Interview mit Jong Pairez und Bas Umali über Anarchismus auf den Philippinen

Das Interview wurde im Jahr 2010 geführt und ist in dem Buch »Von Jakarta bis Johannesburg: Anarchismus weltweit« erschienen. Diese Version kann sich in sprachlichen Details von der im Buch enthaltenen Version unterscheiden und beinhaltet keine erklärenden Fußnoten.

Im letzten Jahrzehnt scheint sich eine erstaunlich starke anarchistische Bewegung auf den Philippinen entwickelt zu haben. Könnt ihr uns zu dieser Entwicklung etwas sagen?

Jong: Es gab in letzter Zeit einige Veröffentlichungen zum Anarchismus auf den Philippinen. Die meisten bieten Perspektiven für Formen des Kampfes und der Organisation, die von der traditionellen philippinischen Linken abweichen. Besonders hervorzuheben sind hier Bas' »Archipelagic Confederation: An Anarchist Alternative for the Philippines« und Marco Cuevas-Hewitts »Sketches of an Archipelagic Poetics of Postcolonial Belonging«. Beide Texte haben die Bedeutung von Diversität und von dezentraler und horizontaler Politik zum Thema – Aspekte, die üblicherweise sowohl von der Regierung als auch von der Linken übersehen werden, die beide in ihrem Streben nach einem geeinten Nationalstaat übereinstimmen. Marco argumentiert, dass »der Nationalismus als eine Art ›interner Imperialismus‹« angesehen werden kann.

Die Praxis entspricht dem hohen Niveau der Theorie noch nicht ganz. Einfacher gesagt: die anarchistische Bewegung in den Philippinen steckt noch in den Kinderschuhen. Es gibt noch sehr viele Mängel und Schwächen. Ich sehe dies jedoch gleichzeitig als Chance, da es uns die Möglichkeit bietet, uns kreativ und experimentell selbst zu entwickeln und aus unseren Fehlern zu lernen.

Gibt es historische Bewegungen auf den Philippinen, deren Politik eurer Meinung nach anarchistische Züge hatte?

Jong: Wenn wir die anarchistische Bewegung auf den Philippinen mit jenen Europas oder Ostasiens (dort insbesondere mit jener Japans) vergleichen, so gibt es auf den Philippinen kein Äquivalent einer modernen anarchistischen Bewegung im späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert. Zu jener Zeit, während der antikolonialen Kämpfe gegen Spanien und gegen den US-amerikanischen Imperialismus, waren die revolutionären Gruppen alle von der Idee der nationalen Befreiung bestimmt. Wenn wir aber Benedict Andersons Buch Under the Three Flags Glauben schenken, so übten die Ideen europäischer AnarchistInnen einen großen Einfluss auf philippinische Intellektuelle aus, die zu jener Zeit in Europa studierten. Einer davon war José Rizal, dessen Romane von großer Bedeutung für die Geschichte der Philippinischen Revolution waren. In El Filibusterismo erinnert der Protagonist an Ravachol, den französischen Anarchisten, der unterdrückte ArbeiterInnen rächte, indem er Bomben auf Behörden warf. Rizal verwendete das als Symbol, um die Verzweiflung der philippinischen Bevölkerung darzustellen, die sich vom Kolonialismus befreien wollte.

Trotz alledem konnte sich anarchistische Theorie und Praxis in dieser Zeit nie als eine legitime revolutionäre Alternative gegen den Kolonialismus auf den Philippinen etablieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass es in der philippinischen Geschichte keine Spuren antiautoritären Kampfes gibt. Auch wenn einige indigene Gesellschaften sich mit der Idee eines Nationalstaates anfreundeten, kämpften andere stets für die Aufrechterhaltung ihrer unabhängigen egalitären Lebensweisen.

Bas: El Filibusterismo beschreibt die Brutalität der kolonialen Gesellschaft. Es lässt sich darüber spekulieren, woher Rizal die Idee hatte, die gesamte koloniale Elite durch das Entzünden von in einer Lampe versteckten Nitroglyzerins auszulöschen. Rizal wusste von der »Propaganda der Tat« bzw. von Bombenanschlägen, Attentaten und anderen terroristischen Methoden aufgrund seiner langen Aufenthalte in Europa. Auch die Betonung der Bildung als einer der Hauptkomponenten gesellschaftlicher Befreiung ist den Ideen von Francisco Ferrer sehr ähnlich.

Wichtig ist auch der Einfluss von Isabelo de Los Reyes, der 1901 aus dem spanischen Montjuïch-Gefängnis zurück auf die Philippinen kam, um unmittelbar gegen den neuen Feind zu kämpfen, dessen Kriegsschiffe in der Bucht von Manila einliefen. Die Form des Kampfes von de Los Reyes unterschied sich von jenen der NationalistInnen, die heute als HeldInnen gelten, beträchtlich. Das Hauptziel seiner Kritik war der Imperialismus. Er wandte sich vor allem gegen die US-amerikanischen Konzerne und organisierte ArbeiterInnen und die Armen in Manila. Er setzte die anarchosyndikalistischen Ideen um, die ihm von seinen anarchistischen Mitgefangenen wie Ramón Sempau in Spanien näher gebracht worden waren. So organisierte er etwa die »Demokratische ArbeiterInnenunion«, die erste Gewerkschaft auf den Philippinen. Viele der direkten Aktionen, die durchgeführt wurden – Blockaden ebenso wie Streiks –, stellten eine große Herausforderung für die Kolonialregierung, die philippinische Elite und die Bosse der Konzerne dar.

Es hat den Anschein, dass ihr euch bemüht, anarchistische Ideen mit traditionellen Organisationsformen philippinischer Gesellschaften in Verbindung zu bringen. Könnt ihr das ein wenig erläutern?

Bas: Meiner Meinung nach ist der Anarchismus schon seit jeher in den Philippinen präsent. Indigene Gesellschaften von den Küstengebieten bis zum Hochland beruhten auf autonomen und dezentralen Strukturen, die ein hohes Maß an kultureller Vielfalt zuließen. Manche Gesellschaften standen sich feindlich gegenüber und es gab Auseinandersetzungen. Dabei ging es jedoch nicht um die Einrichtung einer Zentralmacht und um institutionalisierte Herrschaft, sondern um die Beilegung konkreter Konflikte: Schulden, territoriale Streitigkeiten usw. Die Organisationsformen reichten von losen Gruppen mit rotierenden Führungspositionen bis zu relativ komplexen Barangay. Letztere waren die Form, in der die meisten Gesellschaften organisiert waren, als die Inseln von den SpanierInnen kolonisiert wurden.

Die frühen Auseinandersetzungen mit der Kolonialmacht zeigen auch, dass das Prinzip direkter Aktion bereits angewandt wurde, bevor revolutionäre Theorien aus Europa die Philippinen erreichten. Angeführt von Lapulapu besiegten KriegerInnen beispielsweise koloniale Truppen in einer Schlacht in Mactan. Der Sieg war allerdings nur vorübergehend; nach einer Reihe von spanischen Angriffen wurden die Inselgruppen Luzon und Visayas erobert und dazu genötigt, das zentralistische Kolonialsystem anzunehmen. Hierauf folgte eine Periode von 300 Jahren, die immer wieder spontane und autonome Aufstände in Luzon, Visayas und Mindanao brachte. Gelegentlich konnten kleine Siege errungen werden, aber keine waren von Dauer.

Von besonderer Bedeutung war der Aufstand am 20. Februar 1872. Bei einer Meuterei im Marinehafen von Cavite, in der Nähe Manilas, wurden sieben spanische Offiziere getötet. Die spanischen Kolonialherren reagierten mit harter Repression und verhafteten Hunderte von Menschen, die umstürzlerischer Gedanken angeklagt wurden, inklusive Priester, RechtsanwältInnen und sogar einige Mitglieder der Kolonialverwaltung. Ein Standgericht verurteilte drei Priester zum Tode. Sie wurden vor den Augen von 40.000 Menschen exekutiert. Sechs Monate später traten 1.200 ArbeiterInnen in einen Streik – das erste Mal auf den philippinischen Inseln. Viele der ArbeiterInnen wurden verhaftet, aber es gelang nicht, die »RädelsführerInnen« ausfindig zu machen, sodass schließlich alle wieder freigelassen werden mussten. Benedict Anderson zufolge meinte der damalige Gouverneur der Philippinen, General Izquierdos, dass »die Internationale ihre schwarzen Flügel ausgebreitet hat und ihre schändlichen Schatten über die abgelegensten Länder wirft«.

Wie verhielten sich die traditionellen Formen der Organisation zur Unabhängigkeitsbewegung?

Bas: Die sogenannte Propagandabewegung setzte sich hauptsächlich aus einer gut ausgebildeten Elite zusammen, deren Angehörige die Ideen der europäischen Aufklärung übernommen hatten. Leute wie Rizal setzten auf den Nationalismus, um die Bevölkerung der Philippinen gegen die Kolonialherren zu vereinen. Sie gründeten die antikoloniale Geheimgesellschaft Katipunan, die eine bedeutende Rolle für die Philippinische Revolution spielte. Ihre politischen Ideen waren einem westlichen Zentralismus verpflichtet, der traditionelle Werte wie Kooperation und Vielfalt unterminierte. In eine Gesellschaft, die Wohlstand und relative Freiheit gewohnt war, hielt Sklaverei in der Form der polo ebenso Einzug wie Armut und Marginalisierung. Das galt für beinahe alle Gesellschaften der Inseln, mit Ausnahme einiger Gruppen in abgelegenen Bergregionen und im Süden Mindanaos.

Lasst uns auf die gegenwärtige anarchistische Bewegung zu sprechen kommen: könnt ihr uns einen kurzen Überblick geben?

Bas: Wichtig war der Einfluss der Punkszene in den frühen 1980er Jahren. Die Szene, die in den Philippinen entstand, hatte stark antiautoritäre Züge und stellte die Konventionen philippinischer Gesellschaft in Frage. Vor allem nach den Anti-WTO-Protesten und dem Schwarzen Block von Seattle 1999 begannen immer mehr Leute, sich für anarchistischen Aktivismus zu interessieren. Es gründeten sich entsprechende Kollektive in Manila, Davao, Cebu, Lucena und in anderen Städten. Es wurden Food-Not-Bombs-Gruppen organisiert, Workshops, Foren, Publikationsprojekte, Festivals, Blockaden, direkte Aktionen usw.

Jong: Seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts schießen Gruppen und Kollektive, die sich selbst als anarchistisch bezeichnen, förmlich aus dem Boden. Ihr historischer Hintergrund ist dabei weniger der Anarchismus des 19. Jahrhunderts, sondern eher das Punk-Phänomen der 1980er Jahre. Deshalb würde ich gerne ein wenig näher auf die Entwicklung des Punk auf den Philippinen eingehen.

Punk kam auf die Philippinen durch die philippinische Diaspora. Die Anfänge werden wohlhabenden Jugendlichen zugeschrieben, die in den späten 70ern aus Europa oder den USA als »Balikbayan« (balik bedeutet Rückreise und bayan Heimatland) auf die Philippinen zurückkehrten. Punkrock wurde vor allem durch das Radioprogramm »Rock of Manila« auf DZRJ-810 AM populär. Während der Militärdiktatur von Präsident Ferdinand Marcos erreichte diese Popularität ihren Höhepunkt. Obwohl die Medienlandschaft vom Staat kontrolliert wurde, schafften es einige kleine Radiostationen unabhängig zu senden. Sie spielten Musik von den Sex Pistols, The Clash und vielen anderen. Punkrock hatte auch einen großen Einfluss auf die spezifisch philippinische Pinoy-Szene, die sich zu jener Zeit entwickelte.

Wie Bas sagte, repräsentierte Punk zunächst vor allem die Unzufriedenheit der philippinischen Jugend mit der konservativen philippinischen Gesellschaft. Anfangs lag ein starker Fokus auf der Musik und das Ganze war eher unpolitisch, aber recht bald wurden radikale Ansätze entwickelt, welche die autoritäre philippinische Gesellschaft in Frage stellten. Jugendliche entdeckten in Zusammenhang mit Punk DIY-Prinzipien und anarchistische Ideen. Leider gingen viele dieser Momente durch die Kommerzialisierung des Punk wieder verloren. Im philippinischen Fernsehen gibt es heute Punkrock-Wettbewerbe, die von Softdrink-Multis wie Pepsi gesponsert werden.

Die autoritäre Linke hat eine starke Tradition auf den Philippinen. Warum gab es nur wenig Platz für antiautoritäre linke Politik?

Bas: Der Einfluss der autoritären Linken auf den Philippinen begann mit dem Ende der »Demokratische ArbeiterInnenunion« 1903. Die Union wurde von hierarchischen Organisationen ersetzt, die Machtpolitik betrieben. Unter dem Einfluss des Bolschewismus gründete sich schließlich die erste autoritäre ArbeiterInnen-Partei. Später wurde die revolutionäre Bewegung vom Maoismus dominiert, der stark auf die Organisierung in den ländlichen Regionen setzte.

Während der Marcos-Diktatur gewann die National Democratic Front, eine Koalition linker Kräfte, zusehends an Bedeutung. Sie wurde stark von der Kommunistischen Partei beeinflusst, die auch einen bewaffneten Flügel, die New People's Army hat. Der Radikalismus der autoritären linken Gruppen und ihre starke Kritik an den herrschenden Regimes hat viele Menschen immer wieder angezogen.

In den 90er Jahren kam es innerhalb der autoritären Linken zu einer Krise und zu zahlreichen taktischen und theoretischen Diskussionen. Bittere Spaltungen waren die Folge.

Jong, du hast vor kurzem gesagt, dass sich ähnliche Entwicklungen mittlerweile auch in der anarchistischen Bewegung abzeichnen. Kannst du das erläutern?

Jong: Wie Bas sagte, waren die frühen 90er Jahre eine Zeit starker linker Spaltungen. Mitglieder unterschiedlicher Gruppen brachten sich gegenseitig um. Dies schwächte die einst vereinte linke Bewegung enorm.

Gewisse Aspekte ideologischer Grabenkämpfe setzen sich auch in der anarchistischen Bewegung fort. Es gibt eine Reihe kleinlicher Debatten darüber, wer am anarchistischsten von allen ist usw. Meines Erachtens können diese Konflikte nur überwunden werden, wenn wir Vielfalt als Wert anerkennen.

Ihr scheint euch auch um eine Vernetzung von AnarchistInnen im gesamten asiatisch-pazifischen Raum zu bemühen. Wie weit seid ihr dabei vorangeschritten?

Jong: Der Zugang zu neuen Medien wie dem Internet spielt eine wichtige Rolle. Es können Netzwerke geschaffen werden, die unseren Zwecken dienlich sind. Das ist der Grund, weshalb wir an einer Online-Zeitschrift arbeiten, die über unsere lokalen Kämpfe in der Region, aber auch über diese hinaus informieren soll. Gleichzeitig soll sie der Kontaktaufnahme und der Solidarität dienen.

Was erhofft ihr euch vom Anarchismus für die Zukunft?

Jong: Ausgesprochen wichtig ist für mich, uns der Lebensweise unserer indigenen Brüder und Schwestern zu besinnen, denn da gibt es viel mehr zu lernen als im Ghetto des Punk.

Bas: Dabei ist vor allem der ökologische Aspekt ein zentraler. Die Naturzerstörung ist soweit fortgeschritten, dass heute das menschliche Überleben auf dem Spiel steht. In den indigenen Gesellschaften waren die Verbindungen zur Natur Teil des Prinzips gegenseitiger Hilfe. Ökologische Zusammenhänge blieben intakt.

Natürlich lässt sich sagen, dass die Gründe dafür die geringe Bevölkerungsdichte oder der Mangel an technologischem Fortschritt waren. Aber Intentionalität darf nicht heruntergespielt werden. Wenn es wichtiger ist, eine Gemeinschaft zu bewahren als Ressourcen auszubeuten, kommt es nicht zu Zerstörung. Diese setzt erst mit dem kapitalistischen Imperativ unbegrenzten Wachstums ein. Die Ökonomie der indigenen Gesellschaften war eine nachhaltige – andere ökonomische Formen hätten keinen Sinn gemacht. Ziel war es, kollektive Bedürfnisse abzudecken, und nicht, individuellen Reichtum anzusammeln. Es wurde von der Natur genommen, was nötig war. Nicht mehr.

All dies – sowie die schwerwiegenden Konsequenzen des Kapitalismus und die Armut, die er produziert – lässt sich gut an konkreten Beispielen illustrieren. Es gibt Gesellschaften auf kleinen Inseln in der Region, die traditionell vom Fischfang lebten. Ihre Holzbestände verwendeten sie, um Boote zu bauen. Einmal im kapitalistischen System gefangen, begannen sie, ihre Holzbestände auf dem Markt zu verkaufen. Als diese nach wenigen Jahren aufgekauft waren, fehlte die Grundlage für jede Ökonomie.

Die Anarchie ist ein sozialer Prozess, an dem alle Menschen aktiv teilnehmen. Meines Erachtens kann uns die Rückbesinnung auf die Werte indigener Gesellschaften dabei helfen, diesen Prozess zu stärken und unsere Zukunft besser zu gestalten. Hier gibt es mehr Lösungsansätze für Probleme ökonomischer Ausbeutung, politischer Marginalisierung und ökologischer Zerstörung als in der Linken.

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Jong Pairez und Bas Umali stammen aus Manila. Sie sind politisch und künstlerisch aktiv und in Projekten wie der Anarchist Initiative for Direct Democracy und dem South East Asia Autonomous Network engagiert.