Alpine Anarchist meets Gerd Dembowski

August 2009

Wie ergeben deine vielen Interessen und Aktivitäten – Fußball, Musik, Schreiben, Theorie, Reisen, autonome Kultur – ein »politisches Projekt«?

Mein Leben ist ein stets waberndes, sich im Werden befindendes, anarchistisches Projekt. Die Deterritorialisierung von Fußball ist da ein Schwerpunkt, genauso wie Country- und Folkmusik. Das sind meine Leidenschaften. Und gerade deshalb gilt es, sie vehement zu kritisieren. Dieter Bott sagte mal, dass er in einer anderen Welt vielleicht Theaterstücke schreiben und aufführen würde. Da er aber ein politischer Mensch sei, gerate er in andere Bereiche.

Trotz und gerade wegen der vernichtenden Popkritik im Buch Alles Pop? Kapitalismus & Subversion, das ich mit Marvin Chlada und Deniz Ünlü herausgegeben habe, gibt es Leben im Falschen. Ich kann mich nicht nicht darin bewegen. Und Bewegung in der Popkultur in Verknüpfung mit wissenschaftlicher Reflexion scheint mir da noch am nächsten an den Menschen.

Wenn alles vereinnehmbar ist, kann ich auch alles umdeuten, muss nichts und schon gar nicht mich ernst nehmen. Countrymusik jenseits von Johnny Cash in Verbindung mit Kinderinstrumenten und Spielzeug ist da ein bewusstes Vehikel, um mich in meinen Lesungen aufzuputschen und das Geschriebene zu brechen. Bei den Lesungen geht es mir darum, keine Literatur zu schaffen, nichts zu erfinden außer mich selbst als stets im Scheitern begriffenes, Fehler machendes Projekt, indem ich werde, was ich anspreche. Dadurch bin ich im Vordergrund aber auch wieder nicht, weil Andockpunkte für die Menschen entstehen, die mit im Raum sind. Die meisten sind verwirrt und fragen: »Hast du das wirklich erlebt oder ist das und die Figur erfunden?« Mir sind da die Live-Auftritte das wichtigste, wo die Leute spüren, dass es darum geht, politische Kritik und Leidenschaften in dilettantisch inbrünstiger Weise zu werden. Zum Getriebenen zu werden, und das unvermittelt wieder mit einem Augenzwinkern zu brechen. Ein Stück weit ist das auch Selbstausstellung und Therapie, die mir hilft, politisch weiterzumachen, das nötige Feuer am lodern zu halten. Mit meiner Sozialisation fällt mir als wenig gruppenorientiertem Menschen noch nichts Besseres ein.

Das mache ich vor Leuten, die komplett anders denken und bekomme genug Rückmeldung. Ich mache das aber auch sehr gern in Hausprojekten, besonders im ländlichen Raum, wo es mir darum geht, Impulse zu geben, wach zu rufen, Mut zuzusprechen und auch selbst zu fühlen, dass es Verbündete und Rückzugsorte gibt, wenn gar nichts mehr geht. Das kommt vor, wenn du 75% deines Lebens auf Achse bist und dazu mit Berlin, Brighton und der schottischen Insel Arran zeitweise drei wohnsitzähnliche Situationen – und damit wieder keine wirkliche – hast. Einerseits fühlt sich das oft genug wie Freiheit an. Ein Gefühl, das mich antreibt. Andererseits kann so eine Entwurzelung dann auch besonders böse ins Herz stechen, wenn Stimmungen kumulieren und ich realisiere, dass die Welt trotz des Engagements vieler Kolleg_inn_en um mich herum noch so wenig die ist, in die ich gern geboren worden wäre. Manchmal flüchte ich dann, z.B. in die Hausprojekte nach Neugersdorf oder Eisenberg, um dort bei lieben Menschen anzuhalten, Verzweiflung in Trotz umschlagen zu lassen. Solche Wellenbewegungen nicht sukzessive zu verdrängen, sondern sie zuzulassen, ist wichtig, damit ich aus einer Zeit der selbst gewählten Stille heraus immer wieder laut schreien kann. Mein Motto ist da ein Satz von Gilles Deleuze: »Weder zur Furcht noch zur Hoffnung besteht Grund, sondern nur dazu, neue Waffen zu suchen.«

Da gehört z.B. auch die Aktion »Die WM kommt – Fefczak geht« zur WM 2006 in Deutschland hin. Als Kunstfigur Fefczak bin ich als Fußballfan während der WM auf eine einsame Insel geflohen. Dort habe ich mit Carsten Does und Elsa Rodeck einen Chat eingerichtet, eine Taz-Kolumne geschrieben und Videos bei YouTube veröffentlicht, um zu erklären, warum mir Fußball zu viel wird. Der vereinheitlichte Massenmove reagierte erbost, bis heute kommen genervte Kommentare auf das Video, in dem ich ganz platt eine Deutschland-Fahne zerschneide und zu einem schwarz-roten Tischtuch umwidme. Mir ging es um klare Botschaften, während die meisten nur auf ›Faken Faken Faken‹ setzten. »Scheiß WM« funktionierte da beispielsweise als Slogan auf dem T-Shirt, wenn ich auf der Warschauer Brücke in Berlin angespuckt oder als »Kranker« fast körperlich angegriffen wurde.

Es geht mir um einfache, vielleicht hilflose Technologien des Widerstands, um Verzweiflung und Trotz: »Stellen wir uns so eine einsame Existenz nicht als persönliche Flucht, philosophischen Eskapismus, subjektive Rettung oder als Autismus vor, sondern als ein seltsames, für die Umgebung unerklärliches Experiment, das auf konsequenter Asozialität basiert.« In »Was tun? 54 Technologien des kulturellen Widerstandes« fordern Alexander Brener und Barbara Schurz dazu auf, den Ort des eigenen Daseins zu verändern: »Stellen wir uns so eine/n einsame/n KämpferIn zuerst am Dach unter dem Nachthimmel, den Morgenwolken vor und dann im Gefängnis, in das er/sie bei Bestehen auf dieser widerständischen Praxis wandern würde.«

Als fundamentales Element hat sich da das Reisen etabliert: ich bin 75% des Jahres unterwegs. Ich kann nicht ankommen. Dabei entstehen viel zu viele Projektideen, die mich immer wieder in Zeitnöte bringen und z.T. dann wieder einfrieren, wie die Idee den Europavertrieb für das DIY-Label Plan-it-X aufzubauen. Die Politik »If it ain't cheap, it ain't Punk« meines Freundes Chris Clavin, seine Art zu leben, gibt mir viel Kraft. Dabei interessiert mich die kleine Weigerung, nicht alles hübsch zu machen, obwohl es ginge. Mich zieht an, wie Bands wie Ghost Mice, »Defiance, Ohio«, der Singer/Songwriter Paul Baribeau und Spoonboy ein unstetes Hobo-Leben vorleben. Seit mehr als einem Jahrzehnt hat sich in den USA eine neue DIY-Szene in den Basements entwickelt. Oft ohne Amps und Mikrofone wird auch in Parks, im Busch oder unter Brücken gespielt, um dort Leute zu erreichen, die was anderes wollen, als den alten Trott. Das kann klingen wie sich die Carter Family vor der ersten Country-Aufnahme der Welt in den 1920ern womöglich gefühlt hat, so brachial wie Woody Guthrie nach dem Absprung vom Frachtzug – überzeugend, herzlich, voll vom Wunsch nach Freiheit, immer mit dem Wissen des Punk. Es geht um den ständigen Kampf gegen sich selbst und den Alltag, aber alles andere als verbissen. Es geht ums Klauen, Seifenkistenrennen, lecker Essen, Trampen, Lieben, Aufbauen radikaler Communities, Tod, Familie, Depression und Selbstmord.

Bald werde ich Chris Clavin dabei helfen, eine Ruine in der fast unbewohnten Stadt Cairo in Illinois, die mal 50.000 Einwohner hatte, wieder herzurichten. Das ist nicht nur sein Haus, sondern es ist offen. Inzwischen wollen mehr Anarchist_innen dorthin, um die Stadt auf ihre Art wieder zu beleben. Das ist kein Exit-Ding, das vielleicht viele Anarchist_innen haben, denn Chris wird weiter ziehen, wenn er es so empfindet und ein anderes politisches Leben ihn weiter treibt. Es ist immer gut, Platz für einen Plan B zu schaffen. In Zeiten ohne Massenbewegung würden er und ich sonst untergehen.

Das alles hier ist chaotisch und ergibt vermutlich wenig Sinn, aber von einem Interview ist auch nicht allzu viel zu verlangen.