Interview mit Siggi Pönk über Anarchismus in Island

Das Interview wurde im Jahr 2010 geführt und ist in dem Buch »Von Jakarta bis Johannesburg: Anarchismus weltweit« erschienen. Diese Version kann sich in sprachlichen Details von der im Buch enthaltenen Version unterscheiden und beinhaltet keine erklärenden Fußnoten.

Was gibt es zur Geschichte des Anarchismus in Island zu berichten?

Es gibt keine lange Geschichte des Anarchismus in Island. Am Anfang des Jahrhunderts gab es ein paar Artikel zum Anarchismus in linken Blättern und Kulturzeitschriften. 1950 wurde eine Biographie Kropotkins ins Isländische übersetzt. Bis zu den 1990er Jahren gab es jedoch keine anarchistischen Gruppen, nur ein paar Einzelne, die sich für den Anarchismus interessierten.

Die Gruppen, die in den 90er Jahren entstanden, konzentrierten sich zunächst auf Publikationsprojekte. Hefte und Bücher wie Nicolas Walters About Anarchism oder CrimethInc.'s Days of War, Nights of Love wurden übersetzt.

Anarchistischer Aktivismus kam letztlich erst 2004 nach Island in Zusammenhang mit der Saving-Iceland-Kampagne und ihren Direct Action Summer Camps. Saving Iceland wurde von einem isländischen Anarchisten initiiert, der etwas gegen die Aluminiumindustrie tun wollte, die aufgrund ihres hohen Energiebedarfs eine ungemeine ökologische Bedrohung für die Insel darstellt, vor allem aufgrund der Dämme, die zur billigen Energiegewinnung gebaut werden. Die Aktionsformen, die im Rahmen der Kampagne angewandt wurden – Blockaden, das Anketten von AktivistInnen an Maschinen usw. –, waren für Island völlig neu (die Polizei war gezwungen, ein paar neue isländische Wörter zu erfinden); ebenso die Tatsache, dass es keine »Köpfe« der Bewegung gab und alle Entscheidungen im Konsens getroffen wurden. Auch die Medien wussten lange nicht, wie sie damit umgehen sollten. Die Kampagne brachte viele AktivistInnen und AnarchistInnen aus anderen Ländern nach Island, was auch sehr einflussreich war.

Auf dieser Basis entwickelte sich eine aktivistische Kultur, die gut etabliert war, als Island hart von der weltweiten Finanzkrise getroffen wurde. Die Menschen waren unerhört zornig, was die Machenschaften der Banken und der Regierung betraf, und es gab einen weit verbreiteten Willen, politische Initiative zu ergreifen. Es kam zu zahlreichen Aktionen im Herbst 2008, die sehr spontan waren und anarchistischen Charakter hatten. Es gab offene Demonstrationen und Versammlungen ohne Leitung, die Aktionsaufrufe waren anonym usw. Auch explizit anarchistische Gruppen waren sehr aktiv, oft als Schwarzer Block.

Im Januar 2009 kam es zu beinahe ununterbrochenen Protesten vor dem Parlamentsgebäude, die schließlich die Regierung zwangen abzudanken. AnarchistInnen waren in diesen Protesten sehr aktiv: sie verteilten Informationsmaterial, leisteten erste Hilfe, konfrontierten die Polizei, motivierten andere usw. Das heißt nicht, dass sich alle Protestierenden als AnarchistInnen verstanden. Aber anarchistische Ideen erreichten eine enorme Öffentlichkeit, was auch die Medienberichterstattung reflektierte. Für anarchistische AktivistInnen war das alles sehr aufregend.

Hielt sich dieses Interesse nur für einen kurzen Moment oder hält es an?

Island war 600 Jahre lang eine Kolonie, die zunächst unter norwegischer, dann unter dänischer Herrschaft stand. Die demokratische Geschichte Islands ist jung, sie begann erst 1945. In vielerlei Hinsicht bedeutet das bis heute, dass die Menschen Demokratie nicht als etwas verstehen, das wirklich aktive Partizipation bedeutet. Die Finanzkrise und die damit verbundene politische Krise haben hier einiges verändert – auch anhaltend. Die Menschen haben begonnen, sich dafür zu interessieren, wie Dinge anders gestaltet und organisiert werden können. Viele begreifen auch, dass es mit viel weniger Risiken verbunden ist, basisdemokratisch zu arbeiten als auf »demokratische RepräsentantInnen« zu vertrauen.

Wie sieht es mit der Krise im Moment aus?

Sie hält an und das wird auch noch für ein paar Jahre so bleiben. Die Banken machen den Leuten nach wie vor das Leben schwer. Es gibt viel Armut. Jede Woche kommt es zu neuen Berichten über korrupte PolitikerInnen, die von den Banken bezahlt wurden. Die Situation in Island ist nach wie vor sehr chaotisch, aber ich denke, das ist gut so. Auch wenn die meisten IsländerInnen wahrscheinlich gerne wieder zurückkehren würden zu einem Leben, wo sie grenzenlos auf Kredit einkaufen können, geht das nicht mehr – sie sind gezwungen, sich mit anderen Lebensmöglichkeiten auseinanderzusetzen.

Was die anarchistischen AktivistInnen betrifft, so gab es scheinbar auch eine starke Repressionswelle?

Die Regierung versucht, die AktivistInnen einzuschüchtern und hat es gezielt auf einige der engagiertesten Personen abgesehen. Im Moment sind neun AktivistInnen – darunter einige AnarchistInnen – angeklagt, das Parlament angegriffen und ParlamentarierInnen verletzt zu haben. Diese Anklagen stehen in Zusammenhang mit einer Aktion, bei der sich dreißig AktivistInnen Zugang zum Parlament verschafften, um ihre Meinung kundzutun. Es gibt starke Proteste gegen den Prozess – viele AktivistInnen unterschreiben Aufrufe, wonach die Regierung das ganze Land anklagen müsse, wenn es darum geht, Angriffe auf das Parlament zu kriminalisieren.

Du hast die Bedeutung internationaler Kontakte erwähnt: halten diese an?

Ja, AktivistInnen aus zahlreichen anderen Ländern kommen nach wie vor. Die meisten sind stark ökologisch interessiert.

Wie lässt sich die gegenwärtige anarchistische Szene skizzieren – also jene AktivistInnen, die den Begriff des Anarchismus explizit für sich in Anspruch nehmen?

Es gibt zwei Zeitschriften: Róstur [Geröll] erscheint monatlich, Svartur Svanur [Schwarzer Schwan] halbjährlich. Andspyrna [Widerstand] ist ein anarchistischer Verlag, ein Vertrieb und eine Bibliothek. Hljómalind [in etwa: Klingender Bach] ist ein selbstverwaltetes Café. Eine Food-Not-Bombs-Gruppe ist seit zwei Jahren in der Innenstadt Reykjaviks aktiv. Wie es wohl oft der Fall ist, wird die Hauptarbeit in diesen Projekten oft von denselben Personen gemacht, aber es gibt eine relativ breite Gruppe von UnterstützerInnen. Wie gesagt, anarchistische Ideen sind in den letzten Jahren stark ins öffentliche Bewusstsein gedrungen.

Welche Hoffnungen hast du für die Zukunft?

Wenn wir die Revolution als eine Summe von Tausenden kleiner Transformationen betrachten, dann sind wir ein Teil davon.

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Siggi Pönk betreibt Andspyrna, einen anarchistischen Verlag und Vertrieb mit angeschlossener Bibliothek, in Reykjavik. Seit langem in der isländischen Musik- und Politikszene aktiv, war er in den letzten Jahren vor allem in die Saving-Iceland-Kampagne involviert. Er arbeitet als Pfleger in der Notaufnahme eines Krankenhauses.