Interview mit Michel (Anarchistische Groep Amsterdam) über Anarchismus in den Niederlanden

Das Interview wurde im Jahr 2010 geführt und ist in dem Buch »Von Jakarta bis Johannesburg: Anarchismus weltweit« erschienen. Diese Version kann sich in sprachlichen Details von der im Buch enthaltenen Version unterscheiden und beinhaltet keine erklärenden Fußnoten.

Kannst du uns etwas über die Geschichte des Anarchismus in den Niederlanden erzählen?

Ich werde es versuchen. Ich kenne keinen Artikel über die Geschichte des Anarchismus in Holland, der in einer anderen Sprache als Holländisch verfasst ist. Ich hoffe, dass sich das ändern wird.

Die Anfänge des Anarchismus in Holland lassen sich um 1890 finden. In diesem Jahr erschien die erste holländische anarchistische Zeitschrift namens Anarchist. Sie wurde von kleinen Gruppen in Amsterdam, Den Haag und Rotterdam gemacht. 1894 kam ein bekannter holländischer Sozialist, Ferdinand Domela Nieuwenhuis, zu dem Schluss, dass sozialer Wandel sich nicht über den parlamentarischen Weg verwirklichen ließe. Er wurde Herausgeber der anarchistischen Zeitschrift Recht voor Allen, die täglich erschien. Da er bereits eine wichtige Persönlichkeit in der sozialistischen Bewegungen war, schlossen sich seiner Neuorientierung viele Leute an, vor allem im Norden Hollands, in den Provinzen Groningen, Drenthe und Friesland. Die ArbeiterInnenklasse in diesen Regionen war sehr arm und begeisterte sich für die Idee einer klassenlosen Gesellschaft. Auch in Amsterdam gab es viel Unterstützung für die anarchistische Bewegung. Eine Schwäche der holländischen AnarchistInnen war aber die starke Organisationsskepsis, was auch ein Grund für das völlige Misslingen des Generalstreiks 1903 war.

Wichtig zu erwähnen ist die Tatsache, dass der holländische Anarchismus immer wesentlich von ethischen Standpunkten geprägt war. Bestimmende Themen waren Pazifismus, Antimilitarismus, Vegetarismus, Antialkoholismus – ein typisch holländisch-calvinistischer Anarchismus. Leo Tolstoi war eine wichtige Figur. Es gab auch verschiedene religiöse anarchistische Gruppen und Zeitungen, obwohl die meisten davon eher marginal waren. Man findet diese Ansätze auch teilweise in der heutigen Bewegung noch.

Während des Ersten Weltkriegs war das Hauptthema der Antimilitarismus. Von den zahlreichen jungen Männern, die den Kriegsdienst verweigerten, waren die meisten Anarchisten – beinahe alle von ihnen gingen dafür ins Gefängnis.

In den 1920ern gab es einige Jugendgruppen, die sich um diverse Magazine wie Alarm oder De Monker gruppierten. Sie waren individualistisch orientiert und militant, einige waren sogar an Bombenanschlägen beteiligt. Sie waren sehr lose organisiert und lebten oft als LandstreicherInnen. Ich denke, man kann sie mit der Vagabundenbewegung in Deutschland vergleichen. Es gab auch eine revolutionär-syndikalistische Föderation von Gewerkschaften namens Nationale Arbeiders Secretariaat. Dort fanden die AnarchosyndikalistInnen ihren Platz bzw. diejenigen, die eine stärkere Organisation anstrebten. Die Organisation war an einigen großen Streiks beteiligt, wie jenem der TextilarbeiterInnen im Osten des Landes, in der Gegend um Enschede. Von 1923 bis 1940 gab es auch eine anarchosyndikalistische Gewerkschaft namens Nederlandsch Syndicalistisch Vakverbond [Niederländische Syndikalistische Union]; diese war allerdings sehr klein und nur von geringem Einfluss.

Die Spanische Revolution 1936 bewirkte eine große Spaltung in der anarchistischen Bewegung. Die Hauptstreitpunkte waren der Einsatz von Waffen und Gewalt und natürlich der Eintritt der CNT in die republikanische Regierung. Das ist ein gutes Beispiel für die ethische Tendenz, die die anarchistische Bewegung in Holland hatte. Sie hatte eine utopische Vorstellung von der Welt, die nicht mit der realen Situation übereinstimmte.

Mit der Besatzung Hollands durch die Nazis war es um die anarchistische Bewegung mehr oder weniger geschehen. Die Rolle der AnarchistInnen im Widerstand gegen den Faschismus war sehr schwach. Es gab nur ein paar Ausnahmen unter AnarchosyndikalistInnen, die bereits ihre Erfahrungen mit dem Aufstieg des Faschismus in Spanien hatten. Sie halfen vielen deutschen AnarchosyndikalistInnen der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD), die in den 30er Jahren nach Holland geflüchtet waren, weiter nach England oder in die USA zu kommen. Auch AnarchopazifistInnen halfen dabei, Leute zu verstecken, Untergrundpublikationen zu verbreiten oder Sabotageakte durchzuführen. Viele junge Anarchisten verweigerten den Kriegsdienst. Die meisten dieser Leute wurden erwischt und eingesperrt und viele wurden hingerichtet oder starben in Konzentrationslagern. Die wenigen, die diese Vernichtungslager überlebten, waren psychisch gebrochen. Es dauerte bis in die 1960er Jahre, bevor eine neue Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, dem Anarchismus wieder Aufwind verschaffte.

Die Niederlande werden oft als Paradebeispiel eines historischen Liberalismus angeführt. Denkst du, es gibt hier eine Verbindung zur anarchistischen Geschichte?

Das ist eine ziemlich schwierig zu beantwortende Frage. Holland hat diesbezüglich zwei Gesichter: das liberale ist das eine; das der Kolonialmacht, die für den Tod von Millionen von Menschen in Indonesien, Südamerika, Nordamerika und Afrika verantwortlich ist, ist das andere. Die schönen Häuser an den Kanälen im Zentrum von Amsterdam wurden mit Blutgeld aus dem Sklavenhandel mit Amerika finanziert. Der erste multinationale Konzern kam aus Holland, nämlich die berüchtigte Vereenigde Oost-Indische Compagnie [Niederländische Ostindien-Kompanie]. Holland tat mehr oder weniger alles, um an Geld zu kommen, was auch heute noch zutrifft. Ja, Holland zeigte sich immer diplomatisch, war bereit, in Verhandlungen einzutreten und betonte die Bedeutung anderer Kulturen und Sprachen – aber letzten Endes diente all dies nur dem Zweck, Geld zu machen.

Was die Situation in Holland selbst betrifft, so kamen immer schon viele Flüchtlinge in das Land, wie zum Beispiel portugiesische und spanische Juden/Jüdinnen nach der Inquisition oder ProtestantInnen aus Frankreich und Deutschland. Dies bedeutete, dass es viele verschiedene Überzeugungen gab, auch politisch, und Meinungsfreiheit wurde früh als Wert betrachtet – auf jeden Fall früher als in anderen Ländern. Nicht zuletzt deshalb entwickelte sich die Druck- und Buchindustrie in Holland rasch. Die herrschende Klasse verstand, dass sie ihre Macht nicht durch bloße Unterdrückung behaupten konnte; solche Versuche hatten mehrfach zu starken sozialen Unruhen geführt. Ein gewisses Maß an Freiheit wurde zugelassen, um die Massen ruhig zu halten. Ich würde das als »repressive Toleranz« bezeichnen, ein Prinzip, das auch heute noch zu beobachten ist.

Aus anarchistischer Perspektive ist es beispielsweise interessant, den Internationalen Anarchistischen Kongress in Amsterdam im Jahr 1907 zu betrachten. In Paris und London waren ähnliche Kongresse in den 1890er Jahren aufgrund der starken Repression der Polizei kaum durchführbar gewesen. In Amsterdam hingegen gab es nicht das geringste Problem. Es gab sogar eine Debatte über das Pro und Contra der Propaganda der Tat, wovon auch in bürgerlichen holländischen Zeitungen berichtet wurde. Von Seiten der Regierung oder der Polizei gab es keine Intervention. Damals war Holland eine Monarchie! Wie übrigens auch heute noch…

Wichtig zu erwähnen ist, dass die Geschichte der holländischen FreidenkerInnen großen Einfluss auf die politische Landschaft ausübte. Viele, die in der FreidenkerInnenbewegung aktiv waren, waren auch AnarchistInnen. Es war vielleicht diese Tradition rationaler Debattenführung – bei der man sich die Argumente aller politischen, intellektuellen und ökonomischen Gruppierungen in Ruhe anhört –, die dazu führte, dass die anarchistische Bewegung als Teil der politischen Landschaft akzeptiert wurde. Vielleicht ist auch die Tatsache, dass es in Holland seit etwa 1800 keine Massenmorde und keine brutale Unterdrückung Andersdenkender gab, der Grund, warum radikale Bewegungen dort nie sehr radikal waren. Verhandlungen schienen immer möglich.

Waren deiner Ansicht nach die Provos und Kabouters anarchistisch? Welches Erbe haben sie hinterlassen?

Ich denke nicht, dass die Kabouters AnarchistInnen waren, da sie bei Lokalwahlen mitgemacht haben. Hier werden nicht alle meiner Meinung sein, aber das stört mich nicht. Die Kabouters sind eine Bewegung, die aus den Provos entstanden ist bzw. sich von ihr abgespalten hat. Die Provos waren definitiv anarchistisch. Die Bewegung löste sich auf, weil manche einen parlamentarischen Kurs einschlugen. Das Problem der Geschichtsschreibung ist immer, dass sie von Gebildeten unternommen wird. Bei den Provos waren jedoch Hunderte Jugendliche aus der ArbeiterInnenklasse. Diese bevorzugten direkte Aktionen, kämpften mit der Polizei, klebten Plakate, malten Graffiti in den Straßen, besetzten Häuser, warfen Rauchbomben auf die königliche Familie usw. Ich weiß das, weil Leute es mir erzählt haben. Aus der offiziellen Geschichtsschreibung der radikalen Linken in Holland sind die ArbeiterInnenklassen-Provos aber völlig verschwunden. Ich hoffe, dies hier etwas berichtigen zu können.

Die meisten radikalen Linken in Holland sind sich nicht bewusst, wie groß der Einfluss der Provos auf die holländische Geschichte wirklich war. Sie waren die Ersten, die über Naturzerstörung, Konsumismus, freie Liebe, Feminismus, Abtreibungsrecht und freies Wohnen sprachen. Sie legten die Grundsteine für die Hausbesetzungsbewegung, die Antiatombewegung, die Antimilitarismusbewegung, die Naturschutzbewegung usw. Viele radikale Linke wissen das heute nicht mehr oder machen sich darüber lustig.

Die Niederlande sind unter AktivistInnen weltweit für ihre starke Hausbesetzungsbewegung bekannt. Sind alle HausbesetzerInnen AnarchistInnen oder ist das Thema etwas komplizierter?

Die Hausbesetzungsbewegung war tatsächlich sehr groß, sehr stark und sehr politisch. Das trifft aber hauptsächlich auf die Vergangenheit zu. Heute hat sich einiges verändert.

Die gesellschaftliche Situation am Anfang der 80er Jahre war eine sehr spezielle: es gab Massenarbeitslosigkeit, eine verhältnismäßig große Zahl an jungen Leuten und einen enormen Mangel an Wohnraum (der bis heute besteht). In Amsterdam standen zwanzig Prozent der Immobilien leer. Ihr könnt euch vorstellen, was passierte, als die Energie der neuen sozialen Bewegungen, die in Holland bereits fünfzehn Jahre zuvor von den Provos in Gang gesetzt wurden, auf diese Realität stieß: es kam zu einigen der größten gesellschaftlichen Proteste der holländischen Geschichte.

Damals waren viele AnarchistInnen in der Hausbesetzungsbewegung aktiv. Das ist auch heute noch der Fall, wobei deren Ideen in der Hausbesetzungsbewegung oft untergehen. Lasst mich das so erklären: Wenn du starke soziale Bewegungen hast, nehmen alle daran teil. Niemand will über Theorie reden, alle schreiten direkt zur Praxis. Einerseits ist das großartig, andererseits bedeutet es jedoch auch, dass du nie eine klare politische Linie entwickelst. Das ist meines Erachtens die Situation, die wir heute in besetzten Häusern finden: die Bandbreite der Leute, die dort leben, ist so groß, dass es unmöglich ist, die gesamte Bewegung als anarchistisch zu bezeichnen; ganz im Gegenteil: es gibt HausbesetzerInnen, die mit politischen Parteien verhandeln, Abmachungen treffen, ihre Ideale aufgeben und ganze Nachbarschaften gentrifizieren.

Die Gruppe der HausbesetzerInnen, die sich selbst als AnarchistInnen bezeichnen, ist klein, aber sehr aktiv. Diese Leute glauben an einen Anarchismus der Praxis und der gegenseitigen Hilfe. Gewisse politische Implikationen des Häuserbesetzens sind klar: es stellt einen Angriff auf das Eigentum dar und stellt das Paradigma in Frage, Profit über die Bedürfnisse der Menschen zu stellen.

Ob anarchistisch oder nicht: wie stark ist die Hausbesetzungsbewegung gegenwärtig? Es hat kürzlich einige gravierende rechtliche Änderungen gegeben.

Insgesamt ist es schlecht um die Bewegung bestellt, insbesondere in Amsterdam. Erstens führte ein ernster Zwischenfall in einem wichtigen Sozialen Zentrum im September 2008 zu einer Spaltung in der Amsterdamer Hausbesetzungsbewegung, und zweitens herrscht seit 2001 ein äußerst konservatives, rechtsgerichtetes Klima in Holland. Die Regierung kündigte bereits im Jahr 2002 an, das Besetzen von Häusern verbieten zu wollen, und erließ Ende 2009 ein entsprechendes Gesetz. Das Besetzen leerstehender Häuser ist seitdem in Holland unter allen Umständen illegal, genauso wie in Deutschland. Das Gesetz tritt 2010 in Kraft. Die Folgen werden weitreichend sein. Hunderte AnarchistInnen und andere AktivistInnen werden ihren Wohnplatz verlieren und sich irgendwo einmieten müssen. Das bedeutet auch, dass alle viel mehr arbeiten müssen, um sich die Miete leisten zu können, wobei die Mieten in Holland sehr hoch sind, da es immer noch einen großen Mangel an Wohnraum gibt.

Für mich kommt das Ganze freilich nicht überraschend. Schon vor Jahren, in Zusammenhang mit der Politik der EU, realisierte ich, dass sich das legale Besetzen von Häusern nicht wird halten können. In fast jedem EU-Land ist das Häuserbesetzen strafrechtlich verboten. Allerdings: in den meisten EU-Ländern gibt es trotzdem besetzte Häuser. Es gibt also Hoffnung!

Es scheint so, also ob die politische Hausbesetzungsszene in den Niederlanden einiges mit den deutschen Autonomen gemeinsam hat. Siehst du – historisch und gegenwärtig – Verbindungen zwischen den Bewegungen? Ist der Begriff »autonom« auch in den Niederlanden in Verwendung? Wird dieser dann synonym mit »anarchistisch« verwendet oder bedeutet er etwas anderes?

Tatsächlich wirken die beiden Bewegungen sehr ähnlich, aber wenn man hinter das Schwarz blickt, so gibt es große Unterschiede. In den 1980ern gab es viel Austausch zwischen Holland und Deutschland, Konzepte wurden diskutiert und übernommen, holländische HausbesetzerInnen gingen in deutsche Städte, antiimperialistische und antifaschistische Konzepte gelangten nach Holland usw. Trotzdem waren die Autonomen in Holland immer nur eine Art schlechter Kopie der Autonomen im deutschsprachigen Raum. Viele deutschsprachigen Autonomen waren – und sind es möglicherweise noch – überzeugte KommunistInnen/MarxistInnen. In Holland galt das für die Szene nie, mit Ausnahme einiger Gefangenenhilfsgruppen, die sich an die Rote Hilfe anlehnten. Leute, welche die Bezeichnung »autonoom« für sich in Anspruch nehmen, können dies selten inhaltlich erklären. Die meisten von ihnen wählen die Bezeichnung, weil sie keine klaren politischen Ideen haben oder sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht als anarchistisch bezeichnen wollen. Anders gesagt: sie nennen sich »autonoom« in Ermangelung einer Alternative. Zudem gibt es in diesen Kreisen stark aktionistische Tendenzen: die Aktion kommt gewissermaßen vor der Politik.

Was das Verhältnis zu Deutschland betrifft, so ist das, was dort passiert, nach wie vor von Wichtigkeit für die radikale Linke in Holland. Es gibt immer noch Leute, die für Antifa-Aktionen nach Deutschland reisen oder sich jedes Jahr für den 1. Mai nach Berlin aufmachen. Deutschland ist einfach größer und es finden mehr Aktionen statt. In den letzten fünfzehn Jahren gab es in Holland keine einzige große Demonstration der radikalen Linken, weder von Autonomen noch von AnarchistInnen. Wenn 500 Leute auf eine Demonstration kommen, sind alle begeistert. Es gab in Holland auch nie eine fundierte Debatte zu Analysen, Taktiken und Strategien. Es existieren so gut wie keine radikalen Zeitschriften, die monatlich erscheinen und somit als Plattform für entsprechende Debatten dienen könnten.

Um zurück zu den Selbstbezeichnungen zu kommen: Selbst sympathisierte ich bereits stark mit dem Anarchismus, als ich jünger und vor allem in den Hausbesetzungs- und Antifa-Szenen aktiv war. Sobald ich jedoch auf selbsterklärte AnarchistInnen traf, hatte ich wenig mit ihnen gemein. Die meisten von ihnen waren gewaltfrei, vegan und sehr moralistisch. Ich hatte immer Angst, ein falsches Wort zu verwenden und alleine dafür angeklagt zu werden… Es dauerte Jahre, bis ich ein wirklich positives Verhältnis zum Anarchismus entwickeln konnte und mich bewusst Anarchist nannte. Der Grund war, dass ich eine jüngere Generation von AnarchistInnen traf, mit denen ich mich identifizieren konnte: Leute mit ArbeiterInnenklassen-Hintergrund, die Metal hörten, Bier tranken und nicht gewaltfrei waren.

Gab es in den Niederlanden auch Konflikte zwischen »Lifestyle«- und »Klassenkampf«-AnarchistInnen?

Das bringt mich zum Lachen – die Bewegung ist so klein in Holland, dass derartige Konflikte in anarchistischen Zusammenhängen einem Selbstmord gleichkämen. Klar, die anarchistische Haupttätigkeit international ist es, sich gegenseitig zu diffamieren bzw. sich wahlweise Begriffe wie »reformistisch«, »mittelklasslerisch«, »kriminell«, »bourgeois« oder »lifestylist« an den Kopf zu werfen – am liebsten auf Internetforen. Es ist, um ehrlich zu sein, deprimierend.

Mir persönlich ist es egal, was die Leute machen. »Food Not Bombs«, »Bomb a Bank« – alles hat seine Berechtigung. Wer bin ich, dass ich sagen könnte, welche Praktiken und Strategien gut oder schlecht sind? Alle AnarchistInnen haben unterschiedliche Gründe dafür, als AnarchistInnen aktiv zu sein. Oft ist das Entscheidende, wie Leute mit dem Anarchismus in Berührung gekommen sind: durch die Punkszene, weil sie eine große Straßenschlacht zwischen AnarchistInnen und der Polizei im Fernsehen gesehen haben oder weil sie sich an einem Streik beteiligten und AnarchosyndikalistInnen kennen lernten? Natürlich muss es ständige Diskussion zwischen diesen Gruppen geben, das ist sehr wichtig – aber die Diskussionen müssen konstruktiv sein, nicht sektiererisch, elitär oder avantgardistisch.

Ich komme aus einer Familie der ArbeiterInnenklasse, habe keine hohe Bildung genossen und jahrelang in Fabriken gearbeitet – und ich habe es gehasst; ich werde die ArbeiterInnenklasse nie als die einzige revolutionäre Kraft idealisieren. Aber es sind trotzdem meine persönlichen Erfahrungen, die mein Verständnis des Anarchismus prägen. Praktisches Handeln und das Pflegen sozialer Beziehungen sind dabei nach wie vor wichtiger für mich als all die Bücher und Zeitschriften, die ich lese.

Was sind die Themen, an denen holländische AnarchistInnen vor allem arbeiten?

Antifaschismus und Rassismus sind wichtig. Auch Antimilitarismus. Zudem gibt es ein paar ÖkoanarchistInnen, die sich an Gruppen wie Earth First! orientieren. Wichtig zu erwähnen ist auch die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung. Diese ist sehr aktiv und viele der engagiertesten Leute sind AnarchistInnen. Manche von ihnen können besser erklären, was es mit dem Anarchismus auf sich hat, als viele, die anarchistischen Organisationen angehören. Was Arbeit, Arbeitslosigkeit und ArbeiterInnenrechte betrifft, ist Holland eine Wüste. Es passiert fast gar nichts, mit Ausnahme kleinerer Aktionen, die von der Anarchistische Groep Amsterdam durchgeführt werden.

Wenn ich aus diesem Komplex ein Thema als zentrales herausgreifen müsste, wäre es die Arbeit mit inhaftierten Flüchtlingen. Es gibt in Holland eine starke Repression gegen sogenannte illegale MigrantInnen. Sie werden oft in große Gefängnissen gesperrt, die im ganzen Land in abgelegenen und isolierten Industriegebieten eingerichtet wurden. Dort gibt es immer wieder Aktionen, beispielsweise Lärmdemos. Auch die Firmen, welche die Gefängnisse betreiben, wie die Group 4 Security, werden von AnarchistInnen angegriffen. Meist werden die Eingänge zu ihren Büroräumen blockiert, manchmal werden die Reifen ihrer Fahrzeuge zerstochen, und es ist auch schon zu Brandanschlägen gekommen. MigrantInnen wird auch direkte Hilfe zur Verfügung gestellt, wie Wohnmöglichkeiten, medizinische Versorgung, Beratung bei rechtlich-bürokratischen Prozessen, Unterstützung bei der Arbeitssuche usw. In Utrecht gibt es eine Gruppe namens Anarchistische Anti-deportatie Groep Utrecht, die in diesem Bereich sehr aktiv ist. In diesem Zusammenhang hat sich in den letzten fünf Jahren auch eine starke anarchistische Gefangenenhilfe entwickelt. Dies ist vor allem insofern erfreulich, als dass es lange keine klare Position zum Thema Gefängnis gab. Wenn du sagtest, dass alle Gefängnisse zerstört werden müssen, so haben dich die Leute angeschaut als seiest du komplett verrückt.

Erwähnt werden sollte letztendlich noch De Vrije Bond. Hierbei handelt es sich um ein loses anarchistisches Netzwerk mit rund 80 Mitgliedern aus ganz Holland, das momentan an neuen Positionspapieren arbeitet. Es sieht so aus, als würde sich hier eine Art anarchistische Föderation entwickeln.

Wie schätzt du die Möglichkeiten der anarchistischen Bewegung für die Zukunft ein?

Ich habe bereits anklingen lassen, dass ich die gegenwärtige anarchistische Bewegung in Holland nicht für besonders stark halte. Gleichzeitig ist sie die Situation um vieles besser als noch vor zehn Jahren. Ende der 1990er waren anarchistische Projekte kaum existent, heute gibt es anarchistische Gruppen in vier Städten, fünf anarchistische Büchereien und vier anarchistische Zeitschriften. Leider werden diese Projekte alle von sehr kleinen Gruppen betrieben, wodurch die Einzelnen sehr ausgelastet sind. Manche Zeitschriften werden nur von zwei Leuten gemacht. Landesweit sprechen wir vielleicht von sechzig Leuten, die wirklich aktiv sind.

Der sogenannte Pinksterlanddagen, das jährliche anarchistische Treffen in Appelscha, im Norden Hollands, wo an drei Tagen unterschiedliche Vorträge, Workshops und Diskussionen stattfinden, zieht jedes Jahr etwa 400 Leute an. Ich denke nicht, dass alle, die dorthin fahren, AnarchistInnen sind – und viele verstehen sich wohl auch nicht als solche. Trotzdem vermittelt diese Zahl einen gewissen Eindruck. Natürlich stellt sich die Frage, wie wichtig Zahlen für die Einschätzung einer Bewegung sind, aber ich halte sie in jedem Fall für bedeutend: es gibt eine Reihe von Sachen, die wir als AnarchistInnen einfach deshalb nicht tun können, weil wir zu wenige sind. Es ist fatal für die Bewegung, von Kampagne zu Kampagne zu springen – aber es passiert und auch ich bin dumm genug, dabei mitzumachen. Die Bewegung muss in jedem Fall mehr für sich werben, mit Postern, Zeitschriften, Aufklebern usw. Sie muss Aktionen mit klaren anarchistischen Botschaften durchführen. Sie muss Flugblätter an Schulen und Märkten austeilen, zu Themen, die für Leute unmittelbar relevant sind, wie Rassismus, Jobverlust, Mieterhöhung, die Korruption der Banken oder der Krieg in Afghanistan. Holländische Truppen bombardieren dort Dörfer und niemand schert sich darum! Als AnarchistInnen müssen wir gegen diese täglichen Abscheulichkeiten Stellung beziehen!

Ich bin sehr gespannt, was in der Zukunft passieren wird. Rechte Politik wird immer stärker werden genauso wie ökonomische Krisen – viele Menschen werden darunter zu leiden haben. MigrantInnen und MuslimInnen werden uns als Sündenböcke präsentiert. Wir haben uns gegen diese Entwicklung in jeder Form zur Wehr zu setzen! Die Illegalisierung der Hausbesetzungen, von der wir gesprochen haben, ist Teil dieses Prozesses. So schlecht das neue Gesetz auch ist, vielleicht kann es sich positiv auf die anarchistische Bewegung auswirken, weil es die Leute zur Aktivität zwingt.

Menschen, die sich der täglichen Realität der Konsumgesellschaft entziehen und nicht von Verrückten regiert werden wollen, müssen sich nach Alternativen umschauen – sie werden dabei GenossInnen finden, die mit ihnen kämpfen werden. Diese GenossInnen müssen wir, die AnarchistInnen, sein; wir müssen die Alternative sein, wir müssen in der Mitte des Kampfes stehen – aber nicht als Avantgarde, sondern auf der Basis von Solidarität, gegenseitiger Hilfe und einer Militanz, die sich gegen jede Form von Unterdrückung wendet. Ein großer Mangel in der anarchistischen Geschichte ist, dass AnarchistInnen in beinahe jedem entscheidenden Konflikt abwesend waren, auch wenn anarchistische HistorikerInnen dies später immer wieder zu beschönigen versuchen. Natürlich ist es wichtig, sich von 1936 inspirieren zu lassen, aber wir leben heute. Das Schreiben von Geschichte nützt uns nichts – wir müssen Geschichte machen!

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Die Anarchistische Groep Amsterdam wurde 2001 gegründet und ist in zahlreiche anarchistische Projekte in den Niederlanden involviert. Michel ist Mitglied seit 2002. Lange Jahre vorwiegend in der Hausbesetzungsbewegung aktiv, widmet er sich heute vor allem Arbeitsfragen und Antirepressionsarbeit.