Rezension von
Helge Döhring, Anarcho-Syndikalismus. Einführung in die Theorie und Geschichte einer internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung, (Lich: Edition AV, 2017)

Es ist schön, dass sich manche Menschen interessante Hobbys aussuchen. Seinen Lebensunterhalt kann Helge Döhring mit seinen Forschungen zur Geschichte des Anarcho-Syndikalismus wohl kaum bestreiten. Das jedoch hindert ihn nicht daran, neben seiner Tätigkeit beim Institut für Syndikalismusforschung (Syfo) im Jahresrhythmus neue Bücher zum Thema vorzulegen.

Döhrings neuestes Werk heißt Anarcho-Syndikalismus. Einführung in die Theorie und Geschichte einer internationalen sozialistischen Arbeiterbewegung. Es ist, wie die meisten seiner Studien, im Edition AV Verlag erschienen. Der Inhalt wird präsentiert wie gewohnt: Fakten statt Poesie, Nüchternheit statt Ausschweifung, Struktur statt Schnörkel.

Döhring beginnt mit Bemerkungen zum Begriff des Anarcho-Syndikalismus: „Im deutschen Sprachraum ist es zulässig, das ‚Anarcho‘ wegzulassen und einfach von ‚Syndikalismus‘ zu sprechen, und so halte ich es auch in diesem Buch“ (Kapitel 1). Es folgt ein historischer Abriss, bei dem die 1922 gegründete Internationale Arbeiter-Assoziation (IAA) im Mittelpunkt steht (Kapitel 2). Dieser wird ergänzt durch Ausführungen zur gewerkschaftlichen Arbeit anarcho-syndikalistischer Organisationen (Kapitel 3) sowie zu ideologischen Debatten, bei denen vor allem das Verhältnis von Syndikalismus zu Anarchismus bzw. Marxismus im Vordergrund steht (Kapitel 4). Die letzten 50 Seiten beschäftigen sich mit dem Anarcho-Syndikalismus als Kulturbewegung: es finden sich unter anderem Abschnitte zu Theater, Film, Esperanto und Sport (Kapitel 5). Diesem Kapitel kommt besonderer Wert zu, da es den historischen Anarcho-Syndikalismus in einer Arbeiterbewegung verortet, die tatsächlich Kulturbewegung war: ein Merkmal, das im Zuge der Bürokratisierung der historischen Arbeiterbewegung bedauerlicherweise verloren ging.

Es wird, das scheint unvermeidlich, Streitigkeiten um einige der Quellen und Interpretationen des von Döhring verwendeten Materials geben. Den entsprechenden Debatten werden sich jedoch vorwiegend die Experten anarcho-syndikalistischer Geschichtsforschung im deutschsprachigen Raum annehmen. Leser*innen, die vor allem nach einem bewältigbaren Überblicksband Ausschau halten, werden sich an Döhrings Einführung erfreuen.

Von besonderem politischen Interesse ist Döhrings abschließende Einschätzung des anarcho-syndikalistischen Potentials im 21. Jahrhundert. Döhring deutet an, dass in einer Zeit prekärer Anstellungsverhältnisse und zunehmender migrantischer Arbeit traditionelle Gewerkschaften schnell an ihre Grenzen stoßen. Dies eröffnet Möglichkeiten für den Syndikalismus, dessen Stärke es seit jeher war, die angeblich Unorganisierbaren zu organisieren bzw. deren Unsicherheit in Radikalität zu verwandeln. Gelegenheiten dazu gäbe es genug, doch scheinen die gegenwärtigen anarcho-syndikalistischen Organisationen zu schwach, sie beim Schopfe zu packen. Nichtsdestotrotz werden syndikalistische Ideen, Prinzipien und Erfahrungen in den kommenden Arbeiterkämpfen eine wichtige Rolle spielen. Alleine deshalb lohnt die Auseinandersetzung mit syndikalistischer Theorie und Geschichte.

Gabriel Kuhn
(August 2017)