Unbehagen mit Nacktheit mit "bürgerlicher Prüderie" und "christlichem Dogmatismus" gleichzusetzen. Ein Konzept von Scham findet sich in praktisch allen Kulturen und zumindest die Geschlechtsteile wurden auch in praktisch allen Kulturen den größten Teil der Zeit verdeckt gehalten. Das heißt nicht, dass sich eine freie Gesellschaft nicht auch dadurch auszeichnen sollte, Menschen, die gerne nackt sind, das Nackt-Sein so oft es geht zu ermöglichen. Aber es heißt, dass gewisse Einschränkungen eines "Rechts auf Nacktheit" nicht nur christlich-bürgerlicher Tradition entstammen, sondern dass solchen Einschränkungen in praktisch allen Kulturen eine bestimmte gesellschaftliche Funktion zugeschrieben wurde. Dies führt uns wieder zu der trivialen Beobachtung, dass Nackt-Sein oft okay sein mag – aber manchmal eben nicht.

Nach wie vor bin ich der Meinung, dass das am Kongress entstandene Problem auf der Basis dieser Beobachtung auch hätte ausdiskutiert und für alle verträglich gelöst werden können. Doch statt gutem Willen gab es von Seite der Fuck-For-Forest-Leute sexistische Bemerkungen. Das war das eigentliche Problem.

Diesem zugrunde lag wohl auch, dass das Bedürfnis der Fuck-For-Forest-Leute, genau am Anarchistischen Kongress nackt zu sein, in Frage steht. Wie gesagt, sie schienen am Kongress selbst wenig interessiert und hätten wohl an vielen anderen Orten Berlins an diesem Wochenende nackt sein können (und das relativ problemlos). Es schien eher um Show und Selbstdarstellung als um Bedürfnisbefriedigung zu gehen. Ein weiterer Grund, warum den Schutzbedürfnisse, die einige Frauen am Workshop anmeldeten, einiges mehr an Gewicht hätten zukommen sollen.

Es ist schwierig zu sagen, was anders gemacht hätte werden sollen. Offensichtlich war niemand auf eine solche Situation vorbereitet. Wäre die Gruppe nach den sexistischen Bemerkungen am Samstagabend rausgeflogen, hätte der Schaden vielleicht noch in Grenzen gehalten werden können. Doch dazu kam es nicht. Schuld daran sind kollektive Dynamiken, keine Einzelnen, die für einen solchen Rauswurf zuständig gewesen wären.

Die Probleme am Sonntag hätten meines Erachtens auch nur durch einen unmittelbaren Rauswurf auf der Basis der samstäglichen Beleidigungen – nicht des Nackt-Seins – vermieden werden können. Doch auch dazu kam es nicht. In dem Moment, in dem die Gruppe sich nackt niederließ, war das Problem auch optisch darauf reduziert, "Nackte vom A-Kongress zu werfen", was genauso scheiße klingt wie es aussieht. Ich denke, an diesem Punkt war es Fuck For Forest gelungen, den Kongress zu sprengen. Zu welchem Grade auch diejenigen dafür verantwortlich zu machen sind, die sich auf ihre Seite schlugen, kann ich nicht sagen, da das Einzige, was mir persönlich an diesem Punkt noch sinnvoll schien, Fuck For Forest nicht die Aufmerksamkeit zu schenken, auf die sie offensichtlich aus waren. Ich ging daher zu einer Veranstaltung und erlebte den Rest der Debatte nicht mehr mit.

Was die Entscheidung der Organisationsgruppe betrifft, den Kongress aufgrund der zunehmend geringer werdenden Handlungsspielräume aufzulösen, so ist mir das absolut verständlich. Selbstverwaltete Räume sind auf die Einhaltung gewisser Kommunikationsstandards angewiesen und wenn diese kategorisch verletzt werden, sind die Bedingungen für respektvolles und solidarisches Zusammensein nicht mehr gegeben.

Die Geschichte markierte das traurige Ende eines ansonsten in vielerlei Hinsicht erfreulichen Kongresses. Was zu tun bleibt, ist sicherzustellen, dass dieses Ende nicht als Märchen von einer Horde prüder AnarchistInnen in die Geschichte eingeht, die unschuldige nackte Elfen vom Kongressgelände treiben wollte.

Gabriel Kuhn
(April 2009)

Eine Stellungnahme von Rudolf Mühland, Initiator des "Anarchie und Sex"-Workshops, gibt es hier nachzulesen - die Seite enthält auch einen Link zur Stellungnahme einer Augenzeugin der Geschehnisse.