Interview mit Mikhail Tsovma über Anarchismus in Russland

Das Interview wurde im Jahr 2010 geführt und ist in dem Buch »Von Jakarta bis Johannesburg: Anarchismus weltweit« erschienen. Diese Version kann sich in sprachlichen Details von der im Buch enthaltenen Version unterscheiden und beinhaltet keine erklärenden Fußnoten.

Viele der bekanntesten anarchistischen TheoretikerInnen kamen aus Russland, waren aber vorwiegend im Ausland aktiv. Michael Bakunin, Peter Kropotkin, Emma Goldman und Alexander Berkman sind nur einige der bekanntesten Beispiele. Kannst du uns etwas mehr über die Geschichte des Anarchismus in Russland erzählen?

Was ihr sagt, stimmt. Aus Russland kamen zumindest zwei Theoretiker, die als die Gründungsväter des klassischen Anarchismus des 19. Jahrhunderts angesehen werden: Michael Bakunin und Peter Kropotkin. Beide waren sowohl bedeutende Figuren der europäischen und der internationalen anarchistischen Bewegung als auch der sozialen Bewegungen in Russland. Sie konnten sich dort jedoch nicht lange aufhalten und lebten daher großteils in Westeuropa. Bakunin war über zehn Jahre lang Gefangener in Russland, schaffte es aber, wieder zu entkommen. Kropotkin floh vor einer drohenden Gefängnisstrafe und kehrte erst viele Jahre später – als alter Mann, nach der Revolution 1917 – wieder zurück; er starb 1921. Ihre Erfahrungen mit der russischen Tyrannei trugen wesentlich zum Entstehen ihrer anarchistischen Überzeugungen bei.

Allgemein waren in Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine große Anzahl von SozialistInnen von der antistaatlichen und föderalistischen sozialistischen Idee inspiriert, wie sie von Proudhon, Bakunin und Kropotkin verfochten wurde – im Gegensatz zu der autoritären sozialistischen Doktrin der MarxistInnen und BlanquistInnen. Sowohl Bakunin als auch Kropotkin übten einen starken Einfluss auf Russlands Narodniki aus, die vor den 1880ern zum Großteil sozialistisch-föderalistisch und libertär geprägt waren.

Die Geschichte von Emma Goldman und Alexander Berkman ist eine gänzlich andere. Beide wurden im Russischen Reich geboren, verbrachten ihre Kindheit und Jugend dort und nahmen die russische Kultur – auch die radikale bzw. »nihilistische« – auf. Sie waren dann aber vor allem in Amerika und Europa aktiv. In Russland verbrachten sie später nur zwei Jahre, von 1919 bis 1921, nachdem sie aus den USA ausgewiesen wurden. Es ist sehr schade, dass ihre Namen und Aktivitäten bis heute in Russland eher unbekannt sind. Zwar wurden 1920 einige von Goldmans Artikeln sowie Berkmans Gefängniserinnerungen in Russland als Buch herausgebracht, da aber Goldman und Berkman konsequente AntibolschewistInnen waren, wurden sie in der UdSSR zensiert. Erst jetzt werden einige von Goldmans Texten, ihre brillanten Memoiren und ihre Kritik am Bolschewismus, ins Russische übersetzt, und ihr Leben wird in Russland wieder bekannter.

Eine spezifisch anarchistische Bewegung entstand in Russland im frühen 20. Jahrhundert und erlebte einen Aufschwung durch die erste Russische Revolution von 1905 bis 1907. Vorherrschende Trends waren der Anarchokommunismus (sowohl im Sinne Kropotkins als auch in einer Strömung, die sich der »Propaganda der Tat« bediente), der Anarchosyndikalismus (der Begriff wurde im Russland des frühen 20. Jahrhunderts geprägt, als über die Praxis des europäischen revolutionären Syndikalismus diskutiert wurde), der Individualanarchismus und der »Tolstoiismus«. Es gab auch einen »Anarchomystizismus«, vertreten von Leuten wie Georgy Chulkov und Apollon Karelin, sowie andere Anarchismen, aber die genannten waren die wichtigsten.

Erwähnt werden sollte, dass es auch einen breiter angelegten, nicht strikt politischen Einfluss von anarchistischen Ideen in Russland gab. Einige sehr bekannte russische SchriftstellerInnen, PoetInnen, KünstlerInnen und PhilosophInnen vertraten bis zu einem bestimmten Grad libertäre Ideen. Leo Tolstoi und Alexander Herzen waren nur zwei von ihnen, man könnte auch Alexander Blok, Maximilian Woloschin, Michael Osorgin oder Mark Aldanow unter den SchriftstellerInnen/PoetInnen und Nikolai Ge und Kasimir Malewitsch unter den KünstlerInnen erwähnen. Sogar einige religiöse PhilosophInnen wie Nikolai Berdjajew könnten hier genannt werden. Berdjajew schrieb beispielsweise recht zutreffend, dass »Russland das staatenloseste und anarchistischste Land der Welt [ist] … Alle echten russischen SchriftstellerInnen, DenkerInnen, PublizistInnen – alle sind sie antistaatlich, irgendwie anarchistisch. Der Anarchismus ist ein Phänomen der russischen Seele.« Natürlich darf diese Aussage nicht für bare Münze genommen werden, da zweifelsohne autoritäre und konservative Tendenzen in der russischen Kultur genauso stark sind. Berdjajews Zitat fängt dennoch einen wichtigen Aspekt russischer Realität ein.

Für eine Einführung in die Geschichte des russischen Anarchismus ist Paul Avrichs The Russian Anarchists (1967) immer noch zu empfehlen, obwohl zu der Zeit, als es geschrieben wurde, die sowjetischen Archive für ForscherInnen wie Avrich nicht zugänglich waren und es nur den »ideologisch korrekten« sowjetischen ForscherInnen erlaubt wurde, den »kleinbürgerlichen Anarchismus« zu studieren und zu diffamieren. Avrichs Buch lässt demnach zwangsläufig viel unerwähnt, und es gibt einiges mehr über die russische anarchistische Tradition zu erzählen, vor allem über den russischen Anarchismus nach Kropotkin.

Sind die erwähnten Persönlichkeiten auch heute noch einflussreich?

Definitiv! Bakunin und Kropotkin sind immer noch sehr, manchmal sogar zu einflussreich. Es gibt eine starke Tendenz unter AnarchistInnen (nicht nur in Russland), die Relevanz »unserer« TheoretikerInnen – oder auch »PraktikerInnen« wie Nestor Machno –überzubewerten. Aber das kann auch als Ausgangspunkt für eine anarchistische Selbstkritik und Weiterentwicklung betrachtet werden.

Bücher von Bakunin und Kropotkin wurden erst kürzlich wieder neu aufgelegt und sie kehren in die intellektuelle Geschichte Russlands zurück, auch wenn dies nur langsam und in einem begrenzten Rahmen geschieht. Beide waren lange aus dieser Geschichte verbannt, mit Ausnahme einer kurzen Periode im frühen 20. Jahrhundert und einiger Jahre nach der Revolution. Unter Stalin und danach waren ihre Namen in der UdSSR praktisch tabu. Wenn sie auftauchten, dann wurden sie von der offiziellen sowjetischen Propaganda als »kleinbürgerliche Ideologen«, als »bösartige Gegner des Marxismus« oder als »utopische Träumer« verunglimpft. Bis heute gibt es in fast jeder europäischen Sprache viel mehr Studien – und zwar gute Studien – über Bakunin und Kropotkin als auf Russisch. Das ist wirklich eine Schande. Der einzige konsequente Versuch, eine Werksammlung von Bakunin zu veröffentlichen, wurde in Russland in den 1920ern und frühen 1930ern unternommen – das Projekt ist immer noch unvollendet. Während die alten Bücher – von großen Bibliotheken abgesehen – kaum erhältlich sind, sind die Neuauflagen sehr bruchstückhaft. Gleichzeitig passiert es recht oft, dass Materialien über die Geschichte des russischen Anarchismus von russischen ForscherInnen entdeckt werden, die außerhalb Russlands so gut wie unbekannt sind. Wir müssen hier eine Lösung finden, um dieses Problem der Forschung zu überwinden.

Wie erwähnt, scheint auch Emma Goldman ihre endgültige – und triumphale! – Rückkehr in die russische Kultur zu finden, vor allem in die anarchistische und feministische.

Hinterließ Leo Tolstoi ein starkes politisches Vermächtnis?

Leo Tolstoi wird von manchen als die dritte große Figur des russischen Anarchismus gesehen. Er propagierte eine christliche Version des Anarchismus, die sich sowohl von der klassischen anarchistischen Tradition als auch von der autoritären Doktrin der russisch-orthodoxen Kirche unterschied. Er blieb bis zu seinem Tod in Russland und hatte bereits zu Lebzeiten viele AnhängerInnen – unter der bäuerlichen Bevölkerung genauso wie unter ArbeiterInnen und in intellektuellen Kreisen. Sein Anarchismus basierte auf Gewaltfreiheit, Gleichberechtigung, Zurückweisung des Staates, Opposition zur institutionalisierten Kirche und Vegetarismus. Tolstoi war eine moralische Instanz und auf seinem Begräbnis waren Tausende Menschen. Es gab im Russland des frühen 20. Jahrhunderts und nach der Revolution von Tolstoi inspirierte ländliche Gemeinschaften, urbane Gruppen und vegetarische Vereinigungen. Diese wurden aber unter Stalin in den 1920ern und 30ern völlig zerschlagen. Das sowjetische Regime lobte Tolstois Gegnerschaft zum Zarismus und zur Kirche, vermittelte aber ein sehr reduziertes Bild seiner politischen Ideen und kritisierte ihn dafür, den Marxismus angeblich nicht verstanden zu haben. Es gab auch Leute, die sich über seine puritanische Grundhaltung lustig machten.

Trotzdem war Tolstoi der einzige Anarchist, dessen gesammelte Werke fast in der gesamten UdSSR veröffentlicht wurden. Dies hatte natürlich viel mit der Tatsache zu tun, dass er einer der größten russischen Schriftsteller war, aber auch seine ethischen Ideale lebten auf diese Art weiter. In den 1970ern und 80ern beispielsweise war die russische Hippie-Kultur stark von Tolstoi beeinflusst. Auch heute reißt die Aktualität Tolstois nicht ab. Seine Ideen der Gewaltfreiheit, des Vegetarismus und eines einfachen Lebensstils finden immer noch AnhängerInnen, und seine Kritik an staatlicher Autorität und der institutionalisierten Kirche hat nichts an Relevanz verloren. Gleichzeitig waren einige seiner Ideen durchaus widersprüchlich (Tolstoi war kein großer Kenner der Philosophiegeschichte) und einige seiner Werthaltungen konservativ, wie beispielsweise seine Vorstellungen zu Familie, Sexualität und Religiosität – von den meisten AnarchistInnen können diese Haltungen kaum geteilt werden. Ich denke, dass eine kritische Neubewertung seines Erbes notwendig ist, nicht zuletzt deshalb, weil sich im Jahr 2010 sein Tod zum hundertsten Mal jährt.

Was kannst du uns über die Rolle der AnarchistInnen in den Russischen Revolutionen von 1905 und 1917 erzählen?

Wenn wir den Anarchismus, wie er sich in Russland von 1900 bis 1930 entwickelt hat, betrachten, so sehen wir mehr oder weniger die gleichen Tendenzen wie überall sonst in Europa. Die dominanten Strömungen waren der Anarchokommunismus und der Anarchosyndikalismus. Kurz vor der ersten Russischen Revolution von 1905 bis 1907 bildete sich eine organisierte anarchistische Bewegung. Man sollte aber in Erinnerung behalten, dass diese Bewegung klandestin war. Das heißt, dass sie keine starken Wurzeln hatte, auch wenn sie immer wieder aufflammte.

Sowohl 1905-1907 als auch 1917-1921 waren AnarchistInnen eine kleine radikale Fraktion innerhalb einer breiteren revolutionären Bewegung. Beim Sturz des Zaren und der bürgerlichen provisorischen Regierung 1917 waren sie mit anderen linkssozialistischen Bewegungen verbündet. Allerdings begannen die BolschewistInnen, kurz nachdem sie de facto die gesamte Macht in ihren Händen hatten, alle nicht-bolschewistischen Gruppierungen zu zerschlagen – inklusive AnarchistInnen und LinkssozialistInnen.

Die bolschewistische Machtergreifung warf viele Fragen in der anarchistischen Bewegung auf. Sollten die AnarchistInnen gegen den neuen kommunistischen ArbeiterInnenstaat ankämpfen oder sollten sie mit den BolschewistInnen zusammenarbeiten in der Hoffnung, dass es dadurch möglich würde, die Revolution in eine basisorientierte, selbstorganisierte, nicht-staatliche und direktdemokratische Richtung zu lenken? Diese Fragen waren nicht immer leicht zu beantworten. AnarchistInnen kritisierten die neue Diktatur von Anfang an, es gab aber auch eine beträchtliche Zahl an »sowjetischen AnarchistInnen«, die sich dazu entschlossen hatte, mit den BolschewistInnen »der Revolution zuliebe« zusammenzuarbeiten. Auch die Machno-Bewegung ging taktische Bündnisse mit den BolschewistInnen ein, um gegen die Weißen Konterrevolutionäre und gegen die ukrainischen NationalistInnen zu kämpfen. Einige AnarchistInnen traten sogar in die Kommunistische Partei ein. Allerdings überlebten kaum welche dieser Abtrünnigen die stalinistischen Säuberungsaktionen der späten 1930er Jahre.

Um 1919/1920 begannen mehr und mehr AnarchistInnen damit, von der »Dritten Revolution« zu sprechen. Dieser Gedanke lag auch 1921 bei dem Aufstand der Kronstädter Matrosen in der Luft sowie während anderer anti-bolschewistischer Bauern- und ArbeiterInnenrebellionen. Diese waren zwar nicht direkt von anarchistischen Ideen beeinflusst, aber sie vertraten radikaldemokratische Prinzipien und stellten eine interessante Entwicklung in der Russischen Revolution dar, die, wenn sie nicht unterdrückt worden wäre, zu einer positiveren gesellschaftlichen Entwicklung hätten führen können. Letzten Endes gab es sogar so etwas wie eine »Dritte Revolution« – nur scheiterte sie.

Die Geschichte der russischen anarchistischen Bewegung nach der Revolution beinhaltet sowohl Beispiele von prinzipienlosen und kurzsichtigen Kollaborationen mit der bolschewistischen Partei als auch andere, inspirierende Beispiele von konsequenter libertärer Kritik und praktischem Heroismus – dies reicht von der Machno-Bewegung bis hin zu einzelnen anarchistischen AktivistInnen, PoetInnen und PhilosophInnen.

In den 1920er Jahren wurden AnarchistInnen entweder umgebracht, eingesperrt, in den Untergrund getrieben oder gezwungen, Russland zu verlassen. Für mehrere Jahre bestand noch die Möglichkeit, Informationen mit jenen auszutauschen, die in der UdSSR verblieben waren, und so konnte über die Situation von AnarchistInnen und über die Repression berichtet werden. Es wurden Bücher veröffentlicht, die in der UdSSR erst rund sechzig Jahre später bekannt wurden. Ich spreche hier von Volins Die unbekannte Revolution sowie von Peter Arschinoff und Nestor Machnos Texten über die Machno-Bewegung. Bücher wie Gregori Maximoffs The Guillotine at Work: Twenty Years of Terror in Russia und andere Schriften anarchistischer EmigrantInnen sind in Russland nach wie vor völlig unbekannt; das Gleiche gilt für einige in den 1920er Jahren verfasste Kritiken am Bolschewismus aus anarchistischer Perspektive. Wir fangen gerade erst an, diese Materialien neu zu entdecken.

Die organisierte anarchistische Bewegung in der UdSSR wurde vom bolschewistischen Staat also Mitte der 1920er Jahre zerstört. Sämtliche öffentlichen Aktivitäten von AnarchistInnen wurden verboten, viele AnarchistInnen wurden eingesperrt. Ab 1926 war es nicht mehr erlaubt, unabhängige Zeitschriften oder Bücher zum Anarchismus zu publizieren. Zum Anarchismus veröffentlichten nur noch staatliche sowjetische Verlage. Das Kropotkin-Museum in Moskau hatte noch ein paar Jahre geöffnet, doch es wurde von der Geheimpolizei überwacht und schließlich geschlossen. Einige klandestine anarchistische Gruppen hielten sich bis in die frühen 1930er Jahre, doch die Säuberungen Stalins machten auch dem ein Ende.

Zwischen 1950 und 1980, in der »Tauwetter-Periode« unter Chruschtschow und später unter Breschnew, gab es ein paar Gruppen, die Bakunins Kritik am Staatssozialismus und anarchistische Literatur aus der Revolutionszeit studierten, allerdings konnten sich diese immer noch nicht offen als anarchistische Gruppen zeigen; wurden sie ausfindig gemacht, wurden sie sofort vom KGB zerschlagen.

In den frühen 1970er Jahren kamen Jugendgruppen auf, die vom europäischen und amerikanischen Linksradikalismus der späten 1960er inspiriert waren. Einige anarchistische Ideen fanden ihren Weg auch in die Hippie- und später in die Punk-Subkultur. Generell waren diese Bewegungen aber eher apolitisch.

Der Aufstand der Kronstädter Matrosen wird als einer der Schlüsselmomente der bolschewistischen Unterdrückung von anarchistischen Aktivitäten betrachtet. Welche Auswirkungen hatte diese Rebellion auf das Verhältnis zwischen BolschewistInnen und AnarchistInnen?

Ja, zweifelsohne ist der Aufstand in Kronstadt einer der Schlüsselmomente der Russischen Revolution, da es einer der stärksten, aber auch der letzte Versuch war, gegen die Diktatur der autoritären KommunistInnen anzukämpfen. Genauso wie alle anderen anti-bolschewistischen Basisbewegungen wurde auch diese brutal zerschlagen. In direktem Anschluss daran verkündeten die BolschewistInnen eine Kursänderung: der »Kriegskommunismus«, der auf den verordneten Brotlieferungen der Bäuerinnen und Bauern aufbaute, wurde durch die »Neue Ökonomische Politik« ersetzt, die ein wenig Liberalisierung mit sich brachte, allerdings nur ökonomisch und nicht politisch.

Die Repression gegen AnarchistInnen und LinkssozialistInnen wurde während und nach dem Aufstand in Kronstadt intensiviert. Es ist aber wichtig zu erwähnen, dass die Repression nicht mit Kronstadt begann. Ironischerweise ist einer der ersten Dokumentarfilme der Sowjet-Zeit ein Bericht über die Überfälle auf anarchistische Vereinigungen im April 1918. Unmittelbar nach der Oktoberrevolution wurden AnarchistInnen systematisch unterdrückt, verhaftet und sogar erschossen. Das intensivierte sich zwischen 1919 und 1921, und nach dem Aufstand in Kronstadt wurde nur noch sehr wenig öffentliche anarchistische Aktivität erlaubt, bis sie Mitte der 1920er Jahre völlig unterbunden wurde.

Man muss bedenken, dass die Bedingungen für die anarchistische Bewegung in der ehemaligen Sowjetunion sich stark von denen anderer europäischer Länder unterschieden – sie lassen sich eher mit jenen in China unter Mao vergleichen. Anarchistische Stimmen wurden fünfzig bis sechzig Jahre lang gewalttätig unterdrückt. Eine ähnliche Situation bestand nur in anderen osteuropäischen Ländern, wo es für dreißig oder vierzig Jahre keine anarchistischen Bewegungen gab. Allerdings konnten in Ländern wie Bulgarien AnarchistInnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg ausgewandert waren, ein Wiedererstarken der anarchistischen Bewegung in den späten 1980ern noch selbst miterleben. In Russland überlebten so gut wie keine AnarchistInnen so lange. Ich kann mich vielleicht an vier sehr alte AnarchistInnen erinnern, die Anfang der 1990er Jahre noch in der Sowjetunion am Leben waren. Es gab also praktisch keine lebendige Tradition des Anarchismus mehr in Russland, als wir vor etwa zwanzig Jahren begannen, eine solche wieder zu entfachen.

Die Machno-Bewegung bzw. die Machnovščina wird oft als eine anarchistische Bewegung betrachtet, die zumindest temporär erfolgreich war und weite Teile der Bevölkerung beeinflussen konnte. Was ist deine Einschätzung? Hinterließ die Machno-Bewegung Spuren in der Ukraine und in anderen Sowjetrepubliken?

Die Machno-Bewegung, die zwischen 1917 und 1921 im Südosten der Ukraine aktiv war, war in der Tat ein bedeutendes Experiment der Russischen Revolution, das von anarchistischen Ideen beeinflusst und inspiriert war. Die Machno-Bewegung organisierte sich auf der Basis frei gewählter Räte, die keine parteipolitischen oder parlamentarischen Instanzen waren, sondern unmittelbarer Ausdruck direkter Demokratie und Selbstverwaltung (in dem Ausmaß, in dem dies möglich war). Die einzelnen Räte koordinierten ihre Aktivitäten auf regionaler Ebene durch Räteversammlungen. Das System war von unten nach oben organisiert, was ein Gräuel für die BolschewistInnen und jede zentralistische Regierungsform war.

Im Chaos des Bürgerkriegs war die Machno-Bewegung sehr effektiv. Obwohl sie gezwungen war, einige taktische Bündnisse mit den BolschewistInnen einzugehen (von denen sie permanent verraten, manipuliert und schließlich zerschlagen wurde), so war sie eine starke gesellschaftliche Kraft in einem ziemlich großen Gebiet. Erst als die BolschewistInnen 1921/22 ihre Macht festigen konnten, gelang es ihnen, der Bewegung ein Ende zu bereiten.

Die Frage ist natürlich, ob die Machno-Bewegung wirklich eine anarchistische Bewegung war. In gewisser Hinsicht war sie es definitiv, da sie Prinzipien direkter Demokratie praktizierte. Im Gegensatz zum bolschewistischen Regime gab es in den Regionen der Machnovščina Redefreiheit für alle linken Parteien und Gruppierungen – auch für die BolschewistInnen. Die politischen Gruppen, die in der Machno-Bewegung am einflussreichsten waren, waren anarchistisch oder zumindest linkssozialistisch inspiriert. Der Entfaltung einer anarchistischen Gesellschaft waren aber Grenzen gesetzt, sowohl aufgrund der relativ kurzen Zeitdauer als auch aufgrund der harten Bedingungen eines brutalen Bürgerkriegs, in dem das Gebiet immer wieder von unterschiedlichen Kräften (deutschen Truppen, ukrainischen NationalistInnen, Weißen KonterrevolutionärInnen, BolschewistInnen) besetzt wurde. Die Bewegung musste sich also der Situation anpassen und funktionierte oft nur als Kriegszeit-Demokratie oder als reine aufständische Bewegung. Die Situation war jener in Spanien in den späten 1930er Jahren nicht unähnlich – auch dort kam es zu libertären Experimenten in Kriegszeiten, auch wenn sie in diesem Fall größer und bedeutender waren.

Trotzdem: wenn wir die Machno-Bewegung mit den bolschewistischen, nationalistischen oder pro-monarchistischen Diktaturen vergleichen, von denen sie umgeben war, so herrschte in dem Gebiet, das sie verteidigte, eine freie Demokratie von ArbeiterInnen und Bäuerinnen/Bauern, in dem es beispielsweise keinen Platz für antisemitische Pogrome gab, wie sie für die von der Weißen Armee, den ukrainischen NationalistInnen und den BolschewistInnen kontrollierten Gebiete üblich waren.

Als die Machno-Bewegung zerschlagen wurde, waren die Menschen froh, dass der Bürgerkrieg vorbei war. Die BolschewistInnen stellten auch die Zwangslieferungen von Brot ein und es kehrten gewisse Freiheiten in die Ukraine zurück. Dadurch hatten es die Machnovščina schwer, nach ihrer militärischen Niederlage wieder Fuß zu fassen. Trotzdem hatte die Sowjetregierung lange Angst, dass die Bewegung wieder aufflammen könnte. Dies war besonders aktuell in den 1930er Jahren, als Stalin in der Ukraine Zwangskollektivierungen durchführen ließ. Die Herrschenden wussten, dass Machno im Bewusstsein der Landbevölkerung und ArbeiterInnenschaft als eine Art bäuerlich-anarchistischer Robin Hood (oder eher Wat Tyler) verankert war und ein Symbol für die Opposition gegen die repressive Regierung darstellte. Dieses Bild blieb aufrecht trotz – und zum Teil wohl auch aufgrund – der sowjetischen Propaganda, die Machno ständig als betrunkenen Banditen darstellte, der Akkordeon spielte und auf alles und jeden schoss. Ganz allgemein wurden in der sowjetischen Propaganda AnarchistInnen immer als betrunkene Banditen, die sich mit den »Konterrevolutionären« zusammenschlossen, dargestellt oder als unnütze utopische TräumerInnen. Mit diesem negativen Bild müssen wir uns bis zum heutigen Tag herumschlagen.

In jüngerer Zeit feiert Machno ein Comeback. In den 1990ern erschienen in Russland Bücher, die ihm wohlwollend gestimmt waren. Insbesondere seit der Veröffentlichung der Memoiren von ihm und Peter Arschinoff ist er – zumindest teilweise – wieder »rehabilitiert«. In den letzten Jahren wurden in Russland einige Dokumentarfilme und sogar eine ganze Fernsehserie gedreht, die sowohl ihn als auch die gesamte Bewegung porträtierten. Die Filme sind nicht immer die besten, aber sie zeigen einen Menschen, der eine Massenbewegung inspirierte und Prinzipien der Freiheit und Gleichheit verteidigte. Allerdings halten sich auch die von der sowjetischen Propaganda geschaffenen Mythen immer noch hartnäckig.

In der anarchistischen Literatur gab es im Gegensatz zum sowjetischen Bild immer eine starke Tendenz, Nestor Machno und die Machnovščina zu idealisieren und unkritisch mit ihnen umzugehen. Das überrascht nicht, wenn wir bedenken, dass die meisten Bücher von AnarchistInnen über die Macho-Bewegung in den 1920ern verfasst wurden, als der Streit mit den BolschewistInnen immer noch tobte und es offensichtlich die Notwendigkeit gab, deren Lügen entgegenzutreten. Heute haben wir jedoch mehr Zeit, um uns kritischer und ausgewogener mit der Machno-Bewegung auseinanderzusetzen. Ich will deshalb auf die Bücher des russischen Historikers (und Ex-Anarchisten, der auch einer der Gründungsmitglieder der anarchistischen Gruppe Obschina [Gemeinschaft] in Moskau war) Alexander Shubin hinweisen. Seine Bücher sind es definitiv wert, gelesen bzw. übersetzt zu werden, da sie das Ziel haben, eine einerseits solidarische, andererseits aber auch kritische Untersuchung der Machno-Bewegung anzuregen.

Es klingt deinen Ausführungen zufolge so, als hätte es seit dem Ende der Sowjetunion ein Wiederaufleben des Anarchismus in Russland gegeben.

Die anarchistische Bewegung in der UdSSR kam – genauso wie andere politische Oppositionsgruppen – um 1987/88 wieder zum Vorschein. Ein wichtiger Grund war, dass Werke wie Kropotkins Memoiren eines Revolutionärs wieder vertrieben werden durften. Besonders wichtig waren auch die wunderbaren Bücher von Natalia Pirumova, einer sowjetischen Historikerin und gewissermaßen einer »weichen Dissidentin«, die versuchte, über die großen Persönlichkeiten des russischen Anarchismus und Sozialismus – Herzen, Bakunin, Kropotkin – in einer Art zu schreiben, die ihren Überzeugungen einerseits gerecht wurde und andererseits der sowjetischen Zensur entkam. Pirumova wurde während der Perestroika von uns inoffiziell als »Großmutter des russischen Anarchismus« bezeichnet.

Mitte der 1980er Jahre bildeten sich auch einige Gruppen, die von einem »von Stalin unverdorbenen Marxismus-Leninismus« oder auch von einem »nicht-leninistischen Marxismus« sprachen. Viele Gruppen formulierten ihre Kritik am Sowjetsozialismus in solchen Begriffen. Man muss in Erinnerung behalten, dass in einem Orwellschen Staat, wie es die Sowjetunion war, der Einfluss der offiziellen Ideologie lange Schatten schlägt. Es dauerte jedoch nicht lange, bis manche dieser Gruppen auch explizit anarchistische Positionen vertraten.

Die vielleicht einflussreichste dieser Gruppen war Obschina [Gemeinschaft]. Sie war in Moskau ansässig und vereinte vornehmlich HistorikerInnen. Ähnlich wie in anderen Städten Russlands profitierten die Mitglieder dieser Gruppe von dem Zugang zu den historischen Archiven, welche der Öffentlichkeit vorenthalten waren. Der ideologische Wandel der Gruppe war hauptsächlich auf ihre Lektüre von Bakunins Kritik des Staatssozialismus zurückzuführen. Dies war auch bei anderen Gruppen der Fall. Obschina war Teil der wachsenden »informellen« Bewegung, neformaly auf Russisch: ein Sammelbegriff für alle Aktivitäten, die nicht von der Partei kontrolliert wurden. Das reichte von Gruppen, die historische Denkmäler vor der Zerstörung bewahren wollten, über Naturschutzgruppen bis hin zu neuen politischen Organisationen. Obschina war auch Teil eines Netzwerks sozialistischer Vereinigungen, die im ganzen Land gegründet wurden und von denen manche marxistisch waren und manche nicht. Die Gruppen, die für das Prinzip der Selbstverwaltung eintraten, gründeten 1988 zuerst die »Union unabhängiger SozialistInnen«, aus der dann 1989 die »Konföderation der AnarchosyndikalistInnen« (KAS) wurde. Obschina hatte einen großen Einfluss auf die Programmerklärung dieser neuen Organisation und publizierte regelmäßig die Zeitschrift Samizdat (»Eigenveröffentlichung« auf Russisch). Samizdat bestand anfangs aus ein paar Dutzend auf der Schreibmaschine getippten Ausgaben, wurde aber ab 1989 immer populärer und hatte schließlich eine Auflage von bis zu 30.000 Exemplaren. Andere regionale Gruppen der KAS hatten auch ihre eigenen Publikationen und bald betrug die Auflage aller anarchistischen Zeitungen in Russland über 50.000. Das alles war zu Zeiten der Perestroika, als eine beträchtliche Anzahl der russischen Bevölkerung politisch aktiv war, nach neuen Ideen Ausschau hielt, Großdemonstrationen beiwohnte und gegen die lokalen BürokratInnen kämpfte. Diese Periode hielt bis 1991 an und war entscheidend für die moderne Geschichte des Landes.

Nach einem erfolglosen coup d'etat von den Hardlinern der kommunistischen Bürokratie im August 1991 hörte die sowjetische Regierung auf zu existieren und neue Staaten begannen aus den Überresten der Sowjetunion zu entstehen (obwohl bei einem Referendum, das in diesem Jahr abgehalten wurde, sich die meisten für die Beibehaltung eines vereinten Landes aussprachen). Kurz nach schwerwiegenden liberalen Reformen – Privatisierung und Liberalisierung der Preise, die von einer Hyperinflation gekennzeichnet waren – kam es zu einer Entpolitisierung in der Bevölkerung. Das Leben wurde zu einem Überlebenskampf im »wilden Kapitalismus«. Dies bedeutete das Ende der demokratischen Massenbewegungen.

Was die anarchistische Bewegung betrifft, so diente die KAS einige Jahre lang als eine Dachorganisation für unterschiedliche Gruppierungen. Nicht alle dieser Gruppierungen waren anarchosyndikalistisch. Ab 1990/91 wurden dann mehrere Netzwerke und Föderationen gegründet. Allerdings waren die 90er Jahre auch eine Zeit der Krise für die Bewegung. Die angesprochene Entpolitisierung machte auch vor anarchistischen Kreisen nicht Halt und viele – die vielleicht nie wirklich sonderlich überzeugt von anarchistischen Idealen waren – verschwanden. Am Ende der 1990er Jahre verblieb ein relativ kleines Netzwerk anarchistischer Gruppen, die sich hauptsächlich mit Naturschutz und Antimilitarismus beschäftigten. Ein Lichtblick war hier die Ökoprotestgruppe »Regenbogen-BeschützerInnen«, die jedes Jahr ein Ökoprotestcamp organisierte, um lokale Kämpfe zu koordinieren und neue anzuregen.

Seit dem Jahr 2000 ist die Bewegung wieder gewachsen, primär aufgrund vieler junger Leute, die aus der immer stärker werdenden DIY-Punk/Hardcore-Szene kamen, aber auch aufgrund zahlreicher neuer Probleme, die mit der Machtübernahme Putins und der immer autoritärer werdenden Regierung entstanden sind: das autoritäre Polizeisystem, der Krieg in Tschetschenien, der Rückgang der formalen Demokratie und der BürgerInnenrechte, die Verfolgung linker Oppositioneller, die Zensur im Medienbereich, die Entwicklung einer kapitalistischen Konsumkultur, die anwachsende Fremdenfeindlichkeit und Nazi-Bewegung. Letztere darf wirklich nicht unterschätzt werden. Die Nazi-Bewegung in Russland wird teilweise von der Regierung genährt, da diese glaubt, mit einer Art »kontrolliertem Nationalismus« operieren zu können. Gewalttaten von Nazis – hauptsächlich gegen MigrantInnen, People of Color, aber auch gegen AntifaschistInnen, AnarchistInnen und progressive soziale AktivistInnen – nehmen immer mehr zu. Seit kurzem kann auch die Entwicklung eines Nazi-Untergrunds beobachtet werden, der zunehmend einer terroristischen Einheit ähnelt.

Wie würdest du die momentane anarchistische Bewegung in Russland beschreiben? Was sind die Hauptströmungen?

Die Strömungen sind im Grunde genommen die gleichen wie in anderen Ländern: Anarchokommunismus, Anarchosyndikalismus, Individualanarchismus, Feminismus, Primitivismus, Ökoanarchismus und Antifaschismus. Aber anders als die Bewegungen in Italien, Frankreich oder Spanien – wo man mehrere Generationen in einer anarchistischen Strömung finden kann –, ist die anarchistische Szene in Russland vorwiegend von jungen Leuten dominiert. Es sind nur wenige Leute älter als 30 oder 35 – und noch weniger sind über 40. Von den Leuten, die die Bewegung in den 1980ern in Gang gebracht haben, sind nur noch einige wenige aktiv. Die hohe Fluktuation ist ein Problem. Es gibt nur wenige, die lange genug in der Bewegung sind, um diese mit Erfahrungen, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, zu bereichern. So sind beispielsweise einige der sehr positiven Experimente der anarchistischen Bewegung in den 1980ern und 90ern vielen gegenwärtigen AktivistInnen völlig unbekannt. Diese AktivistInnen waren damals kleine Kinder oder noch gar nicht geboren, und es wurde bislang wenig getan, um sie über diese Experimente zu informieren. In der anarchistischen Bewegung in Russland wird daher das Rad immer wieder neu erfunden.

Wenn wir von Organisationen sprechen, so ist »Autonome Aktion« die größte. Sie hat eine libertär-kommunistische Ausrichtung und besteht primär aus jungen Leute, die in lokalen sozialen, antifaschistischen und ökologischen Kämpfen involviert sind. Die »Autonome Aktion« publiziert auch die Zeitschrift Autonom, die eine Auflage von mehreren tausend Exemplaren hat und somit die größte Zeitschrift dieser Art in Russland ist, obwohl sie in manchen Kreisen auch stark kritisiert wird.

Es gibt gegenwärtig mindestens zwei anarchosyndikalistische Organisationen in Russland, die zwar klein sind, aber auch Zeitschriften publizieren. In Sibirien sind die AnarchistInnen das Herzstück der »Sibirischen Arbeitskonföderation«, einer revolutionär-syndikalistischen Organisation, die in den 1990ern entstand und eine aktive gewerkschaftliche Minderheit in einige Städten Sibiriens ist. Die »Assoziation anarchistischer Bewegungen« reicht ebenfalls in die 1990er zurück, ist momentan aber nur nominell existent. Die »Regenbogen-BeschützerInnen«, die oben erwähnte radikalökologisch orientierte Gruppe, löste sich auf, aber AnarchistInnen sind immer noch in unterschiedlichen ökologischen Kämpfen und Anti-Atom-Kampagnen aktiv. Eine große Zahl der AnarchistInnen, die in der DIY-Punk/Hardcore-Szene verankert sind, engagieren sich in antifaschistischen Kämpfen und in der Tierbefreiungsbewegung. Es gibt auch viele AnarchistInnen in Russland, die keiner landesweiten Organisation angehören, sondern in lokalen Kollektiven und Szenen aktiv sind, wo auch einige Zeitschriften selbst publiziert werden, allerdings nicht immer von bester Qualität – aber vielleicht bin ich auch nur ein mürrischer alter Anarchist über 35…

Alles in allem reden wir von ein paar tausend AktivistInnen im ganzen Land, was nicht viel ist. AnarchistInnen sind aber dennoch eine laute, aktive und unabhängige Stimme in den sozialen Kämpfen Russlands. Es gibt einige sehr aktive anarchistische Szenen, und zwar nicht nur in Moskau und St. Petersburg, sondern in vielen Städten, auch kleineren. Es wurde auch im Bereich der Buchveröffentlichungen Fortschritte gemacht. Einige anarchistische HistorikerInnen, PhilosophInnen und SoziologInnen haben gute Arbeiten verfasst. Aber es ist immer noch ein weiter Weg bis zu einer tatsächlich lebendigen anarchistischen Buchkultur, zumal im Zeitalter moderner Technologien – und des wachsenden Autoritarismus in Russland – das meiste im Internet veröffentlicht wird. In jedem Fall jedoch ist die Situation um vieles besser als in den 1990er Jahren.

Wie sieht es mit Kontakten zu AnarchistInnen in anderen ehemaligen Sowjetrepubliken aus?

Es gibt recht starke Verbindungen zwischen Russland, der Ukraine und Weißrussland, wo anarchistische Gruppen recht zahlreich und groß sind. Seit kurzer Zeit gibt es auch regeren Austausch mit AnarchistInnen in Litauen, Lettland und Estland – eine regionale Zeitschrift für AnarchistInnen aus dem Baltikum namens Bez Granits [Ohne Grenzen] wurde letztes Jahr gegründet. Es scheint auch anarchistische AktivistInnen und kleinere Gruppen in Kasachstan, Armenien, Georgien und Aserbeidschan zu geben.

Du hast den repressiven Charakter des gegenwärtigen russischen Regimes und die Verfolgung linker Oppositioneller erwähnt. Wie schlägt sich das auf die anarchistische Bewegung nieder? Welche Möglichkeiten des Widerstands gibt es?

Wir müssen in den letzten Jahren die Entwicklung beobachten, dass beinahe jeglicher Protest kriminalisiert und soziale AktivistInnen attackiert oder gar ermordet werden. Aufgrund des Aufstiegs der Nazi-Szene in Russland und der Tatsache, dass die AnarchistInnen den Kern der antifaschistischen Bewegung bilden, gibt es auch in unseren Reihen immer häufiger Todesfälle zu beklagen. Die Leute werden auf dem Weg zu Konzerten, nach Food-Not-Bombs-Aktionen oder auf Ökoprotestcamps attackiert und getötet. Das fing um 2004/2005 an und scheint kein Ende zu nehmen. Im Januar 2009 wurden der Rechtsanwalt Stanislaw Markelow sowie Anastasia Baburova, die als Journalistin für die Zeitung Novaya Gazeta aktiv war, im Zentrum Moskaus durch Kopfschüsse ermordet. Darüber wurde in den Medien viel berichtet, was eine internationale Protestkampagne nach sich zog. Stanislaw war ein Genosse, der Opfer von Kriegsverbrechen aus Tschetschenien ebenso vor Gericht verteidigte wie AntifaschistInnen und soziale AktivistInnen, die von der Polizei, den Behörden und der Mafia misshandelt worden waren. Anastasia war nicht nur eine junge Journalistin bei einer der wichtigsten Oppositionszeitungen, sie war auch eine Aktivistin in der anarchistischen Szene. In den letzten drei Jahren wurden auch drei prominente Mitglieder der Moskauer antinationalistischen Skinhead-Szene getötet: Fyodor Filatov, Ilya Dzhaparidze und Ivan Khutorskoy. Sie waren alle AnarchistInnen oder enge Verbündete, die sich darum bemühten, die Skinhead-Szene von ihrem momentanen Hang zu nazistischem Gedankengut zurück zu ihren antirassistischen und antifaschistischen Ursprüngen zu führen.

Diese Attacken geschehen im Rahmen vieler anderer: es gibt jedes Jahr einige hundert rassistisch motivierte Überfälle, die Dutzende Todesfälle nach sich ziehen. Die antifaschistische Bewegung nimmt bisher davon Abstand, Rechtsextreme in gezielten Vergeltungsanschlägen zu ermorden. Dies zeugt von starken moralischen Prinzipien, aber, ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wie lange sich diese noch derart konsequent verfolgen lassen.

Die Verbindung zwischen Anarchismus und Antifaschismus scheint sehr stark zu sein?

AnarchistInnen bilden das Herzstück der antifaschistischen Bewegung. Genauso wie in anderen europäischen Ländern stellt sich dabei natürlich die Frage, ob es wichtiger ist, gegen den Kapitalismus oder gegen den Faschismus zu kämpfen. Es gibt jene, die recht überzeugend – zumeist jedoch vor ihrem Computer – argumentieren, dass wir zuallererst den Kapitalismus bekämpfen sollten, da er der Ausgangspunkt aller Probleme ist. Und das stimmt so natürlich auch. Jeder antifaschistische Kampf muss gegen den Kapitalismus und gegen den Staat Stellung beziehen. Aber es ist schwierig, sich darauf zu konzentrieren, wenn eine faschistische Machtübernahme vor der Türe steht – das galt in den 1920er und 1930er Jahren in Italien, Deutschland und Spanien, und es gilt heute in Russland. Der Chef der bolschewistischen Geheimpolizei Felix Dserschinski meinte einmal, wir müssten uns bemühen, unsere Herzen brennend, unsere Köpfe kühl und unsere Hände sauber zu halten. Das stimmt. Aber faschistische Bedrohungen lassen dir manchmal keine Wahl – und sie erlauben es auch nicht, Prioritäten zu diskutieren.

Arbeiten AnarchistInnen und andere Leuten aus der radikalen Linken häufig zusammen?

Natürlich. Aber es gibt in Russland keine starke Linke, ganz zu schweigen von einer starken radikalen Linken. Die kommunistischen Parteien können offensichtlich nicht als links angesehen werden, da sie im Wesentlichen stalinistisch, nationalistisch, autoritär und xenophob sind (die Kommunistische Partei der Russischen Föderation votierte in der Regel für alle Regierungsanträge, die Putin dienlich waren). Es gibt einige linke anti-stalinistische Gruppierungen und trotzkistische Gruppen, aber diese sind sogar noch kleiner als die anarchistischen.

Wenn es um soziale Kämpfe geht – Streiks, Widerstand gegen Immobilienspekulanten (die durch Korruption Erlaubnisse für Bauten erhalten, die gegen alle Baubestimmungen verstoßen), Menschenrechtsfragen usw. – kommen verschiedene politische Lager zusammen. AnarchistInnen arbeiten dabei mit allen möglichen Gruppen zusammen, mit Ausnahme nationalistischer Gruppierungen, also der Nationalbolschewistischen Partei, Nazis usw. Es kann aber zur Zusammenarbeit mit Liberalen oder sogar StalinistInnen kommen – wobei es auch in Russland die endlose »Wie-können-wir-nach-Kronstadt-noch-mit-MarxistInnen-zusammenarbeiten«-Debatte gibt. AnarchistInnen übernehmen häufig den aktivsten Part in den sozialen Bewegungen. Sie organisieren aber auch ihre unabhängigen Aktionen und illegalen Demos, zu denen manchmal einige hundert Leute kommen, was für russische Standards nicht schlecht ist.

Leider bleibt die Zahl der politisch und sozial aktiven Leute in Russland sehr klein. Das erwähnte Engagement während der Perestroika war eine Ausnahme. Die Menschen in Russland glauben kaum daran, dass sich irgendetwas im öffentlichen Bereich mit gemeinsamen Kämpfen erreichen lässt. Das ist das Erbe des autoritären und repressiven russischen Staates der letzten Jahrzehnte – oder gar der letzten Jahrhunderte. Es heißt auch, dass soziale Bewegungen sehr schwach beziehungsweise nicht existent sind. Es gibt keine Organisationen, die große Kampagnen tragen könnten. Allerdings ändert sich das langsam, da die Politik der Regierung, die Unverschämtheit der BürokratInnen, die Praktiken der KapitalistInnen, die Umweltzerstörung, die Polizeibrutalität und die Gewalt der Nazis einfach unerträglich geworden sind.

Die anarchistische Praxis der illegalen Demonstrationen, die in den letzten Jahren aufgekommen ist, ist viel besser als das, was der Rest der Opposition macht. Russische Behörden machen Straßenprotest ungemein schwierig. Jede Kundgebung muss mindestens zehn Tage im Voraus angemeldet werden. In vielen Fällen gibt es auch dann keine Erlaubnis. Und wenn eine Erlaubnis erteilt wird, kann das Ganze immer noch willkürlich von der Polizei untersagt werden. AnarchistInnen fragen deshalb gar nicht erst und können somit besser planen und ihre Aktionen ungeachtet der Behörden und der Polizei durchführen.

Natürlich haben die Demonstrationen einen dementsprechenden Charakter: du musst dich immer extrem schnell fortbewegen, da du davon ausgehen musst, dass relativ bald ein übermächtiger Polizeitrupp anrücken wird. Aber zumindest kann man seinem Protest in einer sichtbaren und relativ effektiven Form Ausdruck verleihen. In Moskau und St. Petersburg gelang es bei solchen Aktionen sogar, den Verkehr auf zentralen Straßen zu blockieren.

Es gibt auch zunehmend Widerstand gegen die Polizei. Die Strategien der AnarchistInnen auf der Straße entwickeln sich. Auch wenn das Ganze nicht ohne Probleme vonstatten geht, bauen die AnarchistInnen langsam ihre eigene Protestkultur auf.

Du hast viel von Nationalismus gesprochen. Gibt es anarchistische Positionen zum Konflikt in Tschetschenien?

Seit die anarchistische Bewegung in den 1980er Jahren in Russland neu entstand, war der Internationalismus ein Kernstück. AnarchistInnen unterstützten die Unabhängigkeit ehemaliger Sowjetrepubliken in dem Sinne, dass niemand dazu gezwungen werden sollte, weiterhin Teil der Sowjetunion zu bleiben. Gleichzeitig betonten wir immer die Wichtigkeit des Internationalismus, kritisierten die Idee von Nationalstaaten und Nationalismus. Als in den 1990ern die nationalistischen Bewegungen in den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion immer größer wurden und sich eigene Nationalstaaten herausbildeten, wurden auch die Spannungen zwischen AnarchistInnen und NationalistInnen in den unterschiedlichen Ländern der ehemaligen UdSSR immer größer. Hier gibt es natürlich ein paar Ausnahmen, wie Weißrussland zum Beispiel, wo das autoritäre Regime die nationale Sprache und Kultur unterdrückt, und die Leute, die sich für nationale Befreiung engagieren, einen wichtigen Teil der Opposition ausmachen. In diesem Land ist es sogar ein politisches Statement, wenn man Weißrussisch spricht. Manche AnarchistInnen aus Weißrussland sind recht sensibel, was dieses Thema angeht, kritisieren aber gleichzeitig die nationalistische Opposition stark.

Was den Krieg in Tschetschenien und die »nationale Befreiungsbewegung« dort betrifft, so haben AnarchistInnen stets die Meinung vertreten, dass es die Entscheidung der Menschen in Tschetschenien ist, ob sie in Russland verbleiben wollen oder nicht. Der Nationalismus und die Idee, dass der Nationalstaat die scheinbare Lösung des Problems sei, wurden aber auch hier immer kritisiert. Es gab eine kleine Fraktion in der anarchistischen Bewegung, die die tschetschenischen SeparatistInnen unterstützte, aber das war nie die Position der Mehrheit. Was den Krieg anbelangt, so waren AnarchistInnen von Anfang an, also seit 1994, entschieden dagegen – sie waren immer an vorderster Front in der Antikriegsbewegung (die leider nie besonders stark war). Die Kriegsverbrechen der russischen Armee in Tschetschenien wurden angeklagt, ebenso die Verletzung von grundlegenden Freiheiten und Menschenrechten. Es wurde harte Kritik an der russischen Zentralregierung geübt, aber auch an dem Regime, das in Tschetschenien installiert wurde. Einige AnarchistInnen nahmen gemeinsam mit MenschenrechtsaktivistInnen an diversen humanitären Hilfsprojekten für die Menschen in Tschetschenien teil.

Als tschetschenische SeparatistInnen mehr und mehr auf terroristische Taktiken zurückgriffen – was offensichtlich von der russischen Regierung dazu benutzt wurde, das autoritäre Regime weiter zu festigen –, war in anarchistischen Kreisen oft zu hören, dass Putin und Maschadow/Bassajew »die gleiche Bande« seien. Ich würde allgemein sagen, dass nicht genug tiefgehende Überlegungen zu diesem Problem angestellt wurden. Oft beschränkten sich anarchistische Positionen auf ein sehr simplifizierendes Flugblatt. Die internationalistische bzw. anti-nationalistische Position der AnarchistInnen war jedoch immer klar und deutlich. Eine jüngst von einigen AntifaschistInnen organisierte Demonstration unter dem Motto »RussInnen gegen Faschismus« wurde stark kritisiert. Ich würde nicht behaupten, dass wir keine Probleme mit gewissen xenophoben Haltungen in der Bewegung haben, die auch nicht immer gründlich aufgearbeitet werden. Aber generell bleibt der Spruch »Unser Heimatland ist die ganze Welt« einer der Hauptslogans auf anarchistischen Demonstrationen. Es gibt einen »Anarchonationalismus«, aber das ist ein bizarres und sehr marginales Phänomen.

Welche Zukunftschancen hat deiner Ansicht nach der Anarchismus, sowohl in Russland als auch generell?

Nun gut, um ehrlich zu sein, ich weiß nicht wirklich, welche Chancen der Anarchismus in Russland hat – ich denke, niemand kann das wirklich wissen. Gegenwärtig haben wir es mit einem autoritären Regime, mit der Atomisierung der Gesellschaft, mit dem Zerfall des sozialen Gefüges und mit dem fehlenden Willen und der fehlenden Erfahrung der Menschen, sich gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen, zu tun. Diktaturen fallen nicht einfach so vom Himmel, sie werden von den Menschen, die in einer autoritären Art und Weise konditioniert werden, genährt und reproduziert. Die Menschen sind verängstigt und müde und sehnen sich nach einem bequemen und einfachen Leben. Sie wollen nicht über die Konsequenzen ihres Tuns nachdenken. Aber, wie gesagt, es gibt immer mehr Anzeichen, dass einige Leute die Dinge, so wie sie sind, satt haben und verändern oder zumindest den abscheulichsten Praktiken des Staates und des Kapitalismus Einhalt gebieten wollen. Ich hoffe, dass sich dieses Phänomen ausbreiten wird und sich nicht als Illusion herausstellt.

Allerdings stimme ich nicht mit denjenigen AnarchistInnen in Russland überein, die meinen, »je schlimmer die Verhältnisse sind desto besser für die Bewegung«. Freie Medien, Gewerkschaften oder Gerichte, die wenigstens die Rechte ernstnehmen, die es gibt, bedeuten für sie nichts. Es zählt nur die anarchistische Revolution, die auf direkter Aktion und nicht-hierarchischer Organisation beruht. Das ist schön und gut, aber ich habe hierzu ein paar Fragen: Tun diese Leute auch, was sie predigen? Und wie wollen wir für Gerechtigkeit im Hier und Jetzt kämpfen, wenn wir Menschenrechte und grundlegende demokratische Freiheiten nur als liberalen Schwachsinn betrachten? Wie wollen wir von Null anfangen, wenn selbst wir kaum Erfahrung damit haben, wie Dinge wirklich anders organisiert werden können? Von der »ArbeiterInnenklasse«, den »Massen« oder deinem Lieblingsrevolutionssubjekt ganz zu schweigen…

Wie gesagt, die Menschen der ehemaligen Sowjetunion glauben nicht daran, dass sie wirklich irgendetwas verändern können, und sie wüssten nicht wie, auch wenn sie den Glauben an die Regierung verloren haben. Es fehlen die Ideen und die Werkzeuge für den Wandel. Allerdings gibt es ein erwachendes Interesse für den Anarchismus. Hier sollten wir ansetzen, eine angemessene Praxis entwickeln und libertäre Werte verbreiten. Das ist wichtiger als abstrakte Ideale. Schließlich gibt es eine Vielzahl an alltäglichen Praktiken, welche die Menschen Russlands und anderer post-sowjetischer Staaten entwickelt haben, um angesichts des schwindenden sowjetischen Sozialstaates überleben zu können. Diese Praktiken sollten von AnarchistInnen studiert werden, um sie zu radikalisieren und den Menschen darüber Selbstbewusstsein zu geben. Aber in diesem Bereich ist bisher so gut wie nichts geschehen.

In jedem Fall müssen wir realisieren, dass soziale Veränderungen – und progressive soziale Veränderungen ganz besonders – kompliziert sind, langsam vonstatten gehen und einen enormen Einsatz vieler Menschen benötigen. Es gibt Veränderungen, die manchmal sehr schnell kommen, aber wenn sie tiefgreifender und nicht nur oberflächlicher Natur sein sollen, brauchen sie Zeit.

AnarchistInnen in Russland haben zwar mit einigen kollektiven Alternativen zum Staat bzw. zu hierarchischen Organisationsformen experimentiert, vor allem in sozialen Kampagnen sowie in der autonomen DIY-Punk/Hardcore-Szene, aber das alleine reicht nicht aus. Es liegt noch ein weiter Weg vor uns, zumal es Erfahrungen gibt, die in Russland kaum gemacht werden können: das Besetzen von Häusern in großen Städten ist beispielsweise aufgrund heftiger Repression so gut wie unmöglich, zumindest auf Dauer, während mit anderen alternativen Kollektivformen – etwa Landkommunen – noch gar nicht experimentiert wurde.

Als AnarchistInnen haben wir ein Modell, wie wir die Dinge anders gestalten können, aber es ist nur ein Entwurf auf einem Blatt Papier – zumindest in Russland. Dieser Entwurf muss in die Praxis umgesetzt werden – nicht zuletzt deshalb, um seine Fehler aufzudecken. Das Leben ist immer komplizierter, als wir es uns vorstellen. Wir können uns auch nicht ständig auf die Spanische Revolution, die Machno-Bewegung, die argentinische FORA oder die internationale anarchistische DIY-Punk/Hardcore-Hausbesetzungsszene beziehen, denn dies sind größtenteils Erfahrungen, die von anderen gemacht wurden und zwar unter Bedingungen, die sich wesentlich von denen unterscheiden, die wir heute in Russland vorfinden. Die Welt hat sich stark verändert und unsere Situation ist eine sehr spezifische. Das wichtigste soziale Experiment ist jenes, das man selbst konzipiert und erlebt hat.

Ich hoffe, dass die anarchistische Bewegung in Russland bestehen bleiben und sich weiterentwickeln kann; dass sie nicht wieder ausgelöscht wird, wie das in der Vergangenheit geschah. Ich glaube jedoch nicht, dass sich dies wiederholen wird – wobei, in Russland ist alles möglich. Auch wenn die totale Kontrolle und Uniformität der Stalin-Ära kaum reproduzierbar und für die MachthaberInnen auch nicht erstrebenswert scheint, gibt es erstaunliche Parallelen in Beschreibungen der bürokratischen Maschinerie, die Russland in verschiedener Form seit Mitte des 19. Jahrhunderts regiert. Zudem gilt immer noch der Satz, der einst von einem der großen russischen Autoren formuliert wurde: »Es gibt zwei Hauptprobleme in Russland: die Macht der Boshaftigkeit unter den Massen und die Boshaftigkeit der Macht unter den Herrschenden.« Diese Worte wurden 1886 geschrieben und bezogen sich auf die Dualität einer autoritären Staatsmacht und auf das Fehlen eines aufgeklärten Bewusstseins in der Bevölkerung. Aber der Satz hätte auch 2006 geschrieben werden können. Wir stehen immer noch vor den gleichen Problemen.

Global würde ich – soweit ich das einschätzen kann – sagen, dass sich die anarchistische Bewegung, Kultur und Praxis stark weiterentwickelt hat. Ich habe die internationale anarchistische Presse in den späten 1980ern und 1990ern gelesen. Ich kann mich erinnern, wie viele und welche Bücher damals publiziert wurden, wie groß die anarchistische Bewegung war und welchen Einfluss sie auf die sozialen Bewegungen hatte. Es gab einige signifikante Fortschritte in den letzten Jahren. AnarchistInnen sind keine kleine insignifikante Bewegung am Rande der Linken mehr oder ein Klub von TräumerInnen, deren Gedanken immer wieder zurück in das Russland des Jahres 1917 oder in das Spanien des Jahres 1937 wandern. Unsere Bewegung ist beträchtlich gewachsen. Es gibt immer Sachen, die besser gemacht werden können, keine Frage. Aber die Hauptsache ist, dass wir überhaupt etwas machen.

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Mikhail Tsovma ist Historiker und seit Ende der 1980er Jahre in der anarchistischen Bewegung aktiv. Er ist Mitherausgeber der Online-Zeitschrift Bakunista!.