Interview mit Gerald Taiaiake Alfred zum Verhältnis von Anarchismus und indigenen Gesellschaften in Nordamerika

Das Interview wurde im Jahr 2010 geführt und ist in dem Buch »Von Jakarta bis Johannesburg: Anarchismus weltweit« erschienen. Diese Version kann sich in sprachlichen Details von der im Buch enthaltenen Version unterscheiden und beinhaltet keine erklärenden Fußnoten.

Wir werden in diesem Interview über die indigenen Gesellschaften Nordamerikas sprechen. Diese stellen keinen monolithischen Block dar und sind sehr vielfältig. Kannst du uns einige der wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschiede nennen, denen sich europäische LeserInnen bewusst sein sollten?

Grundlegend ist die starke Verbundenheit indigener Gesellschaften mit der Natur und mit den Gebieten, in denen sie leben. Darum haben die Gesellschaften in den subarktischen Boreal-Wäldern sehr viel gemeinsam, genauso wie jene entlang des Mississippi und des Ohio, an der Nordwestküste des Kontinents westlich der Rocky Mountains oder in der Arktis. Dies dient jedoch nur einer grundlegenden Orientierung. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kulturen, die sich über Jahrtausende entwickelt haben, sind enorm. Die historische Erfahrung, die all diese Kulturen teilen, ist jedoch der Kolonialismus und der Versuch eines Genozids. Dies – ebenso wie das Englische als gemeinsame Sprache – hat eine gemeinsame Identität geschaffen.

Kannst du den Begriff des »Indigenismus« erklären?

Indigenismus ist das Konzept eines revolutionären Wandels, der auf der Rückkehr zu indigener Kultur und Spiritualität, der Wiederherstellung indigener Organisationsformen und der Wiederaneignung unseres Landes beruht.

Wie verhält sich der Indigenismus zum Anarchismus? Es scheint dazu in Nordamerika einige Diskussionen zu geben…

Ich denke nicht, dass die Diskussionen besonders ausgeprägt sind. Es gibt einige Leute, die Verbindungen sehen, und einige, die aktiv am Aufbau von Bündnissen arbeiten. Leute wie Richard Day, Glen Coulthard und ich haben Gemeinsamkeiten zwischen beiden Denkansätzen herausgearbeitet und uns darum bemüht, die Bewegungen einander auch praktisch näher zu bringen. Ich denke aber, dass wir uns momentan noch in einer Experimentierphase befinden.

Es scheint so, als ob diese Verbindungen in Kanada stärker sind als in den USA. Ist dieser Eindruck richtig?

Ich denke ja. Dafür sehe ich zwei Gründe: Erstens wurde der Anarchismus in den USA stärker unterdrückt. Zweitens hat es dort einen enorm starken Prozess der Amerikanisierung gegeben, von dem selbst indigene AktivistInnen und Intellektuelle nicht unberührt geblieben sind – sie haben zum Großteil die Grundlagen der politischen Ideologie Amerikas akzeptiert, wozu gehört, alle Formen radikalen Aktivismus, und insbesondere den Anarchismus, zu dämonisieren.

Gibt es viele indigene AktivistInnen, die sich selbst als »AnarchistInnen« bezeichnen, oder wird eher von »anarchistischen Verbündeten« gesprochen?

Definitiv Letzteres.

Kannst du mehr zur Zusammenarbeit zwischen indigenen AktivistInnen und nicht-indigenen AktivistInnen sagen? Du sprachst von einer »Experimentierphase«? Was sind die gemeinsamen Ziele und was die größten Herausforderungen und Schwierigkeiten?

Die Zusammenarbeit begann vor ein paar Jahren im Kontext des Widerstandskampfs der Haudenosaunee in Caledonia. Es ging, wie so oft, um Landrechte. Ich denke, dass ein Grund für das Engagement der AnarchistInnen die Nähe Torontos war. Die politischen Bündnisse, die aus dieser Zusammenarbeit entstanden, sowie die gemeinsamen Erfahrungen, die gemacht wurden, bildeten die Basis eines praktischen »Anarchoindigenismus«. Zusätzlich gibt es Versuche, eine libertäre Theorie und Praxis zu entwickeln, die anarchistisches und indigenes Wissen vereint – vor allem an unserer Universität in Victoria wird hierzu gearbeitet.

Gibt es heute viele Gruppen, in denen indigene und nicht-indigene AktivistInnen Seite an Seite arbeiten, oder sprechen wir hier eher von separaten Gruppen, die sich gegenseitig unterstützen?

Es hat sich als recht schwierig herausgestellt, eine kontinuierliche Arbeitsbeziehung zwischen indigenen und nicht-indigenen AktivistInnen in denselben Gruppen aufrechtzuerhalten.

Warum?

Viele Weiße sind als IndividualistInnen sozialisiert worden und können es nicht akzeptieren, dass sie in einem Prozess nicht die Kontrolle innehaben und nie innehaben werden. Sie glauben, dass sie automatisch das Recht haben, immer und überall ihre Meinung abzugeben und jede Situation in Beschlag zu nehmen. Aber dem ist nicht so.

Was sind die wichtigsten Ideen, Prinzipien und Aktionsformen, die nicht-indigene AktivistInnen von indigenen Gesellschaften lernen können?

Ich denke, dass die wertvollsten Lehren, die philosophischen und spirituellen Prinzipien sind, die unseren traditionellen Kulturen zugrunde liegen: friedliche Koexistenz, der respektvolle Umgang mit anderen Menschen und mit der Natur, Ordnungen wirklicher Gleichheit und Freiheit – dies sind alles wichtige Alternativen zum christlichen Kapitalismus des Westens. Was Aktionsformen betrifft, so denke ich, dass der Kolonisierungsprozess viele indigene Gesellschaften sehr passiv werden ließ, und dass sie eine Menge von AnarchistInnen lernen können, was die Konfrontation mit der Staatsmacht betrifft.

Wie können nicht-indigene AktivistInnen zum Kampf indigener Gesellschaften beitragen?

Hier gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Die Unterstützung muss aber von »Verbündeten« kommen. Die Zeit, in der Weiße Machtpositionen in indigenen Bewegungen und Organisationen beanspruchen konnten, ist vorbei. Um nur ein paar Beispiele zu nennen, so können weiße AktivistInnen dazu beitragen, der Staatsmacht die Kontrolle über indigene Territorien streitig zu machen, rassistische und koloniale Diskurse zu unterminieren und die Rückgabe indigenen Landes zu fordern.

Gibt es Verbindungen zu indigenen AktivistInnen außerhalb Nordamerikas?

Der indigene Kampf ist ein globaler. Dazu gehören heute gemeinsame Petitionen bei den Vereinten Nationen, zunehmende Mobilität und das Internet. Die Kämpfe, die wir führen, werden von allen kolonisierten Gesellschaften geteilt. Kurz gesagt, ja, wir haben Verbindungen und wir haben sehr viel gemeinsam. Allerdings beschränkt sich der Kontakt vorerst noch auf Informationsaustausch und moralische Unterstützung.

Vor allem in Kanada wird für indigene Gesellschaften häufig der Ausdruck »First Nations« verwendet. Das führt oft zu Verwirrung unter linken EuropäerInnen, die alles, was sich auf eine »Nation« bezieht, als konservativ ablehnen. Kannst du uns erläutern, wie dieser Begriff in indigenen Gesellschaften verstanden wird?

EuropäerInnen sollten ihre Erfahrungen mit dem Begriff der Nation nicht auf andere projizieren. Ich denke nicht, dass der Begriff ideal ist, um unsere Gesellschaften zu beschreiben, dazu benötigen wir Begriffe, die den Sprachen dieser Gesellschaften selbst entstammen. Der Begriff der Nation erfüllt aber in einem bestimmten Kontext einen Zweck: er gibt den Kolonialmächten zu verstehen, dass unsere Gesellschaften nicht weniger wert sind als ihre und dass es sie bereits gab, als sie hier ankamen.

Einige indigene AktivistInnen beziehen sich gerne auf den Begriff des warrior, häufig in direktem Zusammenhang mit militanter Politik. Was bedeutet der Begriff für dich?

Ich habe über diese Frage ein Buch geschrieben mit dem Titel Wasase: Indigenous Pathways of Action and Freedom (2005). Ich denke, dass indigene warriors Menschen sind, die sich traditioneller indigener Kultur verbunden fühlen, Verantwortung für indigene Gesellschaften übernehmen und mutig den Gefahren entgegentreten, denen sich unsere Nationen ausgesetzt sehen.

Wie sieht eine indigene Vision für Nordamerika aus? Ist sie auch eine anarchistische Vision?

Es gibt viele Visionen für die Zukunft Nordamerikas. Ich kann nur von meiner sprechen: Ich möchte, dass unsere Gesellschaften in Würde, Stärke und Selbstbestimmung in unseren traditionellen Gebieten leben können, in einem ausgeglichenen und friedlichen Verhältnis zu anderen Menschen und zur Natur. Dies entspricht den Lehren unserer Vorfahren. Was AnarchistInnen betrifft, so hängt wohl alles davon ab, ob sie diese Vision als eine gerechte begreifen oder nicht. Es gab immer Platz für respektvolle Gäste in den indigenen Gesellschaften Nordamerikas und das wird sich nicht ändern.

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Gerald Taiaiake Alfred wuchs im Kahnawake-Mohawk-Reservat in Québec auf und lebt seit 1996 an der kanadischen Westküste, wo er an der University of Victoria unterrichtet. Er ist langjähriger Aktivist und Buchautor. Mehr Information - und Texte - gibt es auf seiner Website.