Rezension von
Robert Foltin, Herbst 1918: ein Anfang (Wien: edition grundrisse, 2013) und Die Rote Garde in Wien (Wien: edition grundrisse, 2016)

Robert Foltin ist bekannt als Verfasser einer Reihe von Büchern zu sozialen und autonomen Bewegungen. Nunmehr ist er auch Romanautor. Thematisch bleibt er sich jedoch treu. Der Stoff, dessen er sich für die Bücher Herbst 1918: ein Anfang und Die Rote Garde in Wien angenommen hat, sind die linksradikalen Bewegungen in Österreich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Das Kaiserreich zerfällt und im neu gegründeten Deutsch-Österreich – das letzten Endes auf Geheiß der Siegermächte diesen Namen nicht tragen darf – beginnt der Streit um die politische Zukunft. Neben der gut aufgestellten Sozialdemokratie, die sich mit den bürgerlichen und reaktionären Kräften misst, gibt es auch kommunistische, syndikalistische und anarchistische Strömungen. Diese sind es, die Foltin beschreibt.

Man muss Herbst 1918 nicht gelesen haben, um Die Rote Garde wertschätzen zu können (die wichtigsten Ereignisse aus dem ersten werden zu Beginn des zweiten Bandes noch einmal zusammengefasst), aber das Bild wird runder. Foltin erzählt entlang des Lebens von Jakob, einem desertierten Soldaten aus Salzburg, der nach Wien geflüchtet ist und dort – politisch wie sexuell leicht naiv – in die Welt des linken Untergrunds eintaucht. Wir begegnen Steffi, einer alten Bekannten Jakobs, dem jüdischen Anarchisten Jossel, dem Homosexuellen Franz und anderen Mitstreiter*innen. Auf der anderen Seite stehen Deutschnationale, die es auf die linken Revolutionäre abgesehen haben. Vor allem deren Anführer Soucek erlebt dies auch als persönlichen Rachefeldzug, da er Jakob ursprünglich unter kompromittierenden Umständen begegnet war.

Im Rahmen dieser fiktiven Erzählung treffen wir auf historische Persönlichkeiten und Organisationen, etwa den späteren Vorsitzenden des Republikanischen Schutzbundes Julius Deutsch, den „rasenden Reporter“ Egon Erwin Kisch, die Rote Garde (Namensgeberin von Foltins zweitem Band) und die Föderation Revolutionäre Sozialisten „Internationale“ (FRSI), einer wenig erforschten Organisation von libertären Kommunist*innen und Anarchist*innen, der Foltin besondere Aufmerksamkeit schenkt. Auch auf Ereignisse wie das Attentat Friedrich Adlers auf den Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh 1916 oder die Schüsse am Parlament anlässlich der Ausrufung der Republik am 12. November 1918 wird Bezug genommen. Angereichert ist alles mit Originalzitaten aus Flugblättern und Zeitungen.

Die Verwebung von historischen Fakten und belletristischen Freiheiten funktioniert erstaunlich gut. Foltin gelingt ist, eine sowohl interessante als auch spannende Geschichte zu erzählen. Allzu oft wird in linksradikaler Prosa eine wenig ansprechende Form den vermeintlich wichtigeren Inhalten übergestülpt; das Ergebnis wirkt steif und literarische Elemente kommen kaum zur Geltung.

Nur manchmal erinnern Foltins Dialoge etwas zu sehr an politische Textbücher. Es werden Fragen gestellt, die sehr an gegenwärtige Debatten erinnern, beispielsweise: „War das jetzt nicht das Benutzen von Frauenfeindlichkeit, wie Jakob Homosexuellenfeindlichkeit benutzt hatte?“ Hin und wieder wirkt es so, als würde Foltin sich an einer Liste von Themen abarbeiten, die alle zumindest einmal auftauchen müssen. Aber diese Neigungen halten sich in Grenzen. Zudem sind vorschnelle Urteile fehl am Platz. So erklärt Foltin im Nachwort von Die Rote Garde, dass innerhalb des FRSI tatsächlich von „Arbeitenden“ anstatt von „Arbeitern“ gesprochen wurde – eine Wortwahl, die offenbar nicht nur ich für wenig authentisch gehalten hatte.

Einen wichtigen Aspekt in Foltins Erzählung nimmt die Sexualität ein. Seine Protagonistin Katharina lässt er aussprechen: „Ich bin kein Kind von Traurigkeit. Außerdem bin ich Revolutionärin. Nicht nur politisch, sondern auch, wenn es um die Liebe geht!“ Dies prägt Foltins Schilderungen und er lässt seine Leser*innen in das Wien des Sigmund Freud und Otto Gross eintauchen.

Persönlich sprach mich der erste Band in seiner Prägnanz und Direktheit mehr an als der umfangreichere zweite, aber das ist Geschmackssache. Jakob und Steffi wurden zu vertrauten Charakteren, deren Lebenswege ich mit Neugierde verfolgte. Insofern ist es höchst erfreulich, dass Foltin bereits an einer weiteren Fortsetzung seiner Erzählung (Arbeitstitel „Weißer Terror“) sitzt.

Herbst 1918: ein Anfang und Die Rote Garde in Wien sind bei der edition grundrisse erschienen, dessen Name der inzwischen eingestellten Zeitschrift entspricht, deren Mitherausgeber Robert Foltin lange Jahre war. Es handelt sich hier also um ein linksradikales belletristisches DIY-Projekt. Das alleine ist unterstützenswert!

Gabriel Kuhn

(Dezember 2016)