Alpine Anarchist meets Jürgen Mümken

August 2012

Du bist der bekannteste postanarchistische Theoretiker im deutschsprachigen Raum. Was bedeutet Postanarchismus für dich? Wann hast du begonnen, den Begriff zu verwenden?

Da möchte ich zu Anfang etwas ausholen. Es war Anfang der 1990er Jahre, als ich mich während meines Architekturstudiums mit Gefängnisarchitektur und deren Geschichte auseinandergesetzt habe, und dabei auf Überwachen und Strafen von Foucault gestoßen bin. Über Foucault bin ich dann überhaupt dazu gekommen, mich mit Philosophie zu beschäftigen. Als ich dann im Winter 1996/97 an meiner Diplomarbeit Die Ordnung des Raumes. Die Foucaultsche Machtanalyse und die Transformation des Raumes in der Moderne geschrieben haben, war ich an den Punkt gelangt, dass ich Foucault mit dem Anarchismus verbinden wollte. Als Nebenprodukt meiner Diplomarbeit entstand der Artikel „Keine Macht für Niemand. Versuch einer anarchistischen Aneignung des philosophischen Projektes von Michel Foucault“, der 1998 in der anarchistischen Vierteljahreszeitung „Schwarzer Faden“ veröffentlicht wurde. Mit diesem Zeitpunkt beginnt meine intensivere Auseinandersetzung mit dem Poststrukturalismus und besonders mit Foucault, die dann 2003 in meinem Buch Freiheit, Individualität und Subjektivität. Staat und Subjekt in der Postmoderne aus anarchistischer Perspektive mündete. Danach entdeckte ich bei Internet-Recherchen zufällig eine Hausarbeit über „Anarchismus in den USA und Deutschland“ von 1999, in der stand, dass ich die Gedanken von Todd May in Deutschland weiterführen würde, indem ich in Rekurs auf Judith Butlers Dekonstruktivismus herausarbeitet hätte, dass eine anarchistische Gesellschaft „nicht durch die Abwesenheit von Macht gekennzeichnet ist, sondern die Ordnung einer anarchistischen Gesellschaft darauf ausgelegt ist, daß sich aus umkehrbaren Machtverhältnisse keine starren Herrschaftszustände entwickeln“ (aus „Keine Macht für Niemand“). Aber von May Todd hatte ich bis dahin noch nichts gehört. Also recherchierte ich weiter und stieß auf eine Anfrage des US-amerikanischen Anarchisten Jason Adams, der auf die Suche nach Informationen über zwei deutschsprachige Anarchisten war, nämlich nach Jens Kastner, der ein Buch über die libertären Aspekte in der Soziologie von Zygmunt Baumans veröffentlicht hatte, und mich. Da bin ich zum ersten Mal auf den Begriff „Postanarchismus“ gestoßen, das war 2004. Von diesem Moment an recherchierte ich zum Thema Postanarchismus und stieß auch auf Saul Newman, Lewis Call und Richard Day sowie, was mich sehr wichtig war, auf die türkische Homepage postanariki.net – da ist mir Idee gekommen, auch eine Seite für den deutschsprachigen Raum zu machen [postanarchismus.net]. Ich kann also sagen, dass ich seit 2005 den Begriff „Postanarchismus“ benutze. Für mich handelt es sich aber mehr um ein Label über das frau/mann neue Ideen verbreiten kann und nicht um eine neue Strömung. Für mich ist „Postanarchismus“ mehr eine Art zu denken, Dinge noch einmal anders zu analysieren. Postanarchismus ist ein Ort, von dem wir die gegenwärtigen Verhältnisse analysieren, anarchistische „Wahrheiten“ in Frage stellen und reflektieren, und diese dann auch gegebenenfalls über Bord werfen oder aktualisieren sollten.

Was sind die wichtigsten Anregungen poststrukturalistischer Theorie für den Anarchismus? Und worum geht es, kurz gesagt, in deinem Buch Freiheit, Individualität und Subjektivität?

Es gibt sicherlich viele wichtige Anregungen des Poststrukturalismus für den Anarchismus. Bei mir steht Foucault im Vordergrund, seine Analyse der Macht, seine Zurückweisung der Repressionshypothese, seine Feststellung dass es „kein außerhalb der Macht“ gibt, und dass die Macht nicht rein negativ ist, sondern auch produktiv. Eine anarchistische Gesellschaft ist für mich keine Gesellschaft, die durch die Abwesenheit von Macht gekennzeichnet ist, sondern die Ordnung einer anarchistischen Gesellschaft ist darauf ausgelegt, dass sich aus umkehrbaren Machtverhältnisse keine starren Herrschaftszustände entwickeln. Nach der Befreiung von den verschiedenen Herrschaftszuständen werden Felder für neue Machtverhältnisse geöffnet, die „dann aber von den Praktiken der Freiheit kontrolliert werden“ (Foucault) müssen. Macht und Freiheit sind soziale Verhältnisse, die sich einander bedingen, das eine tritt nicht ohne das andere auf.

Ich halte auch seine Analyse der neoliberale Gouvernementalität für wichtig, um den gegenwärtigen Kapitalismus zu verstehen, seine Wirkungsweise auf die Menschen und warum es so wenig Widerstand gibt.

Ebenso wichtig ist die Dekonstruktion von Derrida, der feministische Postrukturalismus infolge der Gender Studies von Judith Butler. Ich könnte noch viel aufzählen. Überall im Poststrukturalismus sind interessante Werkzeuge zu finden.

Zur Frage nach meinem Buch Freiheit, Individualität und Subjektivität, darin steht im Mittelpunkt „Das Denken des Staates“ und die „Frage nach dem Subjekt“. Ich habe mich mit anarchistischer und marxistischer Staatstheorie und mit dem Subjekt zwischen Heteronomie und Autonomie beschäftigt, und bin dabei auch auf Stirner eingegangen. Ich habe mich seinem Werk durch eine postrukturalistische Lesart genähert.

Mit dem Buch wollte ich erstmal für mich einiges klären. Ausgangspunkt war die Frage von Deleuze und Guattari im Anti-Ödipus: „Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil?“ Nicht, dass ich darauf eine Antwort gefunden hätte, aber ohne eine Antwort werden wir eine freie Gesellschaft nie erreichen. Mein Buch soll Denkanstöße dafür geben, dass wir einmal eine Antwort auf die Frage bekommen, die seit dem Essay Über die freiwilligen Knechtschaft von Etienne de la Boëtie (1539-1563) im Raum steht.

Im englischsprachigen Postanarchismus, etwa bei Todd May oder Saul Newman, geht es sehr stark darum, sich vom „klassischen Anarchismus“ abzugrenzen, der meist mit Bakunin und Kropotkin verbunden wird. Wie siehst du das Verhältnis des Postanarchismus zur anarchistischen Geschichte? Du hast selbst viel zu Bakunin gearbeitet.

Mir ist es von Anfang an nicht darum gegangen, mich vom klassischen Anarchismus abzugrenzen, mir geht es nur um eine – meiner Meinung nach – notwendige Aktualisierung anarchistischer Theorie und Praxis. Innerhalb der gegenwärtigen anarchistischen Debatte sollte es darum gehen, die gesellschaftlichen Transformationen der letzten Jahrzehnte, die neuen Erkenntnisse und gesellschaftlichen Diskurse und die Erfahrungen aus der Praxis kritisch zu reflektieren und in die anarchistische Theorie und Praxis einzubinden. Den Postanarchismus verstehe ich als einen Teil dieser notwendigen Auseinandersetzung. Kropotkin und Bakunin bedeuten mir immer noch sehr viel. Kropotkin wegen seiner anarcho-kommunistischen Utopie und Bakunin als radikaler Philosoph, d.h. aber nicht, das es nicht an beiden auch eine notwendige Kritik gibt und geben muss, und dass das Positive im Denken der Beiden auch weiterentwickelt werden sollte.

Ein weiterer Unterschied zwischen deinem postanarchistischen Ansatz und anderen scheint in der Beurteilung des Anarchosyndikalismus zu liegen. Während manche PostanarchistInnen diesen als eine „klassische“ und damit der Gegenwart nicht mehr angemessene Form anarchistischer Organisation begreifen oder ihm vorwerfen, Unterdrückungsverhältnisse abseits von ökonomischen Widersprüchen zu übersehen, bist du unter anderem im Umfeld der FAU engagiert. Wie siehst du das Verhältnis zwischen Postanarchismus und Anarchosyndikalismus?

Anfang 1990er Jahren war ich mal kurz in der Kasseler Ortgruppe der FAU aktiv – ohne Mitglied zu sein. Habe dann aber gemerkt, dass ich meine damaligen Vorstellungen von Praxis in autonomen Zusammenhängen in Kassel besser umsetzen konnte, vor allem weil ich damals die Priorität auf antifaschistische Kämpfe gelegt hatte, was mit der Situation in Deutschland nach der so genannten „Wiedervereinigung“ zu tun hatte, als rassistische Übergriffe und Anschläge an der Tagesordnung waren. Seit ich als 18-jähriger angefangen habe, mich mit Anarchismus zu beschäftigten, ist der kommunistische Anarchismus meine Utopie geblieben und für mich ist der Anarchosyndikalismus immer ein Mittel gewesen, diese zu erreichen. Aber in den letzten fast 30 Jahren hat sich immer wieder verändert bzw. erweitert, was ich unter kommunistischem Anarchismus und Anarchosyndikalismus verstehe. Eine Organisation, die nur ökonomische Kämpfe führt, ist für mich eigentlich keine anarchosyndikalistische Organisation. Anarchosyndikalismus heißt für mich vor allem die Aufhebung der liberalen Trennung von Politik und Ökonomie. (Leider übernahm die ArbeiterInnenbewegung diese liberale Trennung in dem sie sich in Partei und Gewerkschaft organisierte). Eine anarchosyndikalistische Organisation muss sich genauso in antifaschistische, antirassistische, antipatriarchale, Anti-Atom-, Anti-Gentech- und MieterInnenkämpfen einmischen. Aber sie muss auch auf die neoliberale Transformation der Arbeit reagieren. Die sozialen Kämpfe finden nicht nur in den Betrieben, sondern auch im Stadtteil statt, z.B. gegen Gentrifizierungsprozesse, gegen hohe Mieten und schlechte Wohnverhältnisse. Ich würde sagen, postanarchistisches Denken käme dem Anarchosyndikalismus zu Gute, vor allem die Auseinandersetzung mit Subjektivierungsprozessen im neoliberalen globalen Kapitalismus und das Zurückweisen jeder Form von identitärer Politik. Es geht eben nicht ums Abgrenzen, sondern ums Erneuern. Die anarchistische und anarchosyndikalistische Theorie und Praxis befindet sich immer in einem „Werden“ und wird nie abgeschlossen.

Du bist ausgebildeter Architekt und hast dich viel mit Fragen der Wohnungspolitik und der Städteplanung beschäftigt, sowohl theoretisch als auch in praktischer politischer Arbeit. Hat das für dich einen konkreten Bezug zu postanarchistischen Themen? Die Frage des Raumes wird bei poststrukturalistischen TheoretikerInnen ja immer wieder stark diskutiert.

Ich muss vorausschicken, dass ich zwar Architektur studiert habe und dies auch zu Ende, aber nie als Architekt gearbeitet habe, und nach deutschem Recht mich auch nicht Architekt nennen darf. Ich arbeite zur Zeit „klassisch“ für AnarchistInnen als Drucker in einer Digitaldruckerei.

Bei mir lässt sich das schwer trennen, denn der Ausgangspunkt meiner Auseinandersetzung mit Stadt, Raum, Wohnen und den postanarchistischen Themen ist Foucault und seine Analyse der Macht. Es ist auch nicht zu vergessen – auch wenn es eine Banalität ist –, dass alle Kämpfe immer in Raum und Zeit stattfinden. Wichtig für diese Kämpfe ist auch, dass es keinen Raum-an-sich gibt. Es sind die gesellschaftliche Verhältnisse, die den Raum produzieren. Der Kapitalismus produziert Raum, das Patriarchat produziert Raum, Gesetze produzieren Raum. Dies heißt auch, dass alle Kämpfe in die Produktion des Raumes eingreifen. Räume sind umkämpft und auch hier handelt es sich nicht um rein ökonomische Kämpfe, sondern auch z.B. um kulturelle und symbolische Kämpfe.

Gerade beschäftige ich mit der Kontrollgesellschaft, von der Deleuze gesprochen hat. In der Kontrollgesellschaft findet die Kontrolle u.a. im Raum und durch den Raum statt. Es geht also nicht mehr in erster Linie darum, wie in der Disziplinargesellschaft ein Individuum zu überwachen. „Raum“ ist eine wichtige Kategorie, um Gesellschaften zu analysieren.

Wenn es um das Verhältnis von Gesellschaft und Raum geht, sollten wir nicht vergessen, dass der französische Geograph und Anarchist Élisée Reclus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert zu den Begründern der Sozialgeographie gehörte; leider ein Thema, das heute im Anarchismus ein bisschen vernachlässigt wird, während es dagegen innerhalb des Marxismus interessante Arbeiten zum Thema Gesellschaft und Raum gibt, wie z.B. von Henri Lefèbvre, von dem auch das Stichwort „Recht auf die Stadt“ stammt, auf dessen Grundlage sich weltweit städtische Protestbewegungen konstituieren.

Kannst du uns einen kurzen Überblick über die gegenwärtige anarchistische Bewegung in Deutschland geben? Finden deine postanarchistischen Vorstellungen dort Anklang? Stösst du auch auf Ablehnung?

Oh, ich bin sicherlich kein Experte für die gegenwärtige anarchistische Bewegung in Deutschland. Da gibt es die anarchosyndikalistische Gewerkschaft „FAU“, die dürfte etwas über 300 Mitglieder haben, und die gewaltfreien AnarchistInnen um die Zeitung graswurzelrevolution sowie zahlreiche anarchistische Gruppen und Initiativen auf lokaler und regionaler Ebene, die sich in den verschiedenen sozialen Bewegungen engagieren.

Jüngere AnarchistInnen interessieren sich schon für „postanarchistische“ Vorstellungen, das ist deutlich auf Veranstaltungen zu spüren. Es gibt auch Kritik und das soll ja auch so sein. Mir ist die Auseinandersetzung über anarchistische Theorie und Praxis wichtig.

Auf direkte Ablehnung bin ich persönlich nicht gestoßen, eher auf Desinteresse und Unverständnis, wenn es um „postanarchistische“ Vorstellungen geht. Einigen ist das zu abstrakt, zu akademisch, zu theoretisch. Andere haben ein Problem damit, wenn das „autonome Subjekt“ verabschiedet wird, denn für sie ist gerade dies die Grundlage anarchistischer Politik und Utopie.

Welchen Chancen siehst du für den Anarchismus in der Zukunft - sowohl in Deutschland als auch international?

Er wird sicher nicht in absehbarer Zeit zu einer Massenbewegung werden. Er wird aber Teil jener Linken bleiben, die versucht, die Verhältnisse grundlegend zu verändern. Mir geht es darum, die Verhältnisse so zu ändern, dass der Mensch in einer freien Gesellschaft leben kann. Ich will nicht meine Insel der Glückseligkeit errichten bzw. mich auf eine Landkommune zurückziehen, dabei die gesellschaftlichen Verhältnisse aber unangetastet lassen. Ob der Anarchismus dafür eine größere Bedeutung bekommen kann, als er es jetzt hat, weiß ich nicht.