Alpine Anarchist meets Cindy Milstein

Oktober 2012

Im kommenden Frühjahr bringt der Unrast Verlag unter dem Titel "Der Anarchismus und seine Ideale" eine deutsche Übersetzung deines Essays "Anarchism and Its Aspirations" heraus. Kannst du uns sagen, wie es zu dem Essay gekommen ist? Basiert er auf früheren Veröffentlichungen?

Nein, das Buch ist nicht wirklich aus früheren Texten entstanden. Er entstand eher aus einer Vorlesung, oder sagen wir, aus einer Reihe von Vorlesungen. Diese begannen, als mir auffiel, wie wenige Leute auf anarchistischen Buchmessen Einführungsveranstaltungen in den Anarchismus hielten. Ich dachte zunächst nicht daran, diese Aufgabe selbst zu übernehmen, aber es gab offenbar wenige andere, die das tun wollten. Deshalb wurde ich immer wieder darum gebeten. Seit dem Buch sind die Anfragen noch zahlreicher geworden. Ständiges Lernen und Mitteilen ist mir wichtig. Das ist ein wechselseitiger Prozess. Ich lerne immer etwas, wenn ich Vorlesungen halte, während das Publikum – hoffentlich – auch etwas lernt. Damit das funktioniert, musst du bereit sein, deine Ideen geduldig und verständlich zu erklären, und andere müssen bereit sein, dir zuzuhören.

Darüber hinaus ging es mir um die Lösung einer persönlichen Frage. Ich komme mit den meisten Anarchist_innen gut zurecht, auch wenn ich mit vielen anarchistischen Strömungen meine Probleme habe oder in völligem Widerspruch zu ihnen stehe. Ich wollte begreifen, was es ist, das Kommunikation zwischen Anarchist_innen möglich macht, ohne dass alle Grundlagen erklärt werden müssen – also die Überzeugungen, auf denen unsere Ansichten und unsere Visionen, unsere Praxis und unser Leben beruhen. Wir alle erachten beispielsweise die staatliche Organisationsform weder als natürlich noch als wünschenswert. Wir müssen uns das aber nicht ständig klar machen, wir können es voraussetzen. Das ist nicht der Fall, wenn wir mit Menschen diskutieren, die der hegemonialen Vorstellung anhängen, dass die staatliche die einzige aller politischen Organisationsformen ist.

Es gab also zwei Zielgruppen für meine ursprüngliche Vorlesung: einerseits Menschen, für die der Anarchismus neu war, und andererseits Menschen, die sich bereits als Anarchist_innen verstanden, aber nicht einzusehen schienen, dass wir genug gemeinsame Voraussetzungen teilen, um dem Wort (und den damit verbundenen Praxen usw.) auch eine gemeinsame Bedeutung zu geben. Es ging mir nicht zuletzt darum, die Solidarität unter Anarchist_innen zu stärken. Wir kämpfen einen gemeinsamen Kampf. Es gibt leider viel zu viele Streitigkeiten in anarchistischen Kreisen und oft mangelnden Respekt.

Ich scheine schon seit längerem die Rolle einer "netten Anarchistin" einzunehmen, die "alle Seiten zueinander führt". Ich tue das aber nicht aufgrund instrumenteller oder pragmatischer Überlegungen, sondern weil ich wirklich glaube, dass es Prinzipien und Praxen gibt (ich beschreibe einige, aber sicher nicht alle, im Buch), die uns trotz unserer Unterschiede eng aneinander binden. In diesem Sinne ist es naheliegend, dass wir freundlich zueinander sind, kooperieren, uns gegenseitig unterstützen usw. Es geht dabei nicht nur um den Ausdruck unserer ethischen Werte im Alltag, sondern auch um die Tatsache, dass wir viel mehr verändern können, wenn wir zusammenarbeiten und unsere Kräfte bündeln.

AK Press wollte schon seit längerem eine zeitgenössische Einführung in den Anarchismus herausbringen. Einen Text, der die Aktualität des Anarchismus deutlich macht und gleichzeitig darstellt, wie sich der Anarchismus verändert hat. Einige der Leute, die bei AK arbeiten, hatten mich schon persönlich vortragen sehen, andere haben sich angeschaut, was es auf YouTube gibt, und irgendwann fragten sie mich, ob sie einige meiner Vorlesungen transkribieren dürften, um ein Buch daraus zu machen. Suzanne Shaffer hat viele Stunden daran gearbeitet, wofür ich ihr sehr dankbar bin. Als ich die Texte dann las, realisierte ich jedoch, dass vor allem die frühesten Vorlesungen einer Überarbeitung bedurften, und so entstand schließlich das Buch in seiner jetzigen Form.

Als Charles Weigl, Lektor bei AK, die erste Fassung gelesen hatte, meinte er, dass sich auch das Buch an zwei unterschiedliche Gruppen richtete. (Er zeigte mir das sogar grammatikalisch!) Charles meinte, dass ich eine der beiden Gruppen auswählen sollte, damit der Text eine klarere Linie hat. Die eine Gruppe waren diejenigen, für die der Anarchismus etwas Neues ist. Die andere Gruppe bestand aus meinen anarchistischen Freund_innen und aus Leuten, die sich schon lange als Anarchist_innen verstanden. Ich schrieb auch für die zweite Gruppe, da ich Angst hatte, den Anarchismus zu vereinfachen. Ich wollte die Nuancen nicht verlieren und wollte niemanden glauben lassen, dass ich der Ansicht war, der Anarchismus sei einfach zu definieren und zu verwirklichen. Letzten Endes schien es aber mehr Sinn zu machen, mich auf die erste Gruppe zu konzentrieren. Das gab dem Buch eine deutlichere Richtung und machte es dadurch besser. Ich glaube jedoch, dass es immer noch für beide Gruppen relevant ist, mit dem Unterschied, dass ich mich jetzt nicht mehr bei der zweiten Gruppe entschuldige: "Ja, ich weiß, das ist vereinfacht, aber ich muss an jene denken, die das noch nie gehört haben" usw.

Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob das Buch wirklich eine Einführung ist. Ich mag diesen Begriff auch nicht besonders, da er viele Menschen von vornherein daran denken lässt, dass der Inhalt banal ist. Ich würde es eher so sagen: Das Buch ist zugänglich für Leser_innen, die weder mit den Voraussetzungen noch mit dem Szenejargon des Anarchismus vertraut sind, während es langjährige Anarchist_innen daran erinnert, dass unsere Politik verdammt noch mal etwas Besonders ist, dass es der Anarchismus verdient, verteidigt und erhalten zu werden, dass wir uns nicht für ihn schämen müssen, dass es etwas gibt, dass ihn auszeichnet, und dass es etwas gibt, das alle Anarchist_innen vereint. Wenn wir in Betracht ziehen, dass die meisten Anarchist_innen spätestens im Alter von 27, oder vielleicht 30, Jahren verschwinden, dann ist so ein Erinnern meines Erachtens genauso wichtig wie das Ermutigen (oder Einladen) jener, die in Betracht ziehen, selbst zu Anarchist_innen zu werden.