Interview mit Sam Buchanan über Anarchismus in Aotearoa/Neuseeland

Das Interview wurde im Jahr 2010 geführt und ist in dem Buch »Von Jakarta bis Johannesburg: Anarchismus weltweit« erschienen. Diese Version kann sich in sprachlichen Details von der im Buch enthaltenen Version unterscheiden und beinhaltet keine erklärenden Fußnoten.

Was gibt es zur Geschichte des Anarchismus in Neuseeland zu berichten?

Anarchismus gibt es in Neuseeland schon so lange, wie es Menschen hier gibt, was noch nicht allzu lange der Fall ist. Die ersten Menschen – polynesische SiedlerInnen von den Pazifischen Inseln, die eine Kultur hervorbrachten, die später als Maori bezeichnet wurde – besiedelten die Inseln ungefähr vor 1200 Jahren. Die Maori-Gesellschaft war in dezentralen politischen Einheiten, die hapu genannt wurden, organisiert. Jede hapu umfasste ein paar größere Familien. Die hapus waren wiederum in einer Art Föderation vereint, die den Namen iwi trug. Dabei handelte es sich um größere Gruppen, die sich auf dieselbe Ahnenreihe bezogen – und die später oft als »Stamm« bezeichnet wurden –, wobei manche iwi lose Verbindungen zu anderen iwi unterhielten.

Es gab anarchistische Elemente in der Gesellschaftsstruktur der Maori, wie das oft der Fall ist in Kulturen, denen jene Unterdrückungsapparate fehlen, die es einer Minderheit erlauben, eine undemokratische Herrschaft aufrechtzuerhalten. Alle Menschen der Gemeinschaft konnten sich an Diskussions- und Entscheidungsprozessen beteiligen und die Arbeit im hapu wurde kollektiv geplant und verrichtet. Landwirtschaftliche Flächen und andere Ressourcen waren in kollektivem Besitz. Andere Elemente der Maori-Kultur, wie zum Beispiel die Kriegsführung, die Versklavung von Gefangenen und die Vererbung von Führungspositionen (rangatira) in den hapu und iwi sind wiederum ganz klar nicht anarchistisch.

Der europäische Anarchismus kam mit den SiedlerInnen im späten 19. Jahrhundert auf die Inseln. Einige dieser SiedlerInnen beabsichtigten, kollektiv verwaltete Gemeinschaften auf der Grundlage anarchistischer Prinzipien zu verwirklichen, aber diese Projekte waren nicht von Dauer. Es ist schwer zu sagen warum. Es wurde dazu bisher nur wenig Forschungsarbeit geleistet.

Im frühen 20. Jahrhundert waren syndikalistische Gewerkschaften stark, die radikale Gewerkschaftsbewegung wurde aber nach der Niederschlagung des Generalstreiks 1913 wieder schwächer, obwohl sich bis heute radikale Elemente halten.

In den 1960er und 1970er Jahren gab es wichtige anarchistische Fraktionen in Gewerkschaften, in sozialen Bewegungen wie der Friedens- und der Anti-Atom-Bewegung, in der Bewegung gegen den Vietnamkrieg, in Anti-Apartheid-Gruppen und in subkulturellen Initiativen. Frühe feministische Projekte wie zum Beispiel Women's Refuge waren stark anarchistisch beeinflusst.

Beinahe alle, die in den 1960er und 1970er Jahren aktiv waren, änderten ihre Ansichten jedoch in den 80er Jahren oder verabschiedeten sich vom politischen Aktivismus. Gleichzeitig kam es in der jüngeren Generation zu einem neuen Interesse am Anarchismus. Im Jahr 1987 wurde die Zeitschrift The State Adversary ins Leben gerufen, und es entstand eine anarchistisch orientierte Punkszene. 1990 wurde in Wellington eine anarchistische Gruppe namens Committee for the Establishment of Civilisation gegründet und kurz darauf folgte eine anarchafeministische Gruppe. Seither hat anarchistischer Aktivismus an Kontinuität gewonnen, während andere soziale Bewegungen zunehmend verschwanden. Anfang 2000 kam es zu einer besonders starken Protestwelle im Kontext der Antiglobalisierungsbewegung und der Opposition gegen die Freihandelspolitik – diese ist mittlerweile jedoch wieder abgeklungen.

Was waren historisch die wichtigsten Themen für neuseeländische AnarchistInnen? Und welche sind es heute?

Im Moment engagieren sich AnarchistInnen in einer Reihe von Fragen, wobei es kein wirklich dominantes Thema gibt. Manche sind in internationale Solidaritätskampagnen involviert, etwa zu Palästina, Burma oder Chiapas. Es gibt eine starke feministische Strömung, die sich vor allem auf Themen wie sexuellen Missbrauch konzentriert. Gender und identitätspolitische Fragen sind sehr wichtig. Viele AnarchistInnen engagieren sich in Kampagnen, die Maßnahmen gegen den Klimawandel fordern. Ökologische Aspekte sind allgemein von großer Bedeutung, wobei die Ökologiebewegung in Neuseeland insgesamt an Kraft verloren hat, da die Grüne Partei sich vor allem auf den Aufbau ihrer Strukturen und einer parlamentarische Bürokratie konzentriert hat. AnarchistInnen sind zudem in Streikkampagnen aktiv und protestieren gegen Neuseelands Beteiligung am Krieg in Afghanistan. Darüber hinaus gibt es Gruppen, die Maori-AktivistInnen unterstützen. Auch die drohende Privatisierung der Wasserversorgung und die damit einhergehende Reform des Tarifsystems sind ein wichtiges Thema. Nachbarschaftsgärten wurden in letzter Zeit immer beliebter und sind Teil eines Trends, der nach lokalen Alternativen zu kapitalistischen Produktionsweisen Ausschau hält. Es gibt auch eine kleine Bewegung christlicher AnarchistInnen, die sich gegen den rechtsgerichteten christlichen Fundamentalismus und gegen die Konsumgesellschaft wendet. Diese AktivistInnen arbeiten auch viel mit Menschen zusammen, die von Armut und persönlichen Problemen betroffen sind.

Sind diese christlichen AnarchistInnen organisiert oder handelt es sich hier eher um ein loses Netzwerk?

Es gibt eine Organisation namens South Pacific Christian Anarchists (SPCA), wobei der Name ein Scherz ist, da SPCA auch für eine sehr bekannte Tierschutzorganisation steht. Die christlich-anarchistische Szene zeichnet sich durch viel Humor aus. In SPCA sind Leute aus Neuseeland und Australien organisiert. Seit 2006 halten sie abwechselnd in Neuseeland und in Australien eine jährliche Konferenz ab. Bei der letzten Konferenz in Melbourne waren ungefähr 70 Leute anwesend.

Die Entkolonialisierung ist ein wichtiges Thema, mit dem sich SPCA auseinandersetzt, da sowohl Neuseeland als auch Australien britische Kolonien waren und die indigene Bevölkerung immer noch unter den Auswirkungen der 200-jährigen Herrschaft weißer SiedlerInnen und der europäischen Missionierung leidet. SPCA veröffentlicht hin und wieder eine Zeitschrift und unterhält Verbindungen zu den Leuten von jesusradicals.com in den USA.

Auch das Catholic Worker Movement ist in Neuseeland aktiv, betreibt kleine Farmen und hat AnhängerInnen in den größeren Städten. Dieses Jahr stehen drei von ihnen vor Gericht, da ihnen vorgeworfen wird, in eine Einrichtung eingedrungen zu sein, die von der neuseeländischen Regierung für Spionagezwecke verwendet wird. Dort werden Informationen via Satellit abgefangen und an die USA weitergereicht. Die AktivistInnen machten eine der Satellitenschüsseln untauglich. Danach bauten sie einen Schrein und beteten.

Es gibt zudem einige christliche Gruppierungen, die zu Themen wie Armut und Antimilitarismus arbeiten, in Nachbarschaftsgärten engagiert sind und die Bibel aus radikaler Perspektive lesen; sie bezeichnen sich nicht unbedingt als »anarchistisch«, obwohl sie nach anarchistischen Prinzipien arbeiten.

Wie würdest du die Stärke der gegenwärtigen anarchistischen Bewegung einschätzen?

Die Bewegung ist momentan etwas unbeständig. Einerseits gibt es kontinuierliche Aktivitäten, andererseits bestehen diese zumeist aus kleineren Veranstaltungen und unregelmäßig erscheinenden Publikationen.

Es ist nicht so einfach, in Neuseeland eine Bewegung zu organisieren. Ein Teil des Problems sind die geographischen Voraussetzungen, da es in einem Land, das rund 75 Prozent der Fläche Deutschlands aber nur fünf Prozent der Bevölkerung hat, recht schwierig ist, eine größere Anzahl kritischer Menschen zusammenzubringen. AnarchistInnen haben zudem die Angewohnheit, viel herumzureisen, und NeuseeländerInnen sind besonders aktive Reisende – was es schwierig machen kann, Projekte aufrechtzuerhalten.

Aus den USA kommen eine Reihe zweifelhafter anarchistischer Ideen nach Neuseeland, vor allem was die Propagierung sehr lockerer, sich permanent ändernder Organisationsformen betrifft, die sich hauptsächlich auf persönliche Verbindungen stützen. Solche Gruppen bestehen zumeist nicht lange genug, um breitere soziale Bewegungen aufbauen und effektive praktische Arbeit leisten zu können. Lose organisierte Gruppen motivieren Leute eher dazu, eine Gruppe bei Problemen zu verlassen und eine neue zu gründen, anstatt sich kollektiv mit den Problemen auseinanderzusetzen. Das heißt, es entwickelt sich kaum etwas und Leute übernehmen keine Verantwortung. Dennoch wurden in den letzten Jahren zwei Organisationen namens Aotearoa Workers Solidarity und Beyond Resistance gegründet, die versuchen, verbindlichere Strukturen aufzubauen und klarere politische Inhalte zu formulieren. Möglicherweise bedeutet dies, dass wir uns langsam vom Prinzip der »Nicht-Organisierung« wegbewegen.

Die Ideen aus den USA scheinen vor allem von jüngeren NeuseeländerInnen aufgenommen zu werden, die in einem stark vom Neoliberalismus geprägten Umfeld aufgewachsen sind. Sie konzentrieren sich weit stärker auf individuelle Interessen als ältere AktivistInnen. Vor dem Angriff des Neoliberalismus, der mit dem Wahlsieg der Labour Party im Jahr 1984 begann – einer offiziell sozialdemokratischen, aber stark rechtsgerichteten Partei –, war Neuseeland von sozialistischen Ideen geprägt. Es gab ein viel besseres Verständnis für den Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Individuum. Der Neoliberalismus hingegen betrachtet das Individuum als völlig autonom, und so neigen junge NeuseeländerInnen dazu, individuelle Aktion für wichtiger zu erachten als gesellschaftlichen Zusammenhalt – und das gilt für alle, egal, welche politischen Ansichten sie haben. Ein Resultat dieser Entwicklung ist es, sich im ökonomischen Bereich auf den Konsum zu konzentrieren, nicht auf die Produktion. Die KapitalistInnen behaupten, dass der Markt lediglich das produziere, wonach die KundInnen verlangen – also sind es die KonsumentInnen, die hier für die Verbrechen der KapitalistInnen verantwortlich gemacht werden. Manche AnarchistInnen scheinen diese Logik des freien Marktes akzeptiert zu haben; mit anderen Worten, sie teilen die Überzeugung, dass die gesellschaftliche Realität das Resultat freier individueller Entscheidungen ist. Dementsprechend richtet sich ein Großteil ihrer Aufmerksamkeit darauf, wie wir uns als Individuen verhalten sollen, was wir kaufen oder essen, wie wir unser tägliches Leben regeln, wie wir unsere Beziehungen gestalten, wie wir unsere sexuelle Identität definieren usw. All das berührt natürlich wichtige Fragen in einem Kampf um Befreiung, aber die zentrale Aufgabe des Anarchismus wird dabei übersehen, nämlich kollektive Organisationsformen zu etablieren, die es uns erlauben, das, was wir zum Leben brauchen, selbst zu produzieren, ohne die Herrschaft einiger weniger. Zudem gibt es die Tendenz, informelle Hierarchien und gruppeninterne Probleme zu ignorieren, um Dinge schnell »erledigen« zu können und unmittelbar »zur Aktion« zu schreiten – was viele problematische Implikationen hat.

Im Jahr 2007 wurden einige AnarchistInnen im Rahmen der neuseeländischen Anti-Terror-Gesetzgebung verhaftet. Kannst du uns etwas mehr darüber erzählen? Wie steht es um die Verhafteten heute?

Es wurden ungefähr zwanzig Leute verhaftet, weil sie mit angeblichen »Trainingscamps« in den Ureweras in Verbindung gebracht wurden. Die Ureweras sind eine Bergregion auf der Nordinsel, die hauptsächlich von den Tuhoe, einem Maori iwi mit einer langen Geschichte des Kampfes für Autonomie und Unabhängigkeit, bewohnt wird. Im Jahr 1916 wurde das Dorf Maungapohatu von der Polizei attackiert, was gleichzeitig die letzte bewaffnete Regierungsaneignung von Maori-Land war.

Die Polizei klagte die Leute, die 2007 verhaftet wurden, schlussendlich nicht für Terrorismus an, sondern für die »Vorbereitung gewalttätiger Aktionen«. Alle Anklagen, die auf das Terrorismusgesetz Bezug nahmen, wurden fallen gelassen. Die AktivistInnen waren zwischen einer und vier Wochen in Haft und wurden gegen Kaution wieder freigelassen. Die meisten werden jetzt wegen Waffenbesitzes angeklagt, einige auch wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Die Anklagen wegen Waffenbesitzes sind sehr vage. Du kannst in Neuseeland des Waffenbesitzes angeklagt werden, ohne jemals eine Waffe berührt zu haben. Es reicht aus, in der Nähe einer Waffe gewesen zu sein. Dies macht es schwer, sich zu verteidigen. Der Besitz von Schusswaffen ist in Neuseeland auf dem Land durchaus üblich, wo die Jagd eine traditionelle Aktivität der ArbeiterInnenklasse ist.

Über ein paar Monate hinweg mussten die Verhafteten immer wieder vor Gericht erscheinen und sich regelmäßig bei der Polizei melden, das ist aber größtenteils nicht mehr der Fall. Das Gerichtsverfahren ist für den August 2011 angesetzt. Das Ganze wird die Betroffenen also sehr lange beschäftigen, unabhängig davon, wie das Verfahren letztendlich ausgeht.

Unter den Verhafteten waren nicht nur AnarchistInnen, sondern beispielsweise auch Maori-AktivistInnen. Gibt es eine starke Verbindung zwischen anarchistischer Politik und indigenen Kämpfen?

Für anarchistische Maori als Betroffene kolonialer Politik ist diese Verbindung klar. Als Pakeha – also als Neuseeländer europäischer Herkunft – kann ich aber nicht für sie sprechen. Pakeha-AnarchistInnen haben sich viel mit dem Kolonialismus und ihrer eigenen Rolle in der kolonialen Geschichte auseinandergesetzt, aber ich denke nicht, dass wir bislang zu verbindlichen kollektiven Schlüssen gekommen sind. Daran arbeiten wir noch.

Was die Beziehungen zwischen der anarchistischen Bewegung und Maori-AktivistInnen betrifft, so ändern sich diese ständig entsprechend der jeweiligen politischen Situation. Wenn Maori-Gruppen Aktivitäten initiieren, denen AnarchistInnen positiv gegenüberstehen, wie zum Beispiel Landbesetzungen, werden sie von diesen in der Regel unterstützt. Leider sind Maori-Projekte, die nicht unmittelbar auf Konfrontation ausgerichtet waren, bisher nur wenig unterstützt worden, aber das beginnt sich zu ändern.

Allgemein gesprochen, unterstützen Pakeha-AnarchistInnen Maori dann, wenn sie die Fähigkeiten und die Ressourcen dazu haben, wobei es für Pakeha-AnarchistInnen nicht immer angemessen ist, sich in die Aktivitäten der Maori einzumischen. Die Maori müssen die Kontrolle über ihre Initiativen behalten und selbst bestimmen, von wem sie unterstützt werden wollen. Eine Gruppe AnarchistInnen, die uneingeladen auftaucht, kann als Belästigung wahrgenommen werden und es können unangenehme Situationen entstehen.

Was sind die Hauptthemen, mit denen sich radikale indigene AktivistInnen auseinandersetzen?

Viele Themen, mit denen sie sich auseinandersetzen, sind Themen, mit denen sich alle AktivistInnen auseinandersetzen müssen, vornehmlich das Verteidigen gemeinschaftlicher Strukturen, ökologischer Zusammenhänge und der Freiheit, die wir haben. Themen, mit denen sich Maori im Speziellen auseinandersetzen, sind sehr vielfältig: In den letzten Jahrzehnten wurden wichtige Fortschritte gemacht, was das Überleben ihrer Kultur und Sprache betrifft. Im ökonomischen Bereich hingegen konnte nur wenig erreicht werden. Maori sind in viel höherem Maße als Pakeha von Arbeitslosigkeit betroffen, sie werden öfter inhaftiert und schließen seltener die Schule ab. Die herrschende Pakeha-Klasse hat sich bis heute geweigert, die Kontrolle über die zentralen ökonomischen Ressourcen abzugeben. Nachdem in den 1970ern immer mehr Proteste von Seiten der Maori organisiert wurden, implementierte die Regierung 1975 ein rechtliches Verfahren, das unter dem Namen »Waitangi-Tribunal« bekannt wurde; es soll iwis Reparationszahlungen für gestohlenes Land und andere im Laufe der Kolonisierung erfahrene Ungerechtigkeiten zusichern. Das Waitangi-Tribunal ist allerdings sehr bürokratisch, und es dauert Jahre oder Jahrzehnte, um Forderungen durchsetzen zu können. Die Höhe der Zahlungen wird nicht mit den Maori verhandelt, sondern mit der Regierung. Diese versucht, die Summen so niedrig wie möglich zu halten und die iwi davon zu überzeugen, das zu akzeptieren, was angeboten wird – egal, ob die Angebote fair sind oder nicht. Der gesamte Prozess hat neue Ressentiments geschaffen und darüber hinaus zu »iwi-Unternehmen« geführt – also zu Konzernen, die von Maori geleitet werden und deren Aktionäre iwi-Angehörige sind. Einige dieser Konzerne waren recht erfolgreich, wurden aber dafür kritisiert, eine neue Klasse von Maori-KapitalistInnen geschaffen zu haben, die wenig für die Maori der ArbeiterInnenklasse tut.

Seit den 1930er Jahren haben die Maori hauptsächlich die Labour Party gewählt. Dieses Muster hat sich aber im letzten Jahrzehnt geändert. Gegenwärtig gehen die meisten Stimmen der Maori an die erst kürzlich gegründete Maori Party, die momentan gemeinsam mit der rechtsgerichteten National Party die Regierung stellt. Ideologisch ist die Maori Party sehr diffus; sie hat Positionen, die das ganze politische Spektrum abdecken. Die Maori haben politisch auf jeden Fall davon profitiert, sich von Labour abgewandt zu haben; die Labour Party sah ihre Stimmen immer als gesichert an und kümmerte sich kaum um ihre Bedürfnisse. Die Parlamentsparteien schenken heute Themen, die für die Maori von Bedeutung sind, weit mehr Aufmerksamkeit, da sie nunmehr um ihre Wahlstimmen kämpfen müssen. Ob das den Maori langfristig wirklich nutzen wird, muss sich erst zeigen.

Eine Frage, die in jüngerer Zeit viel diskutiert wurde, waren die Eigentumsrechte der »Foreshore and Seabed«, also der Küstenbereiche, die bei Flut unter Wasser liegen. Vor der Kolonisierung gehörten diese Bereiche bestimmten hapu. Heute denken die meisten Pakeha, dass sie öffentliches Land sind, obwohl große Teile davon im Besitz von Privatpersonen und Firmen stehen. Im Jahr 2003, nachdem es einer Gruppe Maori in einem bestimmten Gebiet verboten wurde, eine Muschelzucht aufzuziehen, fällte ein Gericht die Entscheidung, dass Maori ihre verlorenen Eigentumsrechte einklagen können. Dies versetzte konservative Kräfte in Panik, die behaupten, dass Maori den Menschen Neuseelands bald den Zugang zum Strand verbieten würden, was nie Thema war. Schließlich hob die Labour Party den Gerichtsbeschluss auf, erließ ein Gesetz, dass Klagen der Maori unmöglich macht, und übertrug alle Eigentumsrechte der »Foreshore and Seabed« der Regierung. Viele Maori betrachteten dies als Diebstahl in großem Stil. Das Labour-Gesetz soll nun wieder, nach Verhandlungen zwischen der Maori Party und der National Party, abgeschafft werden, es ist aber nicht klar, wodurch es ersetzt wird.

Auf lokaler Ebene sind Maori-AktivistInnen wesentlich damit beschäftigt, ihre Gemeinschaften zu stärken und Ressourcen zu erschließen. Es gibt ein weit verbreitetes Gefühl, dass sie von Regierungen nicht viel zu erwarten haben, sondern auf Unabhängigkeit und Eigenständigkeit setzen müssen. Die Maori Party versucht, Wege zu finden, die Verantwortung für Dienstleistungen von der Regierung an lokale Maori-Gemeinden zu übertragen, aber dieser Plan ist noch sehr vage. Letzten Endes mag er nur dazu führen, dass Maori AuftragnehmerInnen der Regierung werden, um bezahlte Arbeiten zu machen, die die Regierung nicht zu leisten imstande ist: etwa Sozialleistungen und Arbeitsmöglichkeiten zu sichern. Das hieße, dass in Zukunft für alles, was schief geht, den Maori die Schuld gegeben werden kann, während die Regierung nichts von ihrer Macht verliert.

Sind AnarchistInnen aus Neuseeland in Kontakt mit politischen AktivistInnen auf den südpazifischen Inseln?

Kontakte werden von Zeit zu Zeit geknüpft, normalerweise dann, wenn es ein dringliches politisches Thema in einem der südpazifischen Inselländer gibt, aber es bestehen nur wenige kontinuierliche Verbindungen. Maori haben allgemein mehr Kontakt mit AktivistInnen auf den südpazifischen Inseln als Pakehas.

Wie stark sind die Verbindungen zu AnarchistInnen in Australien?

Nicht wirklich stark. Auch hier gibt es unbeständige Kontakte, die hauptsächlich persönlich hergestellt werden. Es gibt eine Reihe von AktivistInnen, die zwischen den beiden Ländern hin und her reisen. Viele Leute neigen dazu, Australien und Neuseeland mehr oder weniger als Einheit zu betrachten, aber das ist eine sehr vereinfachende Sichtweise. Wellington ist von Sydney ungefähr genau so weit entfernt wie Berlin von Reykjavik – und der Rest Australiens ist noch weiter weg.

Es hat aber auch etwas Positives an sich, relativ abgeschnitten vom Rest der Welt zu sein. So hat es der anarchistischen Bewegung hier geholfen, ihren eigenen Weg zu finden. Dieser Vorteil ist uns in den letzten Jahren aber leider durch das Internet abhanden gekommen. Davor hatten wir zwar wenig, aber sehr anspruchsvolle Kommunikation mit dem Rest der Welt und viele eigene Analysen. Das Internet, wie andere Massenmedien auch, begünstigt jene, die möglichst viel publizieren und möglichst laut schreien. Wir werden heute mit großen Mengen an Information überschwemmt und scheinen unsere Schwierigkeiten damit zu haben, uns zurückzulehnen und einfach einmal nachzudenken, was das alles überhaupt bedeutet. Manche AktivistInnen scheinen ihre Tätigkeitsfelder und Strategien danach auszuwählen, was gerade bei AnarchistInnen in anderen Ländern in Mode ist, anstatt sich die Frage zu stellen, was hier vor Ort angebracht wäre.

Wie sieht eine anarchistische Vision für Neuseeland aus? Und was sind deine Hoffnungen für den Anarchismus allgemein?

Generell hoffe ich, dass wir von zwei Aspekten wegkommen, die den Anarchismus oft prägen: Der erste ist der Glaube, dass der Kapitalismus dem Untergang geweiht ist und wir nur darauf warten müssen, bis er zusammenbricht. Der Kapitalismus ist nicht dem Untergang geweiht, und er wird solange bestehen bleiben, bis einer großen Anzahl von Menschen klar ist, dass es eine realistische Alternative gibt. Davon müssen wir die Menschen überzeugen. Der zweite Aspekt ist der Fokus mancher AnarchistInnen auf die Konfrontation. Ich gebe den Anti-WTO-Protesten in Seattle im Jahr 1999 die Schuld dafür, da sie den Leuten das Gefühl gegeben haben, sie könnten sich mit dem Staat auf der Straße anlegen und gewinnen. In Wirklichkeit ist der Staat viel besser, wenn es um Konfrontation und Gewalt geht – das ist sein Geschäft. Hin und wieder werden wir möglicherweise einen Erfolg erzielen, wenn der Staat unvorbereitet ist. Darauf können wir uns aber nicht verlassen. Wir müssen kollektive Strukturen aufbauen, wenn wir wirklich gewinnen wollen.

Es ist ein großes Problem, dass so vieles, was AnarchistInnen aufbauen, fragil ist, während das, was der Kapitalismus und der Staat aufbauen, oft lange besteht. Was ich damit sagen will, ist, dass ein Wohnviertel, an deren Aufbau wir Jahrzehnte gearbeitet haben, durch den Bau einer Autobahn plötzlich zerstört werden kann. Genauso kann ein Ökosystem, das Tausende Jahre alt ist, in einigen Wochen durch einen Steinbruch oder durch eine Ölkatastrophe zerstört werden, eine Gewerkschaft durch die Schließung einer Fabrik oder durch eine Gesetzesänderung, eine Organisation durch interne Streitigkeiten oder durch die Sabotage einer Minderheit. Es kann Jahre – oder Hunderte von Jahren – dauern, diese Zusammenhänge wieder aufzubauen, wenn sie einmal zerstört sind, und im Prozess ihrer Zerstörung können viele Menschen beträchtlichen Schaden erleiden.

Ich denke, dass der Anarchismus – zumindest in den reichen Regionen dieser Welt – dann am stärksten ist, wenn AnarchistInnen konkret in ihren Wohnvierteln und Gemeinden arbeiten. Diese Orte werden heute von Menschen oft als das Wertvollste gesehen, das sie haben. Arbeitsplätze werden als notwendiges Übel betrachtet, gering geschätzt und, so gut es geht, vermieden. In ihren Wohnorten wollen Menschen jedoch nach wie vor mitbestimmen, sie fühlen sich für sie verantwortlich und wollen sie bewahren. Deshalb können AnarchistInnen hier viele Sympathien gewinnen. Wir müssen unsere Ideale dabei in einfacher Sprache formulieren, ohne komplizierte Rhetorik oder politischen Jargon. Militantes Gehabe und Arroganz müssen vermieden werden, und wir müssen uns bewusst sein, dass es nicht von heute auf morgen zu einem großartigen Wandel kommen kann.

Die Zerstörung des Gemeinschaftssinns ist eine echte Bedrohung. Der Kapitalismus schafft eine Kultur des Individualismus, die völlig wurzellos und nomadisch ist und ein falsches Gefühl von Unabhängigkeit vermittelt. Menschen müssen immer häufiger übersiedeln und ihre Arbeit wechseln, weshalb nie ein wirklicher Sinn für Gemeinschaft entwickelt werden kann. Es ist schwierig, nützliche Arbeit zu leisten, wenn Leute ständig weiterziehen. Sie tun dies teilweise aufgrund prekärer Arbeits- und Wohnverhältnisse, teilweise, weil Mobilität leichter und billiger geworden ist, teilweise, weil immer weniger Menschen ein festes Handwerk ausüben. Entgegen dem traditionellen Nomadentum reisen die Menschen heute jedoch als Individuen oder eventuell als Familien – aber nicht als Gemeinschaft.

Die Menschen werden dazu angehalten, selbstständig zu sein, während sie gleichzeitig vom Markt und der Lohnarbeit abhängig gemacht werden. Anstatt sich auf ihr soziales Umfeld verlassen zu können, werden sie angespornt, so viel Geld wie möglich zu verdienen, damit sie ein solches Umfeld nicht nötig haben. Anstelle dessen sollen sie Güter, Dienstleistungen und alles andere, was sie brauchen, kaufen.

All das macht es sehr schwierig, effektive Organisationen mit entsprechenden Prozessen der Entscheidungsfindung aufzubauen – genau das muss AnarchistInnen jedoch gelingen, wenn sie etwas erreichen wollen. Wir müssen Menschen von unseren Idealen überzeugen, indem wir ihnen zeigen, dass wir in der Lage sind, solche Sachen zu bewerkstelligen. In meiner Arbeit oder wenn ich mit RegierungsbeamtInnen zu tun habe, bin ich von der Unfähigkeit der »Fachkräfte« verblüfft, ein Treffen zu organisieren, ein Projekt durchzuziehen, Pläne zu entwickeln oder kritisch zu denken. Viele AnarchistInnen sind großartige ManagerInnen – auch, wenn sie diesen Begriff hassen – und großartige DenkerInnen. Zumindest hier in Neuseeland ist das nicht allen klar. Wir müssen uns dessen aber bewusst werden und mehr Selbstvertrauen entwickeln, um auf Leute zuzugehen, die unser Wissen und unsere Einsichten schätzen werden.

Der Anarchismus ist immer noch die beste politische Idee, die je erdacht wurde, und zu versuchen, diese Idee umzusetzen, ist das Nützlichste, was wir mit unserer Zeit machen können. Letzten Endes ist die Vision für Neuseeland und die Vision für den Rest der Welt die gleiche: eine Gesellschaft zu verwirklichen, die aus demokratischen und autonomen Gemeinschaften besteht, die sich gemäß ihrer Bedürfnisse kollektiv organisieren. Einige Gemeinschaften werden sich dazu entschließen, Maori zu sprechen und gemäß den Maori-Traditionen zu leben, andere werden sich dazu entschließen, Kulturen zu vermischen oder ihre eigene zu erfinden. Ich persönlich würde liebend gerne mehr altertümliche Flugzeuge, mehr einheimische Vögel und jede Menge Pizza mit geräuchertem Fisch sehen.

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Sam Buchanan ist Mitglied des Wildcat Anarchist Collective in Wellington, Aotearoa/Neuseeland, und Autor der 1999 erschienenen Broschüre Anarchy: The Transmogrification of Everyday Life.