Rezension von
Ernest Kaltenegger, Leo Kühberger und Samuel Stuhlpfarrer (Hg.), Alle Verhältnisse umzuwerfen... Gespräche und Interventionen zu Krise, globaler Bewegung und linker Geschichte (Wien: Mandelbaum, 2016)

Um unsere streng anti-sektiererische Offenheit zu beweisen, widmen wir uns auf Alpine Anarchist immer wieder Neuerscheinungen aus dem marxistischen Lager. Erinnert sei etwa an das Kommunismus-Triple »Kommunismus trotz allem – oder gerade deshalb?« bzw. (wen es englisch nicht stört) an unsere Rezension von J. Moufawad-Pauls The Communist Necessity.

Manchmal machen es uns die Freund*innen des roten Sterns besonders einfach. So versucht im vorliegenden Buch Mitherausgeber Leo Kühberger seinen Gesprächspartner Raul Zelik von der Wertlosigkeit der Parteipolitik zu überzeugen (O-Ton: »Angesichts der Transnationalisierung politischer Entscheidungen ist es heute doch nur mehr absurd, wenn man da irgendwelche Hoffnungen in die Gründung einer Partei und das erfolgreiche Abschneiden bei Wahlen setzt«, S. 174), während der als Fahrrad fahrender Erneuerer des Parteikommunismus in Österreich zur Legende gewordene Ernest Kaltenegger in seinem Beitrag Joe Hill zitiert. Man trifft sich also gewissermaßen auf halbem weg. Schön.

Alle Verhältnisse umzuwerfen... ist eine Mischung aus Festschrift und Dokumentation zu zehn Jahren KPÖ-Bildungszentrum im Volkshaus Graz. Zwei der Herausgeber, Leo Kühberger und Samuel Stuhlpfarrer, arbeiteten dort lange als Sekretäre, Ernest Kaltenegger ist Obmann des Trägervereins.

Die Geschichte des Bildungszentrums wird im Vorwort angerissen und im Beitrag von Samuel Stuhlpfarrer weitererzählt. Den Herausgebern zufolge hat das 2007 gegründete Projekt »eine bis dahin – als Folge des Niedergangs der Staaten des ›real existierenden Sozialismus‹ und der innerparteilichen Turbulenzen in den 1990er-Jahren – unterbrochene Tradition institutionalisierter kommunistischer Bildungs- und Kulturarbeit wieder aufgenommen« (S. 7).

Selbst stieß ich erstmals – wenn auch nur indirekt – im Jahr 2009 auf das Bildungszentrum, als ich nach vielen Jahren wieder einmal Graz besuchte. Die Stadt war vollgeklebt mit Plakaten, die einen Vortrag des arrivierten Trotzkisten Tariq Ali ankündigten. Ich war beeindruckt.

Ein paar Jahre später besuchte ich das Bildungszentrum in journalistischer Mission. Ich arbeitete an einem Artikel über die erstaunlichen Erfolge der Grazer KPÖ für das US-amerikanische Politmagazin Counterpunch. Meine Eindrücke waren überaus positiv, weswegen mich – eine solche Bemerkung muss erlaubt sein – der vorliegende Band auch persönlich freut. Insgesamt 18 Gespräche und Essays wechseln sich darin ab, vom Layout geschickt abgetrennt. Alle Beitragenden waren irgendwann Gäste im Bildungszentrum. Am Ende gibt es noch einen Tätigkeitsbericht im Jahresrhythmus, angereichert mit Bildern aus dem Archiv. Es ist eine gelungene und liebenswert gestaltete Publikation.

Unter den Beitragenden finden sich ein paar große Namen, etwa Silvia Federici oder George Katsiaficas. Die Gespräche mit ihnen sind interessant, bieten Leser*innen, die ihre Arbeiten kennen, aber nicht allzu viel Neues (was anders kaum sein kann). Persönlich fand ich daher Gespräche mit Aktivist*innen zur jüngeren österreichischen Bewegungsgeschichte, etwa zum »Sommer der Migration« 2015 oder zum antifaschistischen Widerstand, bereichernder. Die Essays reichen von Übungen in revolutionärem Pathos (Karl-Heinz Dellwo) zu sympathischen politischen und künstlerischen Lebensläufen (Martin Birkner oder Bernadette La Hengst).

Trotz der Qualität der einzelnen Beiträge kommt Alle Verhältnisse umzuwerfen... dem notorischen Problem einer so ziemlich jeden Anthologie nicht aus, nämlich dass zwischen all den angesprochenen Themen ein roter Faden manchmal verloren geht. Doch gerade in diesem Fall bedarf es wohl schlicht der richtigen Einstellung: der Reiz liegt nicht in großen theoretischen Entwürfen, sondern in der Anregung durch spezifische Gedanken, Beobachtungen und Perspektiven. Davon hat der Band jede Menge zu bieten. Die Herausgeber selbst sprechen von »diskursiven, vielstimmigen Formaten« (S. 8) – geflügelte Worte, die auch den ein oder anderen Beitrag prägen. Da kann es wohltuend sein, wenn der langjährige Vorsitzende der KPÖ Steiermark Franz Stephan Parteder nüchterne Sätze spricht wie: »Das scheint mir überhaupt ein wesentlicher Grund für das Scheitern der Linken …, dass sie es verlernt hat, materialistisch zu sein« (S. 200), oder: »In Österreich muss die Linke überhaupt erst einmal wieder Boden unter den Füßen gewinnen. Das gelingt am ehesten, indem man mit Menschen ins Gespräch kommt, Verbindungen schafft, Aktionszellen aufbaut. … Über Sozialismusvorstellungen kann man gerne reden, was es aber braucht, das ist diese mühselige Kleinarbeit. Dieser Weg lässt sich nicht abkürzen und wer das glaubt, wird scheitern.« (S. 210)

Alle Verhältnisse umzuwerfen... ist ein schönes Dokument zu einem der überraschendsten und erfreulichsten Kapitel der jüngeren linken Geschichte in Österreich, also dem Wiedererstarken der KPÖ in Graz bzw., wenn auch in geringerem Maße, in der Steiermark insgesamt. Es mag für Menschen vor Ort – und alle anderen mit einer persönlichen Beziehung zum Bildungszentrum – von besonderem Wert sein, aber die Inhalte machen es zu einer Bereicherung für jede linke Debatte – und das schicke Layout zu einem idealen Geschenkbuch. Außerdem bietet es unerwartete Überraschungen, etwa dass man in Graz mittlerweile Sätze zu sagen scheint wie: »Da bin ich mal ganz bei dir.« Ich nehme an, das ist das Resultat einer Mikroglobalisierung von unten und damit positiv. Aber gewöhnungsbedürftig.

Gabriel Kuhn
(Jänner 2017)