Rezension von
Philippe Kellermann (Hg.), Anarchismus – Marxismus – Emanzipation. Gespräche über die Geschichte und Gegenwart der sozialistischen Bewegungen (Berlin: Die Buchmacherei, 2012)

Philippe Kellermann, einer der gegenwärtig fleißigsten, passioniertesten und kenntnisreichsten anarchistischen Autor_innen des deutschsprachigen Raumes hat nunmehr mit Anarchismus – Marxismus – Emanzipation. Gespräche über die Geschichte und Gegenwart der sozialistischen Bewegungen einen neuen Beitrag zur Aufarbeitung, Bestandsaufnahme und Weiterentwicklung linker Debatte geleistet. In Gesprächen mit fünf sozialistischen Denker_innen geht er der alles entscheidenden Frage nach, wie der Kapitalismus bei aller vermeintlichen Aussichtslosigkeit doch noch zu überwinden sei. Die „Gespräche“ sind in diesem Fall freilich im Kontext moderner Kommunikationstechnologien zu verstehen. Wer sich lockere, bei einer Tasse Tee geführte Plaudereien erwartet, liegt fehl. Hier werden vielmehr wohlformulierte, detailgeschliffene und mit Fußnoten angereicherte Email-Korrespondenzen aufbereitet. Manche von Kellermanns Fragen haben die Länge halber Hausarbeiten. Die Antworten fallen oft entsprechend aus. Dies ist nicht unbedingt ein Problem, aber es kann helfen, darauf vorbereitet zu sein.

Wenden wir uns Kellermanns Gesprächspartner_innen zu.

Bini Adamczak, unter anderem bekannt als Autorin des ausgezeichneten Gestern Morgen. Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft (2007), macht den Anfang und spricht vor allem über das Scheitern der Russischen Revolution. Sie gesteht Kellermann zu, dass in Gestern Morgen „die anarchistischen wie auch rätekommunistischen und anderen minoritären Strömungen [...] eine größere Rolle [hätten] spielen können und sollen“ (15), lässt sich jedoch von der Andeutung, dass das Scheitern der Russischen Revolution in der Marxschen Theorie selbst angelegt gewesen sei, nicht beeindrucken. Stattdessen stellt sie fest: „Aus einer bestimmten antikommunistischen Perspektive trägt Marx die Schuld am Stalinismus, aus einer bestimmten marxistischen Perspektive ist er gänzlich unschuldig daran.“ (37) Das Gespräch ist spannend, beinhaltet einen wichtigen Verweis auf den anarchistischen „Maskulinismus“ (ebd.) und plädiert schließlich dafür, die „Gegenüberstellung [von Marxismus und Anarchismus] zu dekonstruieren“ (41). Die These „Heute heißt Bakunin recht zu geben, Marxistin zu sein“ (ebd.) mag nicht unmittelbar einleuchten, ist jedoch umso anregender.

Als zweiter kommt Jochen Gester zu Wort, seit Jahrzehnten in gewerkschaftliche Arbeit involviert, ehemaliger Maoist, heutiger „libertärer Sozialist“ (46) und außerdem Mitbegründer des Berliner Verlags- und Druckereiprojekts Die Buchmacherei, in dem Anarchismus – Marxismus – Emanzipation erschienen ist. Gester diskutiert vor allem einen Dauerbrenner linker Debatte, nämlich die sogenannte Organisationsfrage. Überdies teilt er die Ansicht des Autors dieser Zeilen, dass das demonstrative Ignorieren der anarchistischen Geschichte seitens vieler Marxist_innen auf Unkenntnis beruht und „kein Schweigen wider besseren Wissens“ ist (46). Gester zufolge liegt dies in der „politischen Sozialisation des größten Teils der politischen Linken“ (ebd.) begründet. Er erachtet es als wenig sinnvoll, „den alten Richtungsstreit zwischen Marxismus und Anarchismus nach über 100 Jahren noch einmal neu aufzulegen“ (48), und appelliert stattdessen an eine „‚Gelassenheit‘ im Umgang miteinander“ (69). Letzteres wird mit der Hoffnung verbunden, dass „eine kritische Rezeption von Marx wie auch der anarchistischen KlassikerInnen die Möglichkeit eines großen gemeinsamen Terrains eröffnen könnte, von dem aus man gemeinsam den Weg aus den historischen Sackgassen heraus antreten könnte“ (59).

Gerhard Hanloser, Freiburger Sozialwissenschaftler, Autor und „Libertärer mit Interesse an Marx“ (91), demonstriert gewohnte Sattelfestigkeit in Sachen Kapitalismusanalyse („Die Produktivkraft der lebendigen Arbeit wird soweit gesteigert bis die Mittel dieser Steigerung das Verhältnis von Produktivkraftsteigerung und Mitteleinsatz ruinieren“, 81) und tauscht sich mit Kellermann unter anderem über Michael Seidmans Gegen die Arbeit. Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38, Maurice Merleau-Pontys Humanismus und Terror und Michel Foucaults „anti-moderne Reflexe“ und „Irrationalismen“ (101) anlässlich der Iranischen Revolution von 1979 aus. Außerdem kommt er mehrfach auf die Bierproduktion im Kommunismus zu sprechen, was die Sensibilitäten eines Straight-Edge-Rezensenten zwar herausfordert, gleichzeitig aber nicht jeder Logik entbehrt: wenn es im Kommunismus schon Bier geben muss, ja, dann soll es zum Beweis kommunistischer Funktionsfähigkeit wohl auch schmecken. Der Anarchismus ist für Hanloser „generell dann noch von Interesse, wenn er sich für Kategorien wie Ausbeutung, Klassenkampf und soziale Bewegungen interessiert“ (75f); die größte Gefahr liege in der Ideologisierung. Dementsprechend wird gefordert, die „Werte und Normen des Anarchismus … ideologiekritisch, also historisierend auf die Gesellschaften zurück[zu]führen, in denen sie entstanden“ (77). Geschieht dies, so kann dem Anarchismus bei der Verfolgung des „alten Traums von der Emanzipation“ (104) nach wie vor eine wichtige Rolle zukommen.

Der emeritierte Politologe Joachim Hirsch, vielen als Verfechter eines „radikalen Reformismus“ vertraut, kontert auf Kellermanns Fragen nach dem Verhältnis von Marxismus und Anarchismus mit Verweisen darauf, dass er „mit dem Kampf und der gegenseitigen Abgrenzung der Schulen recht wenig am Hut“ habe (108) und „die Auseinandersetzungen zwischen MarxistInnen und AnarchistInnen nicht übermäßig interessant“ fände (117). Um den Anarchismus geht es in diesem Gespräch – das sich stark an Hirschs 2003 in der Zeitschrift Argument veröffentlichten Rezension von John Holloways Die Welt verändern, ohne die Macht zu übernehmen orientiert – nur peripher. Zentraler ist Hirschs Arbeitsschwerpunkt, die Analyse des Staates, wobei dieser für Hirsch „keine Einrichtung außer oder oberhalb der Gesellschaft ist, sondern ein integraler Bestandteil des kapitalistischen Produktionsverhältnisses“ (123). Angesichts dieser (wohl unbeabsichtigten) Spezifizierung der Landauerschen These vom Staat als „Verhältnis“, als „Beziehung zwischen den Menschen“ bzw. als „Art, wie sich Menschen zueinander verhalten“ („Schwache Staatsmänner, schwächeres Volk“, 1910), überrascht es nicht, dass auch Hirschs Abschlussworte als Aktualisierung der Überzeugungen Gustav Landauers gelesen werden können: „…der zentrale Ort emanzipativer Politik ist die Gesellschaft selbst: die konkrete Lebensweise, die alltäglichen sozialen Beziehungen, die Schaffung neuer Formen der Vergesellschaftung und der Politik“ (128).

Der Hannoveraner Geisteswissenschaftler Hendrik Wallat, dessen jüngstes Buch Staat oder Revolution. Probleme und Aspekte linker Bolschewismuskritik (2012) vor kurzem in der edition assemblage erschien, schließt den Band. Das Gespräch nimmt seinen Ausgangspunkt in Wallats Wertschätzung der frühen anarchistischen Kritik am Bolschewismus, in der Anarchist_innen seines Erachtens „so gar nicht dem (scheinbar bis heute verinnerlichten) marxistischen Klischee“ entsprechen (131). Wallat hält auch die Marxkritik vieler Anarchistinnen für „recht fair und gut begründet“ (134). Die Polemik in der historischen Auseinandersetzung schreibt er – zu Kellermanns unüberlesbarer Freude – vorwiegend der marxistischen Seite zu. Konsequenterweise versucht Wallat daher, sich „die anarchistische Tradition … ohne marxistische Polemik anzueignen“ (146). Dies gelingt überzeugend, selbst wenn sich das Gespräch letztlich vor allem auf Marx und marxistische Theorie konzentriert. Philosophisch geschulte Leser_innen – und solche, die sich von akademischer Rhetorik nicht abschrecken lassen – sollten an Wallats Ausführungen besonderen Gefallen finden.

Alle Gespräche folgen im Grunde demselben Muster: Kellermann zeigt sich verwundert über das Fehlen expliziter anarchistischer Referenzen in den Texten der Befragten bzw. in deren politischem Umfeld. Das Resultat sind Zugeständnisse an den Anarchismus, die mal verhaltener, mal nachdrücklicher formuliert werden, insgesamt jedoch oft den Eindruck hinterlassen, in erster Linie dem auf die Redlichkeit des Anarchismus pochenden Kellermann einen Gefallen zu tun. Stellenweise mimt Kellermann den Anarchismus als sprichwörtlichen „kleinen Bruder“, der marxistisch gelehrte Genoss_innen dazu bringen will, endlich seine eigentliche Überlegenheit anzuerkennen. Dass diese durchaus liebenswerte Geste Früchte trägt, sollte nicht überraschen – letztlich können ja fast alle irgendwas am Anarchismus gut finden. Wer will – vor allem innerhalb der Linken – schon gegen Herrschaftsfreiheit, soziale Gerechtigkeit und gegenseitige Hilfe Stellung beziehen? Der Knackpunkt ist in der Regel nicht die Idee, sondern das Realisierungspotential. In diesem Sinne erinnern auch viele der von Kellermanns Gesprächspartner_innen ausgedrückten Sympathien für den Anarchismus eher an höfliche Aufgeschlossenheit als an leidenschaftliche Überzeugung. Wenn Adamczak vom Anarchismus als „Maßstab der Kritik“ spricht (15), Hanloser Anarchist_innen dafür dankt, „uns die Revolte, den Aufstand, die Alternative als heute noch deutbares Zeichen [zu] überlassen“ (74), Hirsch betont, dass „vom Anarchismus … vor allem zu lernen [wäre], dass soziale Emanzipation nicht von Avantgarden, Parteien und Staaten ausgehen kann, sondern eine unmittelbare Angelegenheit der Menschen sein muss“ (126), oder Wallat dem Anarchismus „Hellsichtigkeit … in Bezug auf die Eigendynamik von Gewaltpraxis und Machtstrukturen“ zuschreibt (153), dann begegnet uns der Anarchismus eher als ehrbares ethisches Ideal denn als erfolgversprechende gesellschaftliche Alternative. Dies ist nicht als Vorwurf an die Interviewten zu verstehen. Schließlich sind Deutungen solcher Art naheliegend. Es ist die Aufgabe der Apologet_innen des Anarchismus, diesen als tatsächlich ernstzunehmende revolutionäre Bewegung zu beweisen bzw. mehr sein zu lassen als idealisierter historischer Referenzpunkt, moralisches Hoheitsgebiet oder identitär-subkultureller Rückzugsraum. Dass Kellermann sich mit seinen Publikationen genau darum bemüht, steht außer Frage. Allerdings würde etwas weniger Historizität vielleicht gut tun. Kellermanns Fragen in Anarchismus – Marxismus - Emanzipation rekurrieren immer wieder auf die Erste Internationale und den Konflikt zwischen Marx und Bakunin. Die von ihm ausgiebig angeführten anarchistischen Zitate wurden beinahe ausnahmslos zwischen 1870 und 1930 verfasst und stammen zum größten Teil von Michael Bakunin, Peter Kropotkin und Rudolf Rocker. Die Probleme, die sich aus einer solchen Zugangsweise ergeben, werden nicht zuletzt im abschließenden Gespräch des Buches deutlich, in dem Hendrik Wallat unwidersprochen eine Kritik am anarchistischen Staatsverständnis formulieren kann, die in ihren wesentlichen Punkten (naive Romantisierung eines herrschaftsfreien Naturzustandes und eine verkürzte Analyse des Staates als bloßes Herrschaftsinstrument) längst innerhalb des Anarchismus (bzw. „Postanarchismus“) selbst formuliert wurde. Den Anregungen, die wir aus historischen Auseinandersetzungen erfahren, tut dies freilich keinen Abbruch – nicht zuletzt deshalb, weil sich viele Diskussionen in Anarchismus – Marxismus – Emanzipation um zeitlose Fragen wie Organisierung, Widerstand und Revolution drehen. Das Buch ist allen an der Thematik Interessierten wärmstens zu empfehlen!

Gabriel Kuhn

(Juli 2012)