Alpine Anarchist meets Süreyyya Evren

August 2010

Süreyyya Evren ist Autor und Kulturtheoretiker und lebt in Istanbul. International ist er vor allem für seine Mitarbeit an der Zeitschrift Siyahi und für seine Beiträge zur Entwicklung postanarchistischer Theorie bekannt.

In den letzten zehn Jahren haben die »türkischen PostanarchistInnen« in einigen anarchistischen Zusammenhängen ziemliche Aufmerksamkeit erregt. Gleichzeitig ist nicht allzu viel über die Leute bekannt, die hinter diesem Phänomen stecken. Kannst du uns diesbezüglich aufklären?

In den letzten zwölf Jahren haben wir als Bezugsgruppe gearbeitet, in der Leute aktiv waren, die sich für ähnliche Fragen interessierten und ähnliche theoretische und politische Standpunkte vertraten. Wir durchliefen drei Hauptphasen, die jeweils an bestimmte Publikationsprojekte geknüpft waren:

1. Das anarchistische Kollektiv Karasin war zwischen 1996 und 1998 aktiv. Das war eine Zeit, in der wir völlig unabhängig publizierten. Wir brachten alles Mögliche – Magazine, Zeitungen, Broschüren – als Photokopien heraus. Für den Vertrieb griffen wir auf bereits existierende Netzwerke subkultureller Fanzine-Vertriebe zurück. Wir betrieben auch eine Website, auf der wir alles veröffentlichten, was wir unter dem Namen Karasin produzierten.

2. Eine Periode des »détournement«, also der Arbeit in anderen Publikationen und Medien, zwischen 2000 und 2003. Wir arbeiteten beispielsweise in einer etablierten Literaturzeitschrift, in einem Comic- und Kulturmagazin, einer Radiostation und in einem Verlagshaus.

3. Schließlich gründeten wir unser eigene »richtige« Zeitschrift – Siyahi. 2003 starteten wir mit einer Website und im November 2004 kam die erste Printnummer heraus, wobei der Fokus auf postanarchistischen Überlegungen lag. Insgesamt haben wir bislang sieben Ausgaben veröffentlicht.

Welche Erfahrungen konntet ihr in diesen unterschiedlichen Perioden sammeln?

Websites können viel erreichen. Die Texte können überall gelesen werden und bleiben lange lebendig. Außerdem ist es sehr einfach, im Internet zu publizieren.

Während unserer ersten Phase hatten wir vor allem mit dem Vertrieb Schwierigkeiten. Wir hatten große Probleme, unser Material in andere Städte zu bringen. Neben Istanbul vertrieben wir lediglich geringe Mengen in Ankara und Bursa. Über unsere Website erhielten wir viel mehr Feedback. Die LeserInnen konnten sich unser Material runterladen und drucken, und Leute haben auch ihre eigenen Broschüren daraus gemacht. Die einfachen technischen Mittel, die wir anwendeten, grenzten allerdings unseren Dialog mit den Leuten außerhalb anarchistischer und subkultureller Zusammenhänge ein. Dies wurde zunehmend zu einem Problem, da wir unsere Ideen vielen LeserInnen, Menschen mit den unterschiedlichsten Interessen, näher bringen wollten.

Zwischen 2000 und 2002, als wir in unterschiedlichen Medienprojekten involviert waren, versuchten wir manchmal, deren Richtung zu verändern, manchmal wollten wir aber auch nur deren Kanäle nutzen. In dieser Zeit entwickelten sich durch die Artikel, die wir für die älteste Literaturzeitschrift der Türkei verfassten, unsere radikale, poststrukturalistische Perspektive. Wir schrieben auch für ein Monatsmagazin aus der Türkei, das vor allem aufgrund seines Comic-Teils sehr beliebt war. Es hatte fast 20.000 LeserInnen im gesamten Land. Wir machten auch ein Radioprogramm auf der prestigeträchtigen und unabhängigen Radiostation Acik Radyo [Offenes Radio] aus Istanbul. Viele Sendungen setzten sich mit Anarchismus und Postanarchismus auseinander.

Zu dieser Zeit arbeiteten wir also in einer Literaturzeitschrift, in einem Comic/Kultur/Literatur-Magazin, in einer Radiostation und einem Verlagshaus. Es gab mehrere Vorteil: wir erreichten ein viel größeres Publikum; wir konnten unsere Ideen dank zahlreicher neuer Einflüsse weiterentwickeln; wir stellten Kontakte zu neuen Leuten her, die an den Themen, an denen wir arbeiteten, interessiert waren; und wir konnten neue Diskussionsbeiträge formulieren. Das Ganze hatte aber auch Nachteile: aufgrund unserer vielfältigen Tätigkeiten wurden unsere Position undeutlicher. Unsere Arbeit wurde im Kontext der Projekte wahrgenommen, für die wir arbeiteten. Deren Ruf färbte gewissermaßen auf uns ab. Es wurde daher notwendig, wieder unabhängige Publikationsforen zu finden, aber gleichzeitig den Kontakt zu einem breiteren Publikum nicht zu verlieren.

Also gründeten wir eine eigene Zeitschrift. Es ergab sich die Möglichkeit, diese in einem neuen unabhängigen Verlagshaus (das sich primär auf Poesie konzentrierte) herauszugeben. Wir veröffentlichten viele Artikel zum Postanarchismus und widmeten uns generell politischen und kulturellen Themen. Siyahi wird landesweit in der Türkei vertrieben.

Kannst du uns erklären, was dein Verständnis des Anarchismus – oder des »Postanarchismus« – ist?

Was wir genau unter »Postanarchismus« verstehen, kann lange diskutiert werden, aber um es einfach zu machen, so würde ich sagen, dass es eine Art aktualisierter »Pananarchismus« ist: ein Anarchismus, der jenseits realpolitischer Einengungen liegt und post-eurozentrische, nicht-moderne Elemente miteinbezieht ebenso wie zeitgenössische theoretische Entwicklungen sowie Kultur im weitesten Sinne. All das führt zu einem Anarchismus, der sich auf verschiedene gesellschaftliche Felder ausdehnen und für unseren Alltag von unmittelbarer Bedeutung sein kann.

Ich würde sagen, dass der Anarchismus historisch der politische Ausdruck der Anti-Moderne bzw. anti-moderner Bewegungen war, die viele künstlerisch-kulturell-politische AktivistInnen hervorgebracht haben. Ich weiß, dass die gängige Definition des Anarchismus, diesen als eine moderen politische Bewegung darstellt, dessen Entwicklung parallel zu jener des Marxismus verlief. Aber das halte ich für falsch. Erstens ist es keine genaue Beschreibung dessen, was historisch passiert ist. Und zweitens tut es dem anarchistischen »Moment« bzw. der anarchistischen »Begierde« unrecht. Letzterer haben wir es zu verdanken, dass der Anarchismus trotz all seiner Feinde immer noch am Leben ist.

Es gibt keinen homogenen und universellen Postanarchismus. Unterschiedliche politische Kulturen bringen unterschiedliche Anarchismen und Postanarchismen hervor. Der Postanarchismus, den wir in der Türkei entwickelt haben, hat seine eigenen Quellen und Intentionen. Er unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht stark vom Postanarchismus der englischsprachigen Länder, zum Beispiel von dem eines Saul Newman.

Der Postanarchismus – und der »Neue Anarchismus« ganz allgemein – eröffnet neue Perspektiven auf den klassischen Anarchismus. Er erlaubt uns, historische Texte des Anarchismus neu zu lesen und zu hinterfragen auf der Basis poststrukturalistischer Theorien. In einem stärkeren Sinne erlaubt er uns, die gesamte anarchistische Geschichtsschreibung in Frage zu stellen: Wer waren die Väter der »Väter des Anarchismus«? Wer oder was wurde ausgeschlossen?

Wenn man eine Einleitung zum Anarchismus aufschlägt, so beginnt es mit den HaupttheoretikerInnen und endet mit einem Teil, der von den »Anwendungen« der Theorien erzählt, die im ersten Teil vorgestellt wurden. Der weltweite Anarchismus lässt sich aber nicht auf die Gedanken einiger weißer Männer reduzieren, die dann irgendwie in der Welt angewandt wurden. Wenn wir das tun, übersehen wir, dass anarchistische Praxis eine Art des Denkens ist: eine Geisteshaltung der Freiheit, Gleichheit, Solidarität und Aktion. Dieses Wesen der Praxis, wo die Ideologie in den Aktionen selbst liegt, bietet neue Möglichkeiten, Anarchismus zu definieren. Die politische Philosophie des Anarchismus kann nicht verstanden werden, indem man lediglich auf ein paar repräsentative DenkerInnen hinweist – wir müssen das ebenso komplexe wie diffuse Netzwerk radikaler Widerstandsformen und -praktiken analysieren. Dieses Netzwerk steht gewissermaßen für eine postanarchistische politische Philosophie, wie ich sie verstehe.

Letztlich ist der Postanarchismus schlicht Anarchismus, aber stärker; stärker deshalb, weil er sich mit verwandten Strömungen vereint, Netzwerke aufbaut mit seinen Nachbarn der Gegenwart wie der Vergangenheit. Anders gesagt: der Postanarchismus ist Anarchismus, nur ohne Eurozentrismus, ohne verstecktes Patriarchat, ohne die politische Theorie über die Kunst oder die Aktion zu stellen. Es geht darum, Anarchismus (in seiner stärkeren postanarchistischen Form) als eine weltweite anti-moderne politische Bewegung zu begreifen, die bereits bestehende oder potentielle Verbindungen zu anderen anti-modernen Bewegungen unterschiedlicher Art eingeht. Wir denken, dass wir einen neuen Anarchismus schaffen müssen, der ein weltweites Phänomen ist – einen Anarchismus, der entweder einen globalen Kern hat oder gar keinen. Das bedeutet, dass wir »Welt-Anarchismen« nicht als exotische Bewegungen an exotischen Orten begreifen, oder als schlichte Anwendung europäischer Ideen, sondern als einzigartige anarchistische Experimente und Perspektiven eines globalen anarchistischen Netzwerks. Dies sollte in seine Hauptdefinition(en) miteinfließen.

Ein solches Verständnis eröffnet auch neue Forschungsgebiete: Themen wie »Die Modernisierung der Dritten Welt und globaler Anarchismus«, »Nationalismus und Dritt-Welt-Anarchismen«, »Anti-koloniale Kriege und Dritt-Welt-Anarchismen«, »Empire und Dritt-Welt-Anarchismen« oder auch »Islam und Anarchismen heute« – kurz, jede mögliche Studie im Spannungsfeld von Modernität, Religion und Anarchismus, mit Berücksichtigung der jeweiligen lokalen Umstände.

Anti-eurozentrische Sichtweisen werden schon seit langer Zeit von unterschiedlichen AutorInnen formuliert. Die Literatur zum Anti-Kolonialismus und Post-Kolonialismus ist ausgesprochen umfangreich. Das heißt, dass wir neben uns neben dem Studium unterschiedlicher Anarchismen auch dem Studium dieser Theorien widem müssen. Verbindungen herzustellen zwischen der Arbeit von Frantz Fanon und dem (Post)Anarchismus sollte beispielsweise als dringende Aufgabe betrachtet werden. Eine postanarchistische Lektüre von Samir Amin, Arif Dirlik, Edward Said, Partha Chatterjee, Martin Bernal, Homi Bhabha und Gayatri Spivak sollten folgen. Ich denke, es ist von wesentlicher Bedeutung, die Werke dieser AutorInnen mit anarchistischen Kämpfen zu verbinden. Die Theorien von Bernal können uns beispielsweise helfen, über die »Erfindung des Anarchismus als westliches Phänomen« zu reflektieren. Ebenso benötigen wir mehr Reflexionen zu Themen wie »Orientalismus und Dritt-Welt-Anarchismen« oder »Post-koloniale Bedingungen und Anarchismus«.

Der Postanarchismus kann auch dabei helfen, Anarchie aus queerer Perspektive zu sehen. Persönlichkeiten wie Voltairine de Cleyre oder Emma Goldman müssen eine viel bedeutendere Position in der anarchistischen Geschichte einnehmen. Englischsprachige PostanarchistInnen erwähnen Emma Goldman nie, wenn sie die Probleme des klassischen Anarchismus kritisieren; aus dem einfachen Grund, dass sie seltsamerweise – oder: moderner Weise – aus dem anarchistischen Kanon ausgeschlossen wurde. Ihre frühen Ansätze, einen nietzscheanischen Anarchismus zu entwickeln, werden daher schlicht übersehen. Die Sache ist die: wenn Goldman in den anarchistischen Kanon mitaufgenommen würde, dann müssen alle eingestehen, dass viele Themen, die angeblich erst in den späten 60er Jahren aufkamen, bereits Teil des klassischen Anarchismus waren. Aber solange sie aus dem Kanon ausgeschlossen bleibt, sind ihre Gedanken nichts anderes als die einer Ausnahmeerscheinung, einer feministischen anarchistischen Migrantin. Damit bleiben sie ohne repräsentativen Wert.

Wie bringst du das alles mit gegenwärtigen politischen Bewegungen in Verbindung?

Der Anarchismus wird weithin als die Bewegung anerkannt, die seit dem Jahr 2000 hinter den Organisationsprinzipien der radikalen sozialen Bewegungen steht. Der Aufstieg der »Antiglobalisierungsbewegung« wurde als Ausdruck eines generellen Wiederauflebens des Anarchismus gesehen. Sie war bunt, energisch, kreativ, effektiv und »neu«. Es schien so, als ob der Anarchismus sich seines Rufs des Chaos und der Gewalt entledigen und sich wieder als politische Philosophie und Bewegung behaupten könnte. Obwohl der Fokus der Mainstream-Medien auf den Schwarzen Block versuchte, das stereotype Bild des Anarchismus zu reproduzieren, brachte es dem Phänomen neue Aufmerksamkeit auf allen Ebenen. Zahlreiche politische TheoretikerInnen und AktivistInnen wandten sich dem Anarchismus zu und es kam zu einer Reihe von Studien zum Anarchismus und der »neuen Bewegung«.

Die Verbindung zwischen dem Anarchismus und der Antiglobalisierungsbewegung war eine wechselseitige. Der Anarchismus bildete die Grundlage wichtiger aktivistischer Netzwerke und war der »zentrale Bezugspunkt für Bewegungen radikalen sozialen Wandels«, wie Uri Gordon in Anarchy Alive! schreibt; die Bewegungen konnten ihre Organisationsformen auf bewährten anarchistischen Prinzipien aufbauen. Gleichzeitig wurde das Entstehen der Antiglobalisierungsbewegung, ihre relativ breite Popularität bzw. die wichtige Rolle, die sie für radikale Politik im 21. Jahrhundert gespielt hat, als Zeichen eines anarchistischen Wiedererstarkens gesehen – schließlich wurden offen anarchistische Inhalte vertreten und eine Reihe der Menschen, die in ihr aktiv waren, bezeichnete sich selbst als AnarchistInnen. Gordon schreibt sogar, dass es in den letzten zehn Jahren zu einem »beeindruckenden Wiederaufleben des Anarchismus als globaler sozialer Bewegung und kohärenter politischer Philosophie kam, in einem Ausmaß, wie dies zuletzt in den 1930er Jahren der Fall war.« Eine Weltanschauung, die lange abgefertigt wurde, musste plötzlich wieder ernst genommen werden. Etwas verkürzt lässt sich sagen, dass die Antiglobalisierungsbewegung den Anarchismus als soziale Bewegung wiederbelebt hat. Die hegemoniale Rolle des Marxismus als der linken Philosophie wurde von der Antiglobalisierungsbewegung stärker in Frage gestellt als vom Zerfall der Sowjetunion. Überall gab es anarchistische Formen des Widerstands und der Organisation. Der Anarchismus war das »Herz der Bewegung«.

Aber dieser starke, aktualisierte gegenwärtige Anarchismus war keine Reinkarnation des Anarchismus des 19. Jahrhunderts, der Ersten Internationalen oder der Spanischen Revolution. Es war vielmehr etwas »Neues« – eine besondere Art des Anarchismus. Aber welche? Das Neueste an diesem »Neuen Anarchismus« war die Breite seiner Bezugnahmen. Alle anarchistischen Ausdrucksformen, zu denen es kam, entsprangen einer unmittelbaren Praxis. Es wurde kaum versucht, diese neue Bewegung als eine Form der »Anwendung« anarchistischer Theorie zu beschreiben. Diese Offenheit machte den »Neuen Anarchismus« schwer fassbar, was bald dazu führte, dass er als Bruch mit dem »klassischen Anarchismus« interpretiert wurde.

»Klassischer Anarchismus« ist natürlich seinerseits ein kontroverser Begriff. Er wird in der Regel als eine starre Ideologie präsentiert, die von einer kleinen Gruppe anarchistischer AutorInnen des 19. Jahrhunderts formuliert wurden – deren Ideen oft genug vereinfacht werden, um eigene Vorurteile über diesen »klassischen Anarchismus« zu bekräften. Daraus entstand die Gegenüberstellung eines »klassischen Anarchismus« und eines »Postanarchismus«. Die Debatte war das Resultat des Versuchs, den Anarchismus neu zu begreifen. »Postanarchismus« wurde in diesem Kontext geboren.

Du bist mit dieser Gegenüberstellung nicht glücklich?

Postanarchismus stellt sich nicht gegen andere Anarchismen – er sucht seinen Platz neben ihnen. Das Präfix »Post-« hat wohl einige Verwirrung gestiftet. Leute zogen aus seiner Anwendung den Schluss, dass es darum ging, den Anarchismus für überholt oder obsolet zu erklären.

Für mich befindet sich der Postanarchismus immer noch in einer Anfangsphase. Es wird unter diesem Namen in vielen Ländern gearbeitet, aber es gibt nur bescheidene Kommunikation zwischen denjenigen, die diese Arbeit machen. Die bekanntesten postanarchistischen Texte – die wesentlich mit der Unterscheidung von einem »klassischen Anarchismus« operierten – haben es verabsäumt, den anarchistischen Kanon neu zu lesen; sie haben diesen nicht poststrukturalistisch untersucht, sondern ihn als modernistischen Gegensatz zu poststrukturalistischer Theorie konstruiert. Das hat meines Erachtens viele Probleme geschaffen.

Was hältst du vom Begriff »poststrukturalistischer Anarchismus«?

Das Problem mit diesem Begriff ist, dass er ein sehr eingeschränkter ist: er bindet den Anarchismus an eine kleine Gruppe von DenkerInnen, die den sogenannten Poststrukturalismus entwickelt haben. Dieser Zugang schließt spannende Untersuchungen aus, beispielsweise die Bedeutung von Bakhtins für den Anarchismus, der allgemein nicht als Vertreter des Poststrukturalismus gesehen wird, aber wesentlichen Einfluss auf ihn hatte. Aber nicht nur das: vor allem reduziert der Begriff den Anarchismus auf eine theoretische Auseinandersetzung – künstlerische Interventionen oder Interventionen des Alltags können mit ihm nicht erfasst werden.

In diesem Sinne wäre »postmoderner Anarchismus« als Begriff offener, flexibler und produktiver. Allerdings hat der Begriff »postmodern« heute viele negative Konnotationen. In wissenschaftlichen Zusammenhängen wird er kaum noch ernst genommen und viele AktivistInnen sehen in ihm nichts als eine Falle des weltweiten Neoliberalismus. Zudem sprachen sich einige der bekanntesten anarchistische AutorInnen des 20. Jahrhunderts, wie Murray Bookchin, Noam Chomsky oder John Zerzan, explizit gegen den »Postmodernismus« aus, was den Postmodernismus innerhalb des Anarchismus allgemein diskreditierte.

Woher kam dein Interesse, postmoderne/poststrukturalistische Theorie mit dem Anarchismus in Verbindung zu bringen?

Persönlich wurde mir sowohl der Anarchismus als auch der Poststrukturalismus durch Kuhn, Feyerabend und Koyre näher gebracht. Eine besondere Rolle spielten natürlich auch die spezifischen Bedingungen in der Türkei der 1990er Jahre. Auch dort gewann der Anarchismus zunehmend an politischer Bedeutung. Er war dynamisch und voller Energie. Das gleiche galt für den Poststrukturalismus. Es dauerte seine Zeit, bis die zentralen Werke des Poststrukturalismus ins Türkische übersetzt wurden. Sowohl der Anarchismus als auch der Poststrukturalismus waren also neue und inspirierende Bewegungen für uns. Zudem engagierte ich mich zu jener Zeit sehr im Kunstbereich, wo ich eine ähnliche Energie wahrnahm. Für mich bildete all das eine ungemein spannende Einheit.

Würdest du sagen, dass der »Postanarchismus« die einzige Zukunft für den Anarchismus ist? Sollten wir uns alle als »PostanarchistInnen« betrachten?

Der Anarchismus – egal in welcher Form – sollte nicht als homogenes Ganzes betrachtet werden. Es hat immer interne Zerwürfnisse, Spaltungen und Konflikte gegeben, und das wird auch in der Zukunft so sein. Der Hauptkonflikt wird dabei jener zwischen orthodoxen und heterodoxen Tendenzen bleiben. Das gilt auch für den Postanarchismus. Es wird orthodoxe und heterodoxe PostanarchistInnen geben.

Ich denke, dass der orthodoxe Anarchismus ein Anarchismus ist, der bestimmten Festlegungen des Anarchismus entspringt. Ich bin zweifelsohne für das heterodoxe Lager. Und der Postanarchismus, den wir entwickelt haben, ist – gemeinsam mit vielen anderen Postanarchismen, die auf der Welt entwickelt wurden – im heterodoxen Lager angesiedelt.

Fernab aller Labels: wie sollte eine (post)anarchistische Zukunft aussehen? Welche Möglichkeiten siehst du für den Anarchismus – in der Türkei und allgemein?

Allgemein erwarte ich mir neue Debatten – für diese gibt es auch schon genügend Anzeichen. Es gibt eine Menge anarchistischer Tabus. Neue Debatten und Konzepte werden diese in Frage stellen – was gut für heterodoxe Strömungen ist. Das Wissen, das AnarchistInnen produzieren, wächst ständig. Damit meine ich nicht Wissen über den Anarchismus, nichts rein Kognitives, sondern Wissen in einem weit umfassenderen Sinne. Dies wird zwangsläufig zu einer weiteren Belebung des Anarchismus beitragen.

Was die Türkei betrifft, so sind Prognosen schwer zu treffen – wer weiß, ob das Militär nicht morgen früh einen Staatsstreich inszenieren wird?