Interview mit Michael Schmidt und Lucien van der Walt über Anarchismus in Afrika

Das Interview wurde im Jahr 2010 geführt und ist in dem Buch »Von Jakarta bis Johannesburg: Anarchismus weltweit« erschienen. Diese Version kann sich in sprachlichen Details von der im Buch enthaltenen Version unterscheiden und beinhaltet keine erklärenden Fußnoten.

Im deutschsprachigen Raum ist sehr wenig über die Geschichte des Anarchismus in Afrika bekannt. Könnt ihr uns aufklären?

Michael: Der Anarchismus ist historisch gesehen primär eine Bewegung der ArbeiterInnenklasse. HafenarbeiterInnen, BauarbeiterInnen, EisenbahnerInnen, Matrosen, FabrikarbeiterInnen usw. machten den Großteil der AktivistInnen in der anarchistischen Bewegung und in anarchistischen Organisationen aus. ArbeiterInnen in landwirtschaftlichen Betrieben waren ebenfalls wichtig. Auch Bäuerinnen/Bauern sowie HandwerkerInnen waren vertreten, allerdings in geringerer Zahl.

Was Afrika betrifft, so bedeutet dies, dass es zur Verbreitung anarchistischer Ideen und zur Gründung anarchistischer Organisationen vor allem dort kam, wo der Kolonialismus Industrien und – in geringerem Ausmaß – kommerzielle Agrarwirtschaft einführte. Konkret waren es in der klassischen Periode des Anarchismus (damit meine ich den Zeitraum von der Ersten Internationalen bis etwa 1940) ArbeiterInnen aus Italien, Frankreich und Spanien, die an der nordafrikanischen Küste aktiv wurden, und englische, schottische sowie portugiesische SyndikalistInnen, die im Süden des Kontinents Organisationen aufbauten.

Lucien: Michael hat recht. Afrika war seit etwa 1500 von europäischen Entwicklungen betroffen, diente aber hauptsächlich als Quelle für SklavInnen und Handelsgüter. Der Kapitalismus etablierte sich erst ab dem späten 19. Jahrhundert. Im Falle Ägyptens hatte dies bewusste Versuche des Staates zur Folge, die Industrialisierung zu fördern; in Algerien führte es zu einem verspäteten kolonialen Entwicklungsschub; die Territorien, die 1910 zu dem Staat Südafrika zusammengeschlossen wurden, waren vom Aufbau eines enormen Bergbausektors und einer damit einhergehenden industriellen Revolution geprägt; Mosambik, das unter portugiesischer Herrschaft stand, wurde modernisiert aufgrund der Veränderungen in Südafrika sowie aufgrund der Bemühungen Lissabons, die territorialen Ansprüche Großbritanniens abzuwehren. Der Kapitalismus brauchte Arbeitskräfte und viele der ArbeiterInnen, die in die urbanen Zentren von Alexandria, Johannesburg oder Lourenço Marques (dem heutigen Maputo) zogen, waren Revolutionäre. Sie waren es, die den Anarchismus und den Syndikalismus in Afrika verbreiteten. Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass die Bewegung auch in der arabischen und schwarzafrikanischen Bevölkerung Wurzeln schlug.

Michael: Ich werde über Nordafrika sprechen, Lucien über den Süden.

Erste Zeugnisse anarchistischer Aktivität an der nordafrikanischen Küste haben wir aus dem Jahr 1877. Verantwortlich dafür waren italienische ExilantInnen, die am Hafen von Alexandria und in Kairo lebten. Im Jahr 1877 wurde in Alexandria eine anarchistische Zeitschrift namens Il Lavoratore herausgegeben. Bald kam es zu ähnlichen französischsprachigen Publikationen in Tunesien. Daud Muja'is, ursprünglich aus Beirut, gab die arabischsprachige Zeitschrift al Nur [Das Licht] von 1904 bis 1908 in Alexandria heraus – die AbonnentInnen reichten bis nach Haiti und Brasilien.

Italienische ArbeiterInnen spielten allgemein eine zentrale Rolle für die Entstehung der ArbeiterInnenbewegung in Ägypten. Im Jahr 1901 gründeten sie eine »Freie Volksuniversität« in Alexandria. AktivistInnen aus dem Umfeld der Universität schienen auch in die Gründung internationalistischer syndikalistischer Gewerkschaften involviert, die sowohl ägyptische als auch europäische ArbeiterInnen organisierten, was für jene Zeit bemerkenswert war. Besonders bedeutend war die syndikalistische »Internationale Liga der ZigarettenmacherInnen und MüllerInnen«, die 1908 in Kairo gegründet wurde und »ArbeiterInnen aller Nationalitäten, ÄgypterInnen ebenso wie ausländische ArbeiterInnen« vereinte. Auch in der Kommunistischen Partei Ägyptens gab es damals anarchistische Mitglieder wie den jüdischen Aktivisten Joseph Rosenthal.

In Algerien gab es Ende des 19. Jahrhunderts eine Reihe revolutionärer Zeitschriften: L'Action Revolutionaire, Le Toscin [Der Alarm], Le Libertaire und La Marmite Sociale [Der soziale Kessel]. AnarchistInnen spielten eine aktive Rolle in den Gewerkschaften in Algier und beeinflussten auch den Syndikalismus in Frankreich. Die Confédération générale du travail – Syndicaliste Révolutionnaire (CGT-SR), die von 1926 bis 1939 existierte, war ebenfalls in Algerien präsent. Sie stand in Opposition zum französischen Kolonialismus und hatte Mitglieder wie Saïl Mohamed, der im Spanischen Bürgerkrieg kämpfte und bis zu seinem Tod 1953 politisch aktiv war. Mohamed half in den 1920er Jahren die Association pour les droits des Algériens autochtones sowie die Groupe anarchiste des indigènes algériens zu gründen. Zu den Mitbegründern der letzteren Gruppe zählte auch Sliman Kiouane, der Sekretär des anarchistischen Comité d'action pour la défense des indigènes algériens und Herausgeber der nordafrikanischen Ausgabe von Terre Libre. Erwähnenswert ist auch Albert Guigui-Theral, geboren in Algerien und aufgewachsen in Paris, der einen Streik von MetallarbeiterInnen in Nordafrika initiierte. Er wurde im Juni 1940 verhaftet, als Frankreich von Nazi-Deutschland besetzt wurde. Nach seiner Entlassung aus der Haft trat er den Maquis unter Jean Moulin und der Clandestine CGT bei.

Neben Alexandria, Kairo, Tunis und Algier waren noch die Städte Oran in Algerien und Tangiers in Marokko anarchistische Hochburgen und Zufluchtsorte. Dies änderte sich jedoch, als Tangiers von Franco besetzt wurde und das französische Nordafrika während des Zweiten Weltkriegs an das Vichy-Regime fiel. 1947 wurde das Mouvement Libertaire Nord-africaine (MLAN) gegründet, eine französischsprachige Organisation mit Sektionen in Marokko, Algerien und Tunesien. Die algerische Sektion wurde noch im selben Jahr als die »13. Region« der in Paris beheimateten Fédération anarchiste francophone (FAF) anerkannt. Die tunesische Sektion trat später ebenfalls der FAF bei. Die marokkanische Sektion wird in den Berichten der Commission des Relations Internationales Anarchistes (CRIA) nicht erwähnt, war aber vermutlich in den von Frankreich verwalteten Häfen von Casablanca und Rabat ansässig.

Das erste MLAN-Manifest forderte »ökonomische und ethnische Gleichberechtigung sowie die Schaffung eines libertären Kommunismus«, eine »gerechte Gesellschaft basierend auf Solidarität, gegenseitiger Hilfe, Kooperation und Föderalismus« und Widerstand gegen »patrimonial-feudalen Kolonialismus«, Rassismus, Krieg und Imperialismus. Das MLAN war allerdings sehr klein: ein CRIA-Dokument besagt, dass die algerische Sektion aus »drei GenossInnen in Algier sowie einigen verstreuten und isolierten GenossInnen auf dem Land« bestand. Im Jahr 1950 wurde die algerische Sektion von den Behörden legal anerkannt und wollte sich als Mitglied der »Anarchistischen Internationalen« (gemeint war vermutlich die CRIA) registrieren lassen. Die Gruppe scheint sich später mit spanischen FAI-ExilantInnen in Nordafrika verbunden zu haben.

Danach gibt es nur noch wenige Dokumente zum nordafrikanischen Anarchismus. Es scheint, als ob die anarchistische Bewegung ab etwa 1960 von NationalistInnen und MarxistInnen marginalisiert wurde. Seit den 1980ern gibt es jedoch wieder einige interessante Entwicklungen, zunehmend auch in Westafrika: 1981 gründete sich in Senegal die Parti anarchiste des libertés individuelles dans la République, in den 1990er Jahren gab es eine zeitweise sehr mitgliederstarke IWW-Sektion in Sierra Leone, und in Nigeria nahm die Awareness League anarchosyndikalistische Prinzipien an. Die ersten beiden Organisationen scheinen sich aufgelöst zu haben; wie es momentan um die Awareness League bestellt ist, kann ich nicht genau sagen.

Lucien: Im südlichen Afrika gab es zwei wichtige Bewegungen: eine in den britischen Territorien und eine im portugiesischen Mosambik.

Die Bewegung in den britischen Kolonien begann in den frühen 1880er Jahren. Eine zentrale Persönlichkeit war dabei Henry Glasse, ein in Indien geborener Engländer, der in London Mitglied von Peter Kropotkins Freedom-Gruppe war. Glasse war in Port Elizabeth aktiv, damals eine boomende Hafenstadt. Er vertrieb Werke von Peter Kropotkin, Errico Malatesta und anderen, gründete um 1900 einen sozialistischen Verein und engagierte sich in der Gewerkschaftsbewegung. Vor 1910 kümmerten sich Gewerkschaften in Südafrika hauptsächlich um die Interessen weißer ArbeiterInnen und außerhalb Kapstadts waren People of Color kaum in Gewerkschaften organisiert. Glasse war einer der ersten Verfechter ethnischer Gleichstellung. Er verglich die Situation der schwarzen Mehrheit mit jener der Jüdinnen und Juden im zaristischen Russland – segregiert, verfolgt und gedemütigt – und propagierte eine multiethnische und revolutionäre ArbeiterInnenbewegung. In Südafrika lebten zu jener Zeit rund vier Millionen Schwarze, 1,2 Millionen Weiße, 500.000 Coloureds und 150.000 AsiatInnen [die Statistik orientiert sich an den ethnischen Kategorien des Apartheid-Regimes].

Ab 1900 gründeten sich im gesamten Land ArbeiterInnenorganisationen. In Kapstadt vereinte die stark von AnarchistInnen beeinflusste Social Democratic Federation (SDF) ArbeiterInnen aller Gemeinden, initiierte eine multiethnische General Workers Union und rief zu Demonstrationen gegen Arbeitslosigkeit auf, die vor allem weiße und coloured Arbeitslose zusammenbrachten. Von Witwatersrand aus, wo das Zentrum der Bergbauindustrie und der militanten Gewerkschaftsbewegung war, sandten anarchistische italienische MigrantInnen Spenden an die Zeitschrift von Malatesta. Eine starke lokale Sektion der IWW trat in Johannesburg, dem ökonomischen Herzstück der Region, in Erscheinung. Dies war ebenfalls in Pretoria und in der Hafenstadt Durban der Fall. Auch die (De Leonistische) Socialist Labor Party (SLP) formierte sich zu jener Zeit.

Lourenço Marques (Maputo) in Mosambik war einer der Orte, an den AnarchistInnen aus Portugal deportiert wurden. Im Jahr 1910 gründete der aus dem Gefängnis entlassene anarchistische Drucker José Estevam die Liga Revolucionária. Es gab auch eine Grupo Libertário Francisco Ferrer. Diese Gruppen propagierten anarchistische Ideen, waren ein wichtiger Faktor in Demonstrationen am 1. Mai und schrieben für republikanische Publikationen und für die ArbeiterInnenpresse. Wie ihre GenossInnen in Südafrika betonten sie multiethnische Organisierung. In beiden Ländern stießen diese AnarchistInnen auf große Ablehnung seitens weißer ArbeiterInnen, die sich oft zusammenschlossen, um ihre Interessen gegen jene nicht-weißer ArbeiterInnen zu verteidigen. Diese Tradition ist als »White Labourism« bekannt.

In Lourenço Marques gab es auch eine lebendige, kosmopolitische Kaffeehauskultur, die viele Schwarze beeinflusste, darunter auch Angehörige der assimilado-Schicht (Schwarze, die von den diskriminierenden Gesetzen ausgenommen waren) wie João Dos Santos Albasini, der prominenteste Intellektuelle der Stadt.

In Südafrika gelang es der IWW und der SLP – im Gegensatz zur SDF – nicht, People of Color in großen Zahlen für ihre Organisationen zu gewinnen, sie verfolgten aber immer Prinzipien ethnischer Gleichberechtigung und Integration im Klassenkampf. Wie bereits erwähnt, war dies eine bemerkenswerte Haltung in einem Land, das stark von ethnischer Segregation geprägt war, was sich auch auf die schwarze nationalistische Bewegung niederschlug: der South African Native National Congress, der 1912 gegründet und später in den heute regierenden African National Congress (ANC) umbenannt wurde, lässt erst seit 1969 nicht-schwarze Mitglieder zu.

Sowohl die IWW als auch die SLP lösten sich um 1912 auf, aber die zentralen Persönlichkeiten fanden sich in der 1915 gegründeten International Socialist League (ISL) wieder. Die ISL trat – im Sinne der IWW – für »eine große Gewerkschaft« (»One Big Union«) ein, mit dem Ziel, alle ArbeiterInnen zu vereinen, gegen rassistische Diskriminierung anzukämpfen und die soziale Revolution durchzuführen. Sie war die treibende Kraft hinter der Gründung syndikalistischer Gewerkschaften für People of Color, inklusive der ersten Gewerkschaft für schwarze ArbeiterInnen, der 1917 gegründeten Industrial Workers of Africa (IWA) sowie der Indian Workers Industrial Union, der Clothing Workers Industrial Union und der Horse Drivers Union, die alle zu jener Zeit entstanden.

In der ISL waren neben weißen AktivistInnen wie Bill Andrews und Andrew Dunbar auch viele bekannte nicht-weiße AktivistInnen engagiert wie T.W. Thibedi, Bernard Siramoney, Henry Kraai und Fred Cetiwe. Am Kap spaltete sich die SDF und die neu entstandene Industrial Socialist League (nicht zu verwechseln mit der International Socialist League) gründete ebenfalls eine syndikalistische Gewerkschaft, die Sweet and Jam Workers Industrial Union, die einen gewissen Einfluss auf die eher moderate Cape Federation of Labor ausübte.

In Lourenço Marques und entlang der Eisenbahnlinien Mosambiks führte von 1917 bis 1921 die Associação do Pessoal do Porto e dos Caminhos de Ferro [Assoziation der Hafen- und EisenbahnarbeiterInnen] eine Streikwelle durch, in der einzelne AnarchistInnen und SyndikalistInnen eine zentrale Rolle spielten.

Die 1920er Jahre waren von einem Rückgang der Aktivitäten geprägt. Viele radikale SozialistInnen waren in die Gründung der Communist Party of South Africa (CPSA) 1921 involviert, die 1953 als South African Communist Party (SACP) wiederbelebt wurde. Die syndikalistischen Gewerkschaften verschwanden oder schlossen sich anderen Organisationen an. Einige AktivistInnen wurden in der Rand-Revolte, einem bewaffneten Aufstand von BergarbeiterInnen in Witwatersrand im Jahr 1922, getötet. Die Streikwelle in Mosambik wurde durch das Ausrufen des Ausnahmezustands zerschlagen.

Trotzdem blieb ein anarchistischer und syndikalistischer Einfluss erhalten. Es gab mindestens bis 1928 eine syndikalistische Fraktion in der CPSA. Die IWA in Kapstadt sowie andere Gewerkschaften schlossen sich der Industrial and Commercial Workers Union (ICU) an, einer mächtigen, hauptsächlich aus Schwarzen und Coloureds bestehenden Gewerkschaft, die viele Einflüsse vereinte (Garveyismus, Marxismus, Liberalismus, Christentum), aber vor allem von einem IWW-orientierten Syndikalismus geprägt war. Die ICU hatte in Südafrika bis zu 100.000 Mitglieder und breitete sich auf benachbarte Kolonien wie Südwestafrika (heute Namibia), Nord-Rhodesien (heute Sambia) und Süd-Rhodesien (heute Simbabwe) aus. In Simbabwe war sie sogar bis in die 50er Jahre aktiv. In Südafrika fand sie vor allem unter LandarbeiterInnen Unterstützung.

Haben AnarchistInnen den Kampf gegen das Apartheid-Regime beeinflusst? Gab es Zusammenarbeit mit der South African Communist Party (SACP) und dem Congress of South African Trade Unions (COSATU)?

Lucien: Ja, es gab einen Einfluss, auch wenn er relativ klein und zerstreut war. Es gab zwischen 1930 und 1980 einige libertäre Strömungen in Südafrika, auch wenn diese nicht wirklich anarchistisch waren. Beispielsweise gab in den 50er Jahren in Johannesburg eine Gruppe namens Movement for a Democracy of Content – Murray Bookchin war in die amerikanische Sektion involviert. Rich Turner, ein radikaler Intellektueller, der 1978 ermordet wurde, plädierte für einen radikalen, partizipatorischen Sozialismus und beeinflusste einige Mitglieder in den damals gegründeten Gewerkschaften. Es gab auch einige weiße wie schwarze AktivistInnen, die sich mit dem Anarchismus identifizierten, aber es gab bis zu den 1980er Jahren keine organisierte Bewegung.

In den späten 1980ern begannen eine Reihe von Leuten, die sich als AnarchistInnen bezeichneten und hauptsächlich der Punk-Subkultur entstammten (die in Südafrika zu jener Zeit hauptsächlich aus weißen und asiatischen Jugendlichen bestand), Fanzines zu veröffentlichen. Erwähnenswerte Beispiele dafür sind Social Blunder und Brave New World (Sux). Die Fanzines wendeten sich gegen das Apartheidsystem, aber ihre Analysen waren eher oberflächlich und es wurde keine Strategie entwickelt, um die Bewegung voranzutreiben.

Ein Teil des Problems war, dass anarchistisches Material aus dem Ausland häufig von der Zensur blockiert wurde. Zudem war der Marxismus zu jener Zeit in der Linken sehr dominant. Meiner Meinung nach waren die Pioniere in der Punk-Subkultur zu isoliert, um wirklich ein Faktor im nationalen Befreiungskampf zu werden. Sie hatten gute Absichten und waren engagiert, aber sie hatten keine starke Politik.

Michael: Im Allgemeinen waren AnarchistInnen nicht in der ANC-SACP-COSATU-Allianz engagiert. Die AnarchistInnen – oder zumindest jene, die sich also solche bezeichneten – waren dem ANC und dem revolutionären Programm der Allianz gegenüber immer eher zynisch eingestellt.

Im Anschluss an das, was Lucien gesagt hat, sollte noch erwähnt werden, dass sich in den 1990ern einige explizit anarchistische Gruppen formten. Es gab einen anarchistischen Lesekreis an der Universität in Stellenbosch, in Johannesburg gründete sich um 1993 eine Gruppe namens Anarchist Revolutionary Movement (ARM) und etwa zur selben Zeit in Durban die Durban Anarchist Federation (DAF). Diese Gruppen waren »synthetisch«, das heißt, sie versuchten, eine Vielzahl an Menschen zu vereinen, die sich als »AnarchistInnen« bezeichneten, ungeachtet ihrer spezifischen Orientierung. Die Gruppen lösten sich gegen Ende des Apartheid-Regimes auf.

Lucien: In den 90er Jahren kam es tatsächlich zu starker Bewusstseinsbildung, und da die staatliche Repression zunehmend nachließ, war es auch leichter, an radikales Material zu gelangen. Leute versuchten, mit anarchistischer Politik zu experimentieren. Der »synthetische« Zugang hatte dabei aber seine Probleme, wie immer. Im Falle von ARM zum Beispiel reichten die Leute von Punks, deren Hauptinteresse darin bestand, Konzerte zu organisieren, über Spinner, die von abstrusen ökologischen Ideen beeinflusst waren, bis hin zu Leuten wie mir, die studentische Anti-Apartheid-AktivistInnen der radikalen Linken waren. Die Struktur des ARM war sehr locker und die Leute waren in den grundlegendsten Dingen unterschiedlicher Meinung. Es war keine Gruppe, die handlungsfähig war. Schließlich kam es zu einer Spaltung zwischen jenen, die weiterhin vor allem Punk sein wollten, und jenen, die sich vorwiegend für eine Zusammenarbeit mit der schwarzen ArbeiterInnenklasse interessierten. Letztere begannen, Lesekreise zu organisieren, in denen Positionspapiere und eine massenpolitische Strategie entwickelt werden sollten.

Michael: Die DAF konzentrierte sich primär auf antimilitaristische Arbeit, auf den Widerstand gegen den verpflichtenden Militärdienst für Weiße und auf antifaschistische Arbeit, die sich gegen die Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB) richtete. In der DAF war auch ein Kollektiv organisiert, das unter verschiedenen Namen auftrat: Awareness League, Land & Liberty und schließlich Zabalaza Books. Nachdem in Südafrika die »Regierung der nationalen Einheit« (»Government of National Unity«), eine nationalistische Koalition weißer und schwarzer PolitikerInnen, die kapitalistische Demokratie etablierte, gründeten die radikalen Teile von ARM und DAF 1995 die anarchosyndikalistische Workers' Solidarity Federation (WSF). Die WSF baute auf den erwähnten Positionspapieren auf, die in den Johannesburger Lesekreisen erarbeitet wurden, und konzentrierte sich auf die Radikalisierung der Gewerkschaften an der Basis (vor allem COSATU). Sie war relativ erfolgreich in ihren Bemühungen, schwarze ArbeiterInnen zu organisieren. Damit trat zum ersten Mal seit Jahrzehnten eine größtenteils schwarze, anarchistische ArbeiterInnenklassenbewegung in Erscheinung.

Lucien: Die WSF hatte große Anziehungskraft. In Witwatersrand waren Mitglieder der Food and Allied Workers Union und ArbeiterInnen der Stadtverwaltung Johannesburgs in ihr organisiert. Wir erhielten jede Woche Briefe von ArbeiterInnen, die daran interessiert waren, sich uns anzuschließen. Die WSF knüpfte auch gute Verbindungen zu unabhängigen marxistischen Gewerkschaften. Auch in Durban konnte in schwarzen Townships mobilisiert werden, wenn auch mit geringerem Erfolg als in Johannesburg. Die Gruppe in Durban übersetzte einige wichtige Materialien auf Zulu. Ich erinnere mich, auf Demonstrationen Hunderte von Zeitungen und Flugblättern an Schlange stehende ArbeiterInnen zu verkaufen bzw. auszuteilen. Das war eine Bestätigung dafür, dass es richtig war, sich auf die Zusammenarbeit mit der schwarzen ArbeiterInnenklasse zu konzentrieren: sie war offen für unsere Ideen, hatte ein Klasseninteresse am anarchistischen Projekt und besaß eine Tradition des antikapitalistischen Kampfes.

Michael: Der Einfluss der WSF ging über Südafrika hinaus. Sie half zum Beispiel bei der Gründung des kurzlebigen Anarchist Worker and Student Movement in Sambia, das sich mit dem Tod ihres Gründers Wilstar Choongo 1999 auflöste. Das Problem war jedoch, dass es WSF-Mitgliedern an Wissen über den Syndikalismus fehlte. Viele traten bei, weil die WSF militant erschien und bereit war, ArbeiterInnen zu helfen – sie hatten nur eine sehr vage Vorstellung von unseren langfristigen Ziele. Zur gleichen Zeit verschlechterte sich die Situation im COSATU zusehends, da ANC-LoyalistInnen alle verdrängten, die auch nur irgendwie als DissidentInnen galten.

Um 1999 wurde das WSF in das Bikisha Media Collective (BMC) umgewandelt – eine Organisation, die viel strengeren Richtlinien folgte als die WSF. Es war eine aufregende Zeit. Es entstand eine Reihe neuer sozialer Bewegungen, hauptsächlich Community-Gruppen in schwarzen Slums, die gegen die Versuche des ANC opponierten, die Wasserversorgung, Elektrizität und grundlegende Dienste zu privatisieren.

Lucien: Mitte 2000 wurde nach einer Reihe von Protesten an der Universität von Witwatersrand, an denen sich zunächst die WSF und danach das BMC beteiligten, das Anti-Privatization Forum (APF) gegründet. APF war eine breite Koalition von Gruppen, die lose miteinander verbunden waren. Das BMC war von Anfang an darin eingebunden und spielte eine wichtige Rolle. Zunächst waren im APF sowohl COSATU-GewerkschafterInnen und SACP-Mitglieder vereint als auch AktivistInnen, die links von der Regierungsallianz standen, AnarchistInnen genauso wie TrotzkistInnen. Die meisten Leute, die mit der Regierungsallianz verbunden waren, verließen das APF jedoch relativ bald und die Koalition wurde zunehmend als »ANC-feindlich« wahrgenommen. Mit der Zeit verschlechterten sich die Beziehungen zum COSATU so stark, dass sogar zu unterschiedlichen Demonstrationen am 1. Mai aufgerufen wurde.

Michael: Unterdessen half der harte Kern des BMC dabei, die Workers Library and Museum (WLM) in der Innenstadt von Johannesburg zu betreiben, nachdem dort 1999 ein neues Verwaltungskomitee gewählt wurde. Es handelte sich hier um ein Forschungszentrum für ArbeiterInnen, das 1987 gegründet worden war. Zu den Initiativen, die vom BMC ausgingen, gehörten die Gründung eines radikalen Workers' Bookshop im WLM (dem einzigen in Witwatersrand), monatlich stattfindende öffentlich Treffen und eine Spendenkampagne, die erlaubte, das Zentrum offen zu halten. Das BMC hielt auch eigene Treffen ab, die Red and Black Forums. Mittlerweile war auch Zabalaza Books aktiv, das sich fast ausschließlich auf die Veröffentlichung von anarchistischen Materialien konzentrierte, inklusive gelegentlich erscheinender Newsletter. Zu diesem Zeitpunkt gab es kaum noch Verbindungen zum ANC und zur SACP.

Seit dem Ende des Apartheidregimes ist die Zabalaza Anarchist Communist Front (früher Zabalaza Anarchist Communist Federation) (ZACF) das Flaggschiff des Anarchismus in Südafrika. Könnt ihr uns mehr über die Organisation erzählen?

Michael: Die Militanz rund um den World Summit on Sustainable Development, der im Jahr 2002 in Johannesburg stattfand, brachte eine neue Generation von Township-AnarchistInnen hervor. Dies führte 2003 zu dem Beschluss, die Zabalaza Anarchist Communist Federation (ZACF) zu gründen – »Zabalaza« bedeutet »Kampf«. Dabei wurden sechs Kollektive in einer Föderation vereint: Zabalaza Books, BMC, Anarchist Black Cross und drei Aktionsgruppen aus den Townships, zwei aus Soweto und eine aus Umlazi bei Durban. Die ZACF war in den Townships präsent, finanzierte ein Zentrum in Motsoaledi (Soweto) und knüpfte Kontakte in Swaziland und Simbabwe.

Während die WSF hauptsächlich eine gewerkschaftlich orientierte Organisation war, richtete sich die ZACF besonders an arbeitslose Jugendliche. Beide Gruppen machten jedoch dieselben Fehler: beim Anwerben neuer Mitglieder wurde zu wenig auf politische Bildung geachtet. Arbeitslose leiden unter vielen schweren Bürden: das staatliche Bildungsangebot für Schwarze ist nach wie vor miserabel; Arbeitslosigkeit bedeutet oft Langzeitarbeitslosigkeit; Sozialhilfe ist kaum vorhanden. Einige Mitglieder waren buchstäblich am Verhungern. Die Kombination aus einem Mangel an Ideen und einem Mangel an der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse ist ein ständiges Problem. Es betraf die WSF und es betraf die ZACF. Es gibt keine einfache Lösung dafür. Als sich die Aktionsgruppen in den Townships zurückzogen und das Motsoaledi-Zentrum geschlossen wurde, entschied sich die ZACF, zu einer strafferen Organisation mit Hauptsitz in Johannesburg zu werden. Es war schwierig, diese Entscheidung zu treffen, sie hat uns aber um vieles effektiver gemacht.

Heute leisten wir hauptsächlich Unterstützungsarbeit für radikale gewerkschaftliche Bewegungen und politische Gefangene, wir publizieren Literatur, wir erforschen die anarchistische Geschichte und wir kooperieren mit ökologischen Kampagnen, LGBTI-Gruppen (Lesbian-Gay-Bisexual-Transgender-Intersex) und anderen sozialen Bewegungen.

engagiert sich stark für einen »Klassenkampf-Anarchismus« und begegnet vielen selbstdeklarierten anarchistischen Strömungen der Gegenwart mit Skepsis. Gibt es in Südafrika »individualistische« oder »lifestyle« Tendenzen in der anarchistischen Bewegung?

Lucien: Der Anarchismus ist Teil der ArbeiterInnenklassenbewegung. Er ist eine radikale Form des libertären Sozialismus. Es stimmt also, wenn ihr von Skepsis in Bezug auf einige selbsternannte »anarchistische« Strömungen sprecht, denn weder »Individualismus« noch »Lifestyle« sind Formen des Anarchismus. Das WSF wurde nicht zuletzt aufgrund einer Frustration über solche Tendenzen gegründet, da diese Sackgassen darstellen. Wobei das Problem nicht die Subkultur als solche ist: es gibt GenossInnen aus der Punkszene, die großartige politische Arbeit leisten.

Wir müssen auch aufpassen, die Begriffe nicht durcheinander zu bringen. Mit »Individualismus« und »Lifestyle« meinen wir Politikformen, die auf einen narzisstischen, bohemehaften Lebensstil hinauslaufen. Das ist nicht revolutionär, das ist im Grunde genommen Selbstverliebtheit, die nicht dazu beiträgt, die Welt zu verändern. Diese Begriffe sollten daher nicht leichtfertig für Leute verwendet werden, die tatsächlich versuchen, für eine bessere Welt zu kämpfen, auch wenn sie vielleicht etwas zu sehr in subkulturellen Zusammenhängen gefangen sind. Die Frage ist: hat die Person eine Strategie für einen revolutionären Wandel, der auf der ArbeiterInnenklasse beruht?

In jedem Fall: sich als »AnarchistIn« zu bezeichnen, bedeutet nicht, auch AnarchistIn zu sein. Die Hauptaufgabe von Organisationen wie der ZACF ist es, eine anarchistische und, im südafrikanischen Kontext, hauptsächlich schwarze Massen- und ArbeiterInnenklassenbewegung aufzubauen. Die »Lifestyle«-Ansätze und der »Individualismus« spielen hierbei keine Rolle.

Michael: Letztlich sind diese Strömungen politisch völlig irrelevant, bis auf den Umstand, dass sie den Anarchismus in Verruf bringen. Natürlich gibt es einige vorbildhafte unabhängige AnarchistInnen genauso wie es vorbildhafte libertäre AktivistInnen (autonome, radikalökologische usw.) außerhalb der ZACF gibt, und es kann nicht bestritten werden, dass viele mit dem plattformistischen Ansatz der ZACF ihre Probleme haben. Das ist auch in Ordnung so, denn die ZACF hat kein Interesse daran zu bestimmen, was die Leute tun sollen – obwohl wir natürlich immer bestrebt sind, AktivistInnen für uns zu gewinnen.

Wie sehen eure Beziehungen zu nicht-anarchistischen Gruppen in der radikalen Linken Südafrikas aus?

Michael: Das ist eine viel spannendere Frage, denn diese Gruppen sind Teil der radikalen sozialen, politischen und industriellen Bewegungen des Landes. Es wird manche LeserInnen aus dem Westen vielleicht überraschen, wenn wir sagen, dass es für uns einfacher und produktiver ist, mit diversen bolschewistischen Strömungen wie MaoistInnen, TrotzkistInnen oder sogar mit Sektionen der SACP (hier insbesondere mit der Parteijugend) zusammenzuarbeiten als mit vielen aus dem libertären Spektrum. Das APF bietet Platz für derartige Kooperationen, ebenso wie das WLM, die StudentInnenbewegung und die Gewerkschaften. Wir nennen dies die »kommunistische Linke«, im Gegensatz zur SACP, die heute im Grunde genommen eine sozialdemokratische Partei mit radikalen Allüren ist. Wir hatten auch Kontakt zu anderen Gruppen der sozialistischen Linken, aber nie offiziell. Dazu zählen ehemalige Guerilla-KämpferInnen des Pan Africanist Congress (PAC), die ihr Leben hinter Gittern verbringen, sowie PAC-Jugendliche in Arbeiterwohnheimen und Townships. Heute haben wir enge Beziehungen zu Community-Groups wie Abahlali baseMjondolo, einer Bewegung von SlumbewohnerInnen, die in Durban konzentriert ist und libertär-sozialistische Tendenzen hat.

Im Grunde genommen kommen wir mit allen klar, solange sie für die ArbeiterInnenklasse eintreten, offene und ehrliche Arbeit leisten und keine Avantgardeansprüche stellen. Ich sage immer, dass einer der Vorteile der geringen Stärke der Linken in Südafrika derjenige ist, dass wir gezwungen sind, miteinander auszukommen. Dies führt zu Widerstandsbewegungen, die von den wahren Anliegen der Menschen geprägt sind und nicht von reinem Idealismus.

International wird Südafrikas Politik immer noch sehr stark mit der Geschichte der Apartheid in Zusammenhang gebracht. Welche Rolle spielt das für anarchistische Politik? Gibt es Organisationen wie Bring the Ruckus oder Anarchist People of Color (APOC) in Südafrika?

Michael: Es gibt keine spezifisch anarchistischen Organisationen of Color in Südafrika. Ich nehme an, dass solche Organisationen entstehen könnten, wenn AnarchistInnen, die einer bestimmten ethnischen Gruppe zugerechnet werden (welcher auch immer), das Gefühl haben, dass dies notwendig ist – weil sie sich ausgeschlossen fühlen oder aus anderen Gründen. Aber die Linke in Südafrika hat historisch gegen diese Formen von Separatismus gekämpft und es ist schwierig, dafür Sympathie zu finden. Weiße Radikale in der politischen Linken sind ein Teil des politischen Lebens in Südafrika und sie sind eingebettet in ein Umfeld von People of Color.

Lucien: In der Strategie der ZACF hat separatistische Organisierung keinen Platz – obwohl wir natürlich das Recht der Menschen auf freie Assoziation verteidigen. Eine radikale Gesellschaftsveränderung setzt aber eine vereinte ArbeiterInnenklasse voraus. Sie verbindet Kämpfe sowohl gegen Probleme, die für die gesamte ArbeiterInnenklasse von Belang sind, als auch Kämpfe gegen Formen von Unterdrückung, die spezielle Teile der ArbeiterInnenklasse betreffen.

Spezielle Unterdrückungsformen untergraben die Einheit, den Kampf und die Lebensbedingungen der ArbeiterInnenklasse und stellen daher eine permanente und reale Bedrohung für alle ArbeiterInnen dar. In diesem Sinne kann auch nur der gemeinsame Klassenkampf die Grundlagen für diese Unterdrückungsformen ändern. Dabei geht es nicht um so etwas wie »Klassenkampf jetzt, Frauenbefreiung später« (um nur ein Beispiel zu nennen), sondern um »Einheit der Klasse durch die Gleichberechtigung von Männern und Frauen« und um »die Befreiung der Frauen durch den Klassenkampf«. Unser gemeinsamer Kampf wird also Kampagnen und Aktivitäten beinhalten, die sich gegen spezielle Unterdrückungsformen richten, aber es werden gemeinsame Kampagnen und Aktivitäten sein.

Was die von euch angeführten Organisationen betrifft, die in den USA entstanden, so gilt es zunächst, die Bedingungen in Südafrika von jenen in den USA zu unterscheiden, und darüber hinaus muss der Frage nachgegangen werden, wie Kämpfe gegen ethnische Diskriminierung mit dem Klassenkampf zusammenhängen.

Zum ersten Punkt ist zu sagen, dass People of Color über 85 Prozent der Gesamtbevölkerung Südafrikas ausmachen. Alleine die schwarze Bevölkerung macht 75 Prozent aus. Das soziale Gewicht der schwarzen ArbeiterInnenklasse – als kämpfende Kraft, als Massenbewegung, als große Mehrheit – wird von keinen ernstzunehmenden AktivistInnen in Frage gestellt. Kurz gesagt: die Vernachlässigung der schwarzen ArbeiterInnenklasse würde bedeuten, keine Chance zu haben, eine echte anarchistische Bewegung zu entwickeln. Hier tun sich große Unterschiede zu den USA auf, wo People of Color eine Minderheit in einem größtenteils weißen Land sind, mit einer starken weißen ArbeiterInnenklasse. Die Gründe, die zum Entstehen von APOC geführt haben, sind darin zu suchen, dass Weiße es zu einem großen Teil verabsäumt haben, sich mit ethnischer Unterdrückung auseinanderzusetzen. Das führte einige zu dem Schluss, dass es für Minderheiten notwendig sei, sich in eigenen Gruppen zu organisieren, um ihre Position zu stärken. Dieser Schritt war also eng mit speziellen US-amerikanischen Dynamiken verbunden. Ich will hier kein Urteil dazu abgeben, ob dieser Schritt richtig oder falsch war, ich betone lediglich, dass die politischen Optionen von unterdrückten Minderheiten stark von ihrem Status als Minderheit abhängig sind – in Südafrika sind die »Minderheiten« AsiatInnen (hauptsächlich aus Indien), Coloureds und Weiße.

Der zweite Punkt betrifft die Frage, wie mit dem Thema der Ethnizität in Südafrika von einer anarchistischen Perspektive aus umgegangen wird. Da gibt es zwei grundlegende Sichtweisen, die beide während des letzten Jahrhunderts ausprobiert wurden. Eine besteht darin, »farbenblind« zu sein und die gemeinsamen Erfahrungen aller ArbeiterInnen zu betonen, woraus die Notwendigkeit abgeleitet wird, sich gegen den Kapitalismus und den Staat zusammenzuschließen. Das war die Sichtweise der IWW 1910. Die andere Sichtweise ist jene, in allen Gruppen zu mobilisieren und ökonomische und ethnische Unterdrückungsformen gleichzeitig zu thematisieren. Das bedeutet, ein Programm zu entwickeln, dass den Klassenkampf und integrierte Klassenorganisationen vereint durch den gemeinsamen Kampf gegen Kapitalismus, den Staat und ethnische Unterdrückung. Das war die Sichtweise der ISL und später jene der WSF, des BMC und der ZACF. Diese Sichtweise wendet sich gegen Theorien von einer ArbeiterInnenaristokratie, die behaupten, dass ein Teil der ArbeiterInnenklasse von der Unterdrückung eines anderen Teils profitieren würde. Das stimmt im Allgemeinen nicht: ethnische oder geschlechtsspezifische Spaltungen verschlechtern die Bedingungen der gesamten ArbeiterInnenklasse. Die autonome Organisierung der weißen ArbeiterInnenbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts war eine Reaktion auf die Tatsache, dass die Verwendung unfreier schwarzer Arbeitskräfte eine immense Bedrohung für die Lebensbedingungen weißer ArbeiterInnen darstellte. Die Segregations-Lösung war aber nicht nur ungerecht, sie half auch den weißen ArbeiterInnen nicht. Weiße ArbeiterInnen haben es als Minderheit geschafft, ihr Segregations-Utopia für eine Weile – von den 1920ern bis in die 1970er – aufrechtzuerhalten, aber mittlerweile ist es zerfallen. Auf lange Sicht gesehen, ist das einzige, was allen ArbeiterInnen hilft, ihre Arbeitsbedingungen anzugleichen und sie gemeinsam zu verbessern. Die Zukunft der weißen ArbeiterInnenklasse kann nur in der Solidarität mit People of Color liegen – genauso wie die Zukunft der schwarzen ArbeiterInnenklasse nur im Klassenkampf gegen den schwarzen ANC und gegen das weiße Kapital liegen kann.

Weltweit liegt die Zukunft in der Schaffung globaler Gewerkschaften, eines globalen Grundeinkommens und globaler Arbeitsstandards – als Teil eines weltweiten Kampfes für gesellschaftlichen Wandel.

Michael: Es ist gut möglich, dass weiße ArbeiterInnen im Rahmen des Anarchismus in Südafrika irgendwann das Bedürfnis haben, sich autonom zu organisieren, um sich mit ihren speziellen Lebensbedingungen als Minderheit auseinanderzusetzen. Gleichzeitig ist absehbar, dass ein solcher Schritt sowohl in Südafrika als auch im Ausland nur auf Unverständnis und Ablehnung stoßen würde aufgrund der Projektion der gesellschaftlichen Normen des Westens auf jene Afrikas (obwohl hier sehr unterschiedliche Bedingungen herrschen) und aufgrund der falschen Annahme, dass alle weißen SüdafrikanerInnen wohlhabend sind (was eine bestimmte Form des »White-Privilege«-Arguments ist, das die ZACF, wie erwähnt, ablehnt). Ich denke auch nicht, dass es zu einer solchen Situation kommen wird. In jedem Fall wäre es eine taktische und strategische Entscheidung, die von der ZACF nicht unterstützt würde.

Gleichzeitig kann natürlich niemand in Südafrika verleugnen, dass die Gräben, die zwischen den unterschiedlichen ethnischen Gruppen liegen, nach wie vor sehr tief sind. Das Südafrika der Apartheid war möglicherweise der letzte klassisch koloniale Staat in Afrika, und während der schnelle Aufstieg einer reichen und mächtigen schwarzen Elite sowie die formale Gleichberechtigung aller die gesellschaftlichen Dynamiken verändert haben, ist die ethnische Frage nur teilweise gelöst. Die Wahlen des Jahres 1994 waren ein großer Fortschritt für die Bevölkerung – die WSF war immer dieser Meinung. Da sich der Wandel jedoch im kapitalistischen – eigentlich in einem neoliberal-kapitalistischen – und staatlichen Rahmen vollzog, gibt es viele soziale und ökonomische Kontinuitäten.

Die meisten People of Color der ArbeiterInnenklasse leben auch weiterhin in schrecklicher Armut und leiden unter miserablen Bildungsmöglichkeiten, einer hohen Arbeitslosenrate usw. Die Post-Apartheid-Politik hat die Situation sogar noch verschlechtert, da Freihandel, Privatisierung, Entindustrialisierung und dergleichen eine drastische Verringerung von Arbeitsplätzen zur Folge hatten. In jedem Fall ist die gegenwärtige Situation der ArbeiterInnenklasse nicht zu verstehen, ohne das Vermächtnis der Apartheid in Betracht zu ziehen. Nicht-weiße ArbeiterInnen sind von einer Unterdrückung betroffen, in der ökonomische und ethnische Aspekte zusammenspielen. Ethnischer Nationalismus kann zu keiner Verbesserung ihrer Situation führen – das kann nur der Kampf für eine post-kapitalistische Gesellschaft.

Die ungelösten sozialen und ökonomischen Probleme sind natürlich auch ein Nährboden für die Fortsetzung ethnischer Spannungen. Zum Beispiel bleiben weiße und schwarze ArbeiterInnen getrennt, obwohl die weiße ArbeiterInnenklasse insgesamt ärmer geworden ist, da sie ihre Privilegien verloren hat. Die Mehrheit der SüdafrikanerInnen ist von Armut betroffen. Eine Studie der University of South Africa aus dem Jahr 2009 zeigt, dass anderthalb von vier Millionen Weißen in Armut leben und häufig von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Weitere 1.8 Millionen gehören der ArbeiterInnenklasse an. Nur 423.000 zählen zur Mittelschicht und lediglich 310.000 sind wohlhabend. Währenddessen hat sich die Zahl der extrem Reichen (Menschen mit einem Vermögen von mehr als 200 Millionen Rand) zwischen 1994 und 2004 vervierfacht, und die Hälfte davon sind People of Color.

Für die herrschende Klasse, ob es sich nun um Weiße oder People of Color handelt, ist es natürlich sehr nützlich, dass es auf sozialer und ökonomischer Ebene – im Gegensatz zur formal-rechtlichen – nicht zu einer Überwindung der ethnischen Gegensätze gekommen ist. Das erlaubt ihr, die »Ethnizitätskarte« auszuspielen, um die Leute ablenken zu können, wann immer das nötig ist. Der ANC beispielsweise hält ethnische Kategorisierungen aufrecht, um über Affirmative-Action-Programme und andere Quotenregelungen alte Ungerechtigkeiten auszugleichen. Angesichts der zunehmend geringer werdenden Zahl an Jobs kann dies nur dazu beitragen, dass es zu Konflikten zwischen den Armen kommt, die um diese Jobs kämpfen – letztendlich wird eine Politik fortgesetzt, die auf ethnischer Trennung beruht.

Lucien: Das Ganze wird nicht einfach von der herrschenden Klasse inszeniert. Die herrschende Klasse selbst ist gespalten, hauptsächlich zwischen (primär schwarzen) VerwalterInnen des Staates und (primär weißen) KapitalistInnen, die um Reichtum und Macht konkurrieren. Viele Menschen sprechen davon, dass »die Schwarzen die politische Macht und die Weißen die ökonomische Macht« haben. Das ist offensichtlich irreführend, da die meisten Menschen – schwarz oder weiß – überhaupt keine Macht haben, aber die Formel fasst dennoch die wichtigste Trennung innerhalb der herrschenden Elite zusammen. Überlappungen zwischen diesen Gruppen verkomplizieren die Situation zusätzlich, genauso wie die Existenz unterschiedlicher Fraktionen. Aber wenn es um die Reichtümer des privaten Wirtschaftssektors geht, ist der Konflikt zwischen aufstrebenden schwarzen NationalistInnen und etabliertem weißen Kapital ein sehr realer.

Die Frage des ethnischen Nationalismus impliziert zweierlei: die spezifische Unterdrückung von Menschen aufgrund ihrer Ethnizität und die Trennung der Klassen entlang ethnischer Linien. Der erste Aspekt wurde 1994 zu einem großen Teil, aber keineswegs vollständig, gelöst. Der zweite hingegen bleibt ein schwerwiegendes Problem. Unterschieden werden muss dabei zwischen zwei rivalisierenden Klasseninteressen. Das Interesse der Elite liegt darin, das Privatkapital zu »afrikanisieren«, den Kapitalismus und billige schwarze Arbeitskräfte jedoch beizubehalten. Das Interesse der ArbeiterInnenklasse liegt darin, die ethnische Frage über einen Klassenkampf für soziale und ökonomische Gerechtigkeit in einer neuen Gesellschaft zu lösen.

Der Nationalismus als politisches Vorhaben, das quer durch alle Klassen eine »nationale Einheit« anstrebt, um den Nationalstaat für ethnische Befreiung nutzen zu können (das Projekt des ANC), entspricht dem Interesse der Eliten. Das Interesse der ArbeiterInnenklasse impliziert eine alternative Form »nationaler Befreiung«: den revolutionären Klassenkampf, der seine Vorläufer in den frühen anarchistischen und syndikalistischen Theorien hat, die von Michael Bakunin, Ricardo Flores Magón, T.W. Thibedi, Nestor Machno, Shin Ch'aeho, Ba Jin, James Connolly und vielen anderen entworfen wurden. Der Nationalismus als solcher ist niemals imstande, eine Befreiung für die Mehrheit der ArbeiterInnenklasse zu gewährleisten. Sein Klassencharakter und seine Staatlichkeit bedeuten, dass er keine Antwort auf die sozioökonomischen Herausforderungen der ethnischen Frage und ihrer Auswirkungen auf die Massen hat.

Michael: Es war vielleicht eine unbeabsichtigte – aber unvermeidbare – Konsequenz der Abkommen des ANC mit weißen NationalistInnen während der Zeit des Übergangs, dass sowohl eine räumliche Segregation als auch eine Klassen-Apartheid aufrechterhalten wurde. Das offizielle Apartheid-Regime wurde durch eine Kombination verschiedener Aspekte zu Fall gebracht: dem Widerstand der Massen; dem Zusammenbruch der UdSSR, die eine wichtige Rolle in den Konflikten des südlichen Afrikas spielte; dem Ende des Kalten Krieges, das die friedliche bürgerliche Unabhängigkeit Namibias 1990 zuließ; einer ökonomischen Krise, die durch die Sanktionen verstärkt wurde, aber auch mit der Schwäche der lokalen und globalen Ökonomie in Zusammenhang stand; und der Bereitschaft eines Teils der herrschenden weißen wie schwarzen NationalistInnen, Abkommen zu schließen.

Lucien: Die (hauptsächlich schwarzen) Armen wurden aus den wohlhabenden Gegenden ausgeschlossen und blieben großteils in den Townships bzw. Slums. Vor allem wurde sichergestellt, dass sie aus den Vierteln der Oberschicht verbannt blieben, die heute auch das Zuhause einer schnell anwachsenden schwarzen Elite sind.

Michael: Eine Kombination aus ethnisierter politischer Rhetorik, einer ANC-Wohnbaupolitik, die alten ethnischen Mustern folgt, die Beibehaltung ethnischer Klassifizierung und Vetternwirtschaft haben die Segregation lediglich zementiert.

Was können AnarchistInnen dagegen tun?

Michael: Die Lösung wird meiner Ansicht nach nicht von den AnarchistInnen kommen, sondern von der Gesellschaft. Trotz der Segregation der Wohngebiete gibt es heute eine neue Generation von Kindern (wenn auch beileibe nicht in allen Gegenden), die gemeinsam die Schule besuchen, gemeinsam aufwachsen, Erfahrungen austauschen und Freundschaften knüpfen. Natürlich unterstützen wir diese Entwicklungen auf der Grundlage anarchistischer Überzeugungen, aber sie sind nicht Ausdruck des Anarchismus, sondern schlicht Ausdruck einer neuen Kultur. Unsere einzige Befürchtung ist die, dass sich diese Erfahrungen zu sehr auf die Mittel- und Oberklassen beschränken und dass die ArbeiterInnenklasse und die unteren Schichten gespalten bleiben.

Kommen südafrikanische AnarchistInnen heute aus allen ethnischen Gruppen?

Michael: Wie in allen linken Bewegungen gibt es einige prominente weiße VertreterInnen, aber was die Basis betrifft, so sind Menschen aus allen Gruppen vertreten. Der Fokus liegt, wie bereits erläutert, auf der schwarzen ArbeiterInnenklasse. Es gibt viele Jugendliche in den Townships, aber auch ältere AktivistInnen, die sich, berechtigter oder unberechtigter Weise, als AnarchistInnen bezeichnen. Es ist natürlich schwierig, eine integrierte Bewegung aufzubauen, aber es ist uns dank unseres Programms, unserer Black and Red Forums und der Lesekreise, die wir in den Townships organisieren, gelungen, eine Präsenz in der schwarzen ArbeiterInnenklasse zu sichern.

Auch die Beziehungen zwischen englischsprachigen und afrikaanssprachigen Weißen sind historisch belastet. Wirkte sich das in irgendeiner Form auf den Anarchismus in Südafrika aus? Ist es für die Bewegung heute relevant?

Michael: In meiner Jugend waren die Beziehungen zwischen englischsprachigen und afrikaanssprachigen SüdafrikanerInnen immer noch sehr angespannt, hauptsächlich aufgrund der Erfahrungen der AfrikaanerInnen in britischen Internierungslagern und während der britischen »Politik der verbrannten Erde« im Krieg von 1899-1902.

Lucien: Meine Großmutter war in einem Internierungslager…

Michael: Die Materialen, welche die anarchistische Bewegung in der Region verwendet, sind zum allergrößten Teil auf Englisch, zu einem wesentlich Teil deshalb, weil Englisch in Südafrika die Sprache der Politik ist. Afrikaans ist jedoch die drittgrößte Sprache des Landes nach Zulu und Xhosa und wird von weit mehr Schwarzen und Coloureds als von Weißen gesprochen, insbesondere in ländlichen Gebieten und im Westen. Mit dem Wachsen der anarchistischen Bewegung werden also auch Kontakte in Afrikaans, Zulu und Xhosa, aber auch Tswana und anderen Sprachen, immer wichtiger werden.

Was sind die dringendsten Kämpfe, in die AnarchistInnen heute involviert sind?

Michael: Nelson Mandela hat nach seiner Haftentlassung vor zwanzig Jahren geschworen, dass der ANC die Bergwerke verstaatlichen würde. Fünf Jahre später versprach er im Namen des ANC allumfassende Privatisierung. So rasch entledigte sich der ANC seines Bekenntnisses zu einem interventionistischen und keynesianischen Staat (wie dies noch im »Reconstruction and Develompment Programme« von 1994 formuliert wurde) und schlug eine unverhohlen neoliberale Richtung ein. Im Jahre 1996 erfuhr dieser Wandel gewissermaßen einen offiziellen Ausdruck, als Mandela das Programm »Growth, Employment and Redistribution« verabschiedete. Dieses sah unter anderem vor, die Wasserpreise in die Höhe zu treiben, und hatte den Verlust zahlreicher Arbeitsplätze und weitreichende Prekarisierung zur Folge. Dieser Angriff auf die Menschen, die für den ANC gestimmt hatten, prägt die gegenwärtigen politischen Verhältnisse – er hat zu Spaltungen in den Gewerkschaften und dem Aufstieg neuer sozialer Bewegungen geführt. All das definiert, zusammen mit der ethnischen/nationalen Frage, die Schwerpunkte der anarchistischen Aktivitäten.

Lucien: Der ANC versucht vor allem, sich die Stimmen der schwarzen ArbeiterInnenklasse zu sichern, die am meisten unter seiner Regierung zu leiden hat. Er präsentiert sich als ehrenhafte Partei der Armen, während er gleichzeitig neoliberale Reformen durchsetzt und die Staatskassen plündert. Das Problem ist, dass der ANC davon ausgehen kann, noch lange an der Macht zu bleiben. Er betont immer wieder die ethnische/nationale Frage, um aus seiner Rolle in den Kämpfen der 1980er Jahre und im Wandel der 90er politisches Kapital schlagen zu können. Zudem gelingt es dem ANC, den Eindruck zu erwecken, dass die Sozialleistungen des Staates, wie etwa sozialer Wohnbau, von ihm abhängig sind. Natürlich entspricht das nicht der Wahrheit: Sozialleistungen werden dem Staat durch den Druck der Massen abverlangt, sie entspringen nicht der Güte von PolitikerInnen.

Die Gewerkschaften befinden sich auf dem Rückzug, sind aber weit davon entfernt, geschlagen zu sein. Sie haben groß angelegte Privatisierungsvorhaben immer und immer wieder verhindert. Aber die Wahrnehmungen – nicht die Fakten – sind das, was zählt. Der ANC verkauft die Zugeständnisse, die ihm abverlangt wurden, als seinen Verdienst. Er präsentiert seine eigenen Niederlagen als Beweis für seine armenfreundliche Politik! Das ist ein äußerst wichtiger Faktor im politischen Kalkül des ANC. Natürlich war er in der Vergangenheit, also vor 1994, eine relativ progressive Kraft im Vergleich zu dem System, das er bekämpfte; aber heute ist er ein fester Bestandteil des raubgierigen kapitalistischen Staates.

Michael: Südafrika hat eine viel stärkere und um vieles stärker industrialisierte Ökonomie sowie eine weit kompliziertere politische Kultur als alle anderen Länder des Kontinents. Anders ausgedrückt: Südafrika ist nicht Simbabwe, wo sich die Landbevölkerung gegen die ArbeiterInnen ausspielen lässt und auf die Armee zurückgegriffen werden kann, um Bewegungen der Gewerkschaften und der Armen zu zerschlagen. Trotzdem gibt es immer noch eine Reihe von Herausforderungen: Hunger und Unterernährung; ein ausgesprochen hohes Maß an Gewalt gegen Frauen und Kinder; religiösen Aberglauben unterschiedlichster Art; einen weit verbreiteten politischen Autoritarismus, der von Schwarzen wie Weißen getragen wird; eine Gewerkschaftsbewegung, die zwischen staatlicher Vereinnahmung und schwacher Strategie gefangen ist; eine Polizei, die es gewohnt ist, zu schießen bevor sie Fragen stellt; ein Justizsystem, das von der Elite korrumpiert ist; und eine weit verbreitete Intoleranz, was dissidente Ansichten betrifft.

Konkrete Problem, mit denen wir in unserer politischer Arbeit konfrontiert sind, sind etwa die ANC-Schläger in den Townships, unsere geringe Größe angesichts der riesigen ethnischen und ökonomischen Probleme im Land und schlicht der Hunger und die Armut der Menschen, mit denen wir arbeiten.

Lucien: Ermutigend ist hingegen die Geschichte sozialer Bewegungen, die sich auch weiterhin fortsetzt: es gibt eine lange Tradition linker/sozialistischer Politik, auch wenn sie brüchig ist; es gibt eine ArbeiterInnenklassenbewegung in Form der COSATU, die zumindest formal für die Beseitigung des Kapitalismus und für radikale Demokratie eintritt; es gibt seit langem selbstverwaltete Basisbewegungen, die (trotz Widersprüchen) »people's power« und »workers' control« betonen; und es gibt ein gesundes Misstrauen StaatsbeamtInnen gegenüber. AnarchistInnen beginnen also nicht bei Null und ihre Rufe verhallen nicht in der Wüste. Einige ihrer Vorschläge – zum Beispiel der Boykott von Wahlen –, erfährt ziemlich positive Resonanz.

Habt ihr Verbindungen zu AnarchistInnen in anderen afrikanischen Ländern?

Michael: Die Kommunikation ist aufgrund der großen Distanzen nicht immer einfach. Die weiteste Reise, die wir gemacht haben, um andere AnarchistInnen auf dem Kontinent zu treffen, war nach Lusaka in Sambia – das dauerte 26 Stunden mit dem Bus. Ich unternahm diese Reise 1998, um mit Wilstar Choongo und seinen jungen GenossInnen zusammenzutreffen. Wir reisten auch nach Swasiland, um die dortigen ZACF-Mitglieder zu treffen, und nach Simbabwe, um die GenossInnen des Toyi Toyi Artz Kollektiv zu besuchen – beide Reisen waren ausgesprochen produktiv!

Wir hatten auch Kontakte zur Awareness League in Nigeria und zum Wiyathi Collective in Kenia, diese konnten jedoch nicht aufrechterhalten werden, und wir nehmen an, dass sich die Gruppen aufgelöst haben. Momentan ist unser einziger Kontakt außerhalb des südlichen Afrika der zu Brahim Fillali aus Marokko, der sich um eine unabhängige ArbeiterInnenpresse und ArbeiterInnenorganisation bemüht und enormer Repression ausgesetzt ist.

Tja, und das war es dann. Sollte es noch andere Gruppen auf dem Kontinent geben, so haben wir von ihnen keine Kenntnis – trotz zwanzigjähriger intensiver Forschungsarbeit! Wir sind natürlich selbst geographisch extrem isoliert. Gleichzeitig ist es diese Isolation, die uns dazu gezwungen hat, eine stark internationalistische Perspektive zu entwickeln, und die die Motivation für Lucien und mich lieferte, an den Counterpower-Büchern zu arbeiten.

Gibt es die Vision eines »panafrikanischen« Anarchismus? Wenn ja, wie sieht diese aus?

Michael: In gewisser Weise gibt es so eine Vision. Der inoffizielle Slogan der ZACF lautet: »Für eine regionale soziale Revolution durch eine Front unterdrückter Klassen!« Ich denke, dass dies recht gut zum Ausdruck bringt, worum es geht, nämlich dass wir die kolonialen Grenzen Südafrikas, die uns aufgezwungen wurden, ablehnen, dass wir an eine revolutionäre soziale Veränderung von unten glauben und dass die ausschlaggebende Kraft in diesem Prozess die Unterdrückten sein müssen, die sich vereinen. Das heißt, wir glauben nicht an einen »südafrikanischen Anarchismus«, sondern haben eher eine regionale Perspektive für das gesamte südliche Afrika – eine Perspektive, die auf den gemeinsamen Problemen, der gemeinsamen Geschichte und der zahlreichen Verbindungen aufbauen, welche die Länder des südlichen Teils des Kontinents haben.

Wir glauben nicht an die »Zerstörung der Macht«. »Macht« bedeutet letztlich nur Handlungsfähigkeit. Es geht uns also eher um eine revolutionäre Dezentralisierung der Macht, die von den unterdrückten Klassen in ihrem Interesse durchgeführt wird. Wir haben uns damit auseinandergesetzt, wie dies Schritt für Schritt aussehen bzw. wie es zu einer Eskalation kommen könnte, aber ich werde dies hier aus Sicherheitsgründen nicht weiter ausführen. Die Notwendigkeit eines radikalen gesellschaftlichen Bruches ist klar; es wird ein Bruch sein, der die unterdrückten Klassen vom Rockzipfel der parasitären Eliten losreißt. Das ist es, was wir unter »Gegenmacht« (Counterpower) der ArbeiterInnenklasse und der Bäuerinnen/Bauern verstehen: die Etablierung einer »Parallelkultur«, in der das Bewusstsein der Unterdrückten von jenem der herrschenden Klasse getrennt ist und wo es zu »Gegeninstitutionen« bzw. zu »Gegenmacht« kommt, das heißt: zu einer Macht der ArbeiterInnen und Bäuerinnen/Bauern, die hier und jetzt ausgeübt werden kann, abseits bzw. (je nach Bedarf) gegen die Macht des Staates und des Kapitals.

Wenn vom Anarchismus in Afrika die Rede ist, taucht – nicht zuletzt in primitivistischen Kreisen – immer wieder die Vorstellung auf, dass dabei vor allem traditionelle Formen sozialer Organisation und Subsistenzwirtschaft bedeutende Aspekte sind. Auf der Basis eurer Texte lässt sich davon ausgehen, dass ihr damit nicht unbedingt einverstanden seid. In Black Flame, dem ersten Counterpower-Band, wird der Anarchismus als »ein Kind der Aufklärung des 18. Jahrhunderts« beschrieben. Könnt ihr das ein wenig erläutern?

Lucien: Der Anarchismus entstand in den Gewerkschaften der Ersten Internationalen. Er wurde in den 1860er/70er Jahren geschaffen als Produkt revolutionärer ArbeiterInnen von Russland bis Uruguay, von Mexiko bis Ägypten. Es handelte sich bei diesen meist um LohnarbeiterInnen in modernen ökonomischen Verhältnissen. Kurz, der Anarchismus war ein Teil der sozialistischen ArbeiterInnenklassenbewegung, und seine Grundzüge wurden in den Werken von Michael Bakunin und Peter Kropotkin formuliert.

Die Vorstellung, dass der Anarchismus schon immer existiert hat, ist ein Mythos – AnarchistInnen haben diesen Mythos zum Teil selber geschaffen, das stimmt, aber er bleibt trotzdem ein Mythos. Die anarchistische Vision von Fortschritt und der historischen Entwicklung einer besseren Gesellschaft konnte schlichtweg nicht vor der Moderne aufkommen. Es waren moderne Ideen wie der Sozialismus und der Liberalismus, welche die Grundlage für den libertären Sozialismus im Allgemeinen und für den Anarchismus im Besonderen schufen. Die anarchistische Strategie des Klassenkampfs spiegelt den Aufstieg der modernen ArbeiterInnenklasse wider. Die anarchistische Kritik der Gesellschaft und die anarchistische Ablehnung von Hierarchie waren stark an Entwicklungen des 19. Jahrhunderts – wie die Globalisierung des Kapitalismus und den Aufstieg des modernen Staates (inklusive moderner Imperien und Nationalstaaten) – gekoppelt. Kurz, anarchistische Ideen, Strategien und Analysen sind durch und durch mit der modernen Welt verbunden.

Michael: Der Anarchismus leitet sich ab von einer Kombination der rationalistischen Ideen der Aufklärung, der ersten Anzeichen von Sozialismus und Kommunismus in den europaweiten Revolten des Jahres 1848, der radikalen Gewerkschaftsbewegungen und der Gegenkultur der ArbeiterInnenklasse des 19. Jahrhunderts (entstanden in den Ghettos der Industriellen Revolution) sowie der Gegenmacht der ArbeiterInnen in Paris 1871, in Südspanien 1873 oder in Mazedonien 1903. Mit anderen Worten, der Anarchismus war von Anfang an eine rationalistische, revolutionäre, sozialistische und damit moderne Bewegung.

Lucien: Ich halte mich nicht gerne damit auf, Phänomene wie den Primitivismus zu diskutieren, aber erlaubt mir, hier zwei Punkte anzubringen:

Erstens hat der Primitivismus nicht das Geringste mit dem Anarchismus zu tun. Er ist eine antirationalistische, antimoderne und romantische Bewegung, basierend auf Mystizismus und simplifizierenden Stereotypen von sogenannten »primitiven« Gesellschaften. Politisch gesehen, ist er durch und durch reaktionär. Ich bin mit PrimitivistInnen aneinandergeraten, die Geld für afrikanische Chiefs gesammelt haben, um Kampagnen gegen die Einführung kostenloser Grundschulausbildung seitens der Regierung zu finanzieren. Das ist ein perfektes Beispiel für die Rückwärtsgewandtheit und den grundlegend nicht-libertären Charakter dieser Haltung.

Zweitens gibt es ohne Wissenschaft und moderne Technologie keine Aussicht darauf, die existierende Weltbevölkerung versorgen zu können – von der Schaffung einer egalitären anarchistischen und kommunistischen Zukunft ganz zu schweigen. Zudem wird der menschliche Geist ohne Wissenschaft und Vernunft in den abergläubischen Träumen gefangen bleiben, welche die persönliche Entwicklung der Individuen über Jahrtausende hinweg gelähmt haben.

In der Praxis geben die PrimitivistInnen natürlich allen Bequemlichkeiten der Moderne nach und unterschreiben dadurch gleichzeitig die Bankrotterklärung ihrer Politik. Sehr wenige leben tatsächlich das primitivistische Leben, das sie auf ihren Websites, in ihren massenhaft produzierten Zeitungen und in ihren Schriften, Fußnoten und Definitionen propagieren. John Zerzan überquert den Atlantik nicht in einem Kanu, wenn er in England Vorträge hält, noch verfasst er seine Bücher handschriftlich in einer Höhle mit aus Pflanzen gewonnenen Farbstoffen. Wie gesagt, Primitivismus hat absolut nichts mit Anarchismus oder mit irgendeiner Form progressiver, emanzipatorischer Politik zu tun.

Seht ihr realistische Chancen dafür, dass der Anarchismus eine stärkere Kraft in Afrika wird? Wie sieht eure Vision des Anarchismus für die Zukunft aus?

Michael: Ich denke – und das ist meine eigene Perspektive und nicht jene der ZACF –, dass dunkle Zeiten auf uns zukommen. Wir leben in einer Welt, in der die Unterschiede zwischen Arm und Reich so groß sind wie nie zuvor und in der die Bonzen zusehends nervöser werden, da immer offenkundiger wird, dass schwerwiegende Änderungen vor der Türe stehen. Es gibt letztlich nur zwei Möglichkeiten: 1. Entweder lassen die Bonzen Geige spielen, während Rom brennt, und trinken weiterhin Chivas-Whiskey, während sie die Polizei ausschicken, um die Armen abzuknallen – was zu einem gewalttätigen Aufstand der Armen führen wird, um sich das zurückzuholen, was ihnen gestohlen wurde. 2. Die parasitäre Elite bewegt sich in eine rechtspopulistische Richtung und verbreitet Schauermärchen von internen und externen Bedrohungen. Das erste Szenario würde im Moment zu einer von vornherein zum Tode verurteilten Revolution führen aufgrund des starken ethnischen Nationalismus und des weit verbreiteten Aberglaubens. Das zweite Szenario würde Pogrome, Kriege und die Stärkung quasi-faschistischer Kräfte zur Folge haben. Anzeichen des ersten Szenarios hat es bereits gegeben in Form von brennenden Barrikaden im ganzen Land. Wir versuchen, die Situation in eine produktive Richtung zu lenken, aber wir sind wenige. Auch mit dem zweiten Szenario wurde von einem Teil der ANC-SACP-COSATU-Führung bereits geliebäugelt, am offensichtlichsten während der Pogrome des Jahres 2008, die sich gegen »Fremde« und »AußenseiterInnen« richteten und in denen 62 Menschen getötet, 670 verletzt und über 100.000 vertrieben wurden.

Der Anarchismus wird möglicherweise stärker Fuß fassen können, wenn die Armen die Geduld mit dem Kapitalismus und dem ANC verlieren. Ein schnell anwachsender Anarchismus, der theoretisch und strategisch nicht durchdacht und gefestigt ist, kann aber auch eine Schwächung und die endgültige Niederlage bedeuten. Wobei wohl auch hier das Sprichwort gilt, dass »unter dem Schnee die Samen der nächsten Blumen liegen«. Wenn uns die Geschichte eines lehrt, dann das, dass die Repression nicht nur den Geist des Anarchismus stärkt, sondern auch dabei hilft, seine Ideen in die ganze Welt zu tragen, nämlich mithilfe einer Diaspora von Flüchtlingen – wie es bereits Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts geschah. So düster das Bild also auch sein mag, es ist nicht hoffnungslos!

Lucien: Ich bin kein Mitglied der ZACF, dennoch muss ich Michael hier widersprechen. Ich denke nicht, dass eine Krise oder ein Wandel größerer Art unmittelbar bevorsteht. Der südafrikanische Staat schafft es, die ArbeiterInnenklasse und die Armen durch eine ganze Reihe von Mechanismen – nicht nur Unterdrückung – unter Kontrolle zu halten. Sozialleistungen schaffen eine Loyalität zum Staat, genauso wie offizielle Zeremonien und nationalistische Mythen das tun, die in den Schulen gelehrt und von den Medien vermittelt werden. Die Führungen der Gewerkschaften – welche die bei weitem größten Organisationen der ArbeiterInnenklasse sind und die neuen sozialen Bewegungen überschatten – sind in zahlreichen industriellen Beziehungen und politischen Formalitäten verheddert. Viele sind durch vetternwirtschaftliche Netzwerke und Hoffnungen auf politische Karrieren an den ANC gebunden. Für die schwarze Elite, die sich aufgrund offizieller Bevorzugungsmaßnahmen staatliche Machtpositionen sichert, gilt dies ohnehin. Sogar das APF lässt sich auf Staatspolitik ein, indem es immer häufiger vor Gericht versucht, die Auszahlung von Sozial- und Wohlfahrtsleistungen zu beschleunigen. Die Pogrome des Jahres 2008 – Südafrikas verschleierte Hungerrevolten – richteten sich gegen die Konkurrenz durch ausländische Schwarze auf dem Billigarbeitsmarkt und, was genauso wichtig war, gegen ihre Ansprüche auf Sozialleistungen.

Viele AnarchistInnen überschätzen meiner Ansicht nach die Rolle der Repression in der Verteidigung des Systems; sie haben auch eine Tendenz, gesellschaftliche Brüche zu dramatisieren. Ein gewisses Maß an Repression – Schikanen, Einschüchterungen und manchmal auch Mord – sind wichtig, ergänzen aber lediglich die eben beschriebenen »sanften« Kontrollmethoden. Solange der Staat den Status quo finanziell aufrechterhalten kann, wird er auch eine wichtige Pufferzone gegen eine richtige – ganz zu schweigen von einer erfolgreichen – Revolte der Armen schaffen; und selbst wenn es zu einer solchen Revolte kommt, müssen wir davon ausgehen, dass sie wahrscheinlich die Form der Pogrome von 2008 annehmen wird, anstatt sich gegen die südafrikanische Elite zu wenden. Ein Konflikt innerhalb der herrschenden Klasse um den privaten Wirtschaftssektor zwischen aufstrebendem schwarzen Nationalismus und etabliertem weißen Kapital ist ein viel wahrscheinlicherer Grund für Instabilität. Allerdings glaube ich nicht, dass dies zu einem völligen ökonomischen Zusammenbruch wie in Simbabwe führen wird. Solange es dem Staat gelingt, den Erwartungen der schwarzen Elite gerecht zu werden, kann sich die »Afrikanisierung« des privaten Sektors langsam und geregelt vollziehen. Kurz gesagt, ich denke, dass keine der beiden Szenarien, die Michael beschrieben hat – also weder eine erfolglose Revolution noch eine rechtspopulistische Entwicklung –, im Augenblick wahrscheinlich sind.

Sollte der Staat in eine massive finanzielle Krise geraten, könnte sich das Bild aufgrund einer ökonomischen Implosion natürlich sehr schnell verändern. Die ethnische Frage könnte dann auf alle mögliche Arten explodieren – und die meisten dieser Arten, hier stimme ich Michael zu, hätten zweifelsohne verheerende Konsequenzen. Solange dies jedoch vermieden wird, wird die Situation in Südafrika die gleiche bleiben, die sie heute ist: Gewalt (manche Schätzungen sprechen von 18.000 Morden pro Jahr), sporadische Proteste (von allen möglichen Ideen beeinflusst) und ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit, des Notstands und Angst werden die südafrikanische Realität bestimmen – wie seit Jahrzehnten.

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Michael Schmidt und Lucien van der Walt sind seit Ende der 1980er Jahre in der anarchistischen Bewegung Südafrikas aktiv und Autoren des 2009 erschienenen Buches Black Flame: The Revolutionary Class Politics of Anarchism and Syndicalism (AK Press, 2009).