Rezension von
Bernd Drücke (Hg.), Anarchismus Hoch 3. Utopie, Theorie, Praxis (Münster: Unrast, 2016)

Mit Anarchismus Hoch 3. Utopie, Theorie, Praxis setzt Bernd Drücke, Redakteur der anarchistischen Monatszeitung graswurzelrevolution, seine Reihe von Interviewbänden fort, die uns bereits ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert (2006) und Anarchismus Hoch 2 (2014) beschert haben. Die Absicht dahinter fasst er wie folgt zusammen:

„In gewisser Weise handelt es sich bei diesem Oral-History-Projekt um ‚Feldforschung‘. Beleuchtet wird mithilfe von Interviews das Feld des Anarchismus, die Ideenwelt von ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten, die Spannendes zu erzählen haben und den Gegenwartsanarchismus mitprägen. Aufgezeigt werden konkrete alternative Lebensentwürfe, unterschiedliche Positionen und Ansätze sowie deren Umsetzung.“ (S. 13)

Besonderer Fokus liegt in diesem Band auf Publikationsprojekten (die Verantwortlichen der Verlage Assoziation A, Nautilus und Unrast wurden genauso zum Gespräch gebeten wie Jochen Knoblauch a.k.a. Knobi, der Büchernomade) und selbstverwalteten Kollektiven (zu Wort kommen Mitglieder der Kommune Hof Rossee, des Buchladens Black Pigeon, des Druckereikollektivs Fairdruckt/Onbones und des Vegan-Versands roots of compassion). Dazu gesellen sich internationalistische Themen (Indonesien, Kurdistan, die Ukraine) ebenso wie sozialwissenschaftliche (ein Gespräch zu Sarrazin und der AfD mit dem Soziologen Andreas Kemper) und künstlerische (die Macher des Dokumentarfilms Projekt A. Eine Reise zu anarchistischen Projekten in Europa werden auch befragt).

Eines der ergiebigsten Gespräche eröffnet den Band: Andreas Ess lässt nicht nur das Projekt A Revue passieren, das in den frühen 1990er Jahren im rheinland-pfälzischen Neustadt an der Weinstraße auf ambitionierte Weise versuchte, Anarchismus gesellschaftsfähig zu machen, sondern hat auch wichtige Ratschläge für gegenwärtige Aktivist*innen parat. Eine Kostprobe:

„Wenn du es nicht schaffst, im normalen Arbeitsleben pünktlich aufzustehen und deine Arbeit zu machen, dann schaffst du das auch nicht in einem Anarcho-Betrieb, wo keiner hinter dir steht und dir in den Hintern tritt. Das funktioniert garantiert nicht. … Du brauchst in einem selbstorganisierten Projekt eine deutlich höhere Selbstdisziplin, als du sie in einem kapitalistisch geführten Betrieb brauchst.“ (S. 25)

Das Oral-History-Projekt Bernd Drückes zeigt sowohl die Stärken als auch die Grenzen solcher Projekte auf. Für ein Verständnis anarchistischer Geschichte und Praxis sind sie unerlässlich. Darin liegt der große Verdienst auch dieses Bandes. Gleichzeitig reichen Anekdoten und persönliche Reflexionen nicht aus, um eine starke Bewegung zu formen oder auch nur zu umreißen. Die meisten Interviewpartner*innen verwerfen ideologische Bekenntnisse. Nur Sascha Bender und Marvin Landauer vom Dortmunder Buchladen Black Pigeon zeigen sich freimütig:

„Für uns ist es wichtig, offensiv damit umzugehen, dass wir AnarchistInnen sind. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, ein Anarchistisches Zentrum zu gründen und es auch so zu nennen. Wenn wir uns immer nur hinter anderen Begriffen wie ‚basisdemokratisch‘, ‚links‘ oder sonstwas verstecken, werden wir niemals aus der Isolation ausbrechen, werden wir niemals eine eigenständige starke Bewegung sein.“ (S. 184)

Dafür gebührt ihnen Respekt.

Gabriel Kuhn
(August 2017)