"I'm Not the Flesh"
Krishnacore und Straight Edge

Dieser Text wurde ursprünglich für die testcard-Nr. 22 mit dem Thema "Fleisch" geschrieben – eine Reihe unglücklicher Umstände führte jedoch dazu, dass der Text dort niemals erschien.

Wer sich Anfang der 1990er Jahre in der Hardcore-Szene, insbesondere in der Straight-Edge-Szene bewegte, kam den Diskussionen zur Krishna-Bewegung nicht aus. Dabei ging es in mehrfacher Hinsicht ums Fleisch: im Rahmen des Vegetarismus, des gesunden Körpers, aber auch des philosophischen Gegensatzes von Geist und Materie.

Dieser Text versucht drei Aufgaben zu erfüllen: 1. Die Entwicklung der Krishnacore-Szene der 1990er Jahre nachzuzeichnen. 2. Krishnacore als eine Ideologisierung der Straight-Edge-Bewegung zu begreifen. 3. Eine Straight-Edge-Interpretation anzubieten, die diese Ideologisierung nicht nur vermeidet, sondern sich ihr entgegenstellt.

ISKCON, die Lower East Side und Hardcore Punk

Hinter dem im Volksmund als Hare-Krishna-Bewegung bekannten Phänomen, das im Allgemeinen mit kahlgeschorenen, singenden Buchverkäufern in indischen Roben sowie mit kostenlosem vegetarischen Essen verbunden wird, steht die International Society for Krishna Consciousness (ISKCON). Diese wurde 1966 in New York von dem indischen Hindu-Gelehrten Abhay Charan ("furchtlos im Schutz der Lotosfüße des Herrn") gegründet. Charan wurden später eine Reihe spiritueller Ehrentitel zuteil und er ging unter dem Namen Bhaktivedanta Swami Prabhupāda in die Geschichte ein. Im Jahr 1977 verstorben, bestimmt Prabhupāda bis heute die Identität der Krishna-Bewegung, auch wenn es schon bald nach seinem Tod zu Streitigkeiten sowohl um die Auslegung seines Werks als auch um die Verwaltung der ISKCON kam.

Prabhupāda entstammt der hinduistischen Gaudiya-Vaishnava-Schule, der zufolge der blauhäutige und Flöte spielende Jüngling Krishna die vollkommenste Ausdrucksform der Göttlichkeit ist. Nachdem das Glück des Menschen darin besteht, der Göttlichkeit so nahe wie möglich zu kommen, gilt es, im alltäglichen Leben Krishna zu dienen. Das geschieht vor allem durch die Wiederholung seines Namens in der Form der Maha-Mantra ("Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna…" usw.) und durch das Einhalten bestimmter ethischer Gebote, etwa vegetarischer Ernährung, einer rein auf Fortpflanzung ausgerichteten Sexualität und dem Verzicht auf Rauschmittel und Glücksspiel.

Wie es die Legende haben will, machte sich Prabhupāda 1965 mittellos in die USA auf, um der westlichen Welt die Botschaft Krishnas zu vermitteln. Seine ersten AnhängerInnen rekrutierten sich hauptsächlich aus der Hippie-Szene. Die Bewegung wuchs schnell. Knapp ein Jahr nach Prabhupādas Ankunft in New York wurde das erste ISKCON-Zentrum an der Second Avenue in der Lower East Side eingerichtet. Nur zehn Jahre später gab es um die hundert Tempel, Ausbildungsstätten und landwirtschaftliche Anlagen der ISKCON in der ganzen Welt. In den USA galt Hare Krishna eine Zeitlang als die am schnellsten wachsende religiöse Bewegung. Prominente Unterstützung, etwa durch den Beat-Poeten Allen Ginsberg oder den Beatle George Harrison, waren der Verbreitung äußerst zuträglich.

Zu den ersten Berührungen von Krishna und Hardcore kam es in den frühen 1980er Jahren. Wiederum wurden die ersten Schritte in New York getan. Das ISKCON-Zentrum der Lower East Side war nur einen Block vom legendären Punk-Club CBGB entfernt. Eine zentrale Rolle spielten die kostenlosen vegetarischen Mahlzeiten, die von den Krishna-AnhängerInnen ausgegeben wurden. Der Bassist – und gelegentliche Sänger – der Cro-Mags, Harley Flanagan, erinnert sich: "Die Krishnabewegung wurde von ISKCON getragen und das waren die Leute, mit denen ich und John [Joseph] in Kontakt kamen. … Zuerst ging ich nur hin, weil ich obdachlos und hungrig war. Außerdem war ich Vegetarier und da konntest du kein besseres Essen finden. Am Anfang machte ich mich über sie lustig, aber bald sah ich ein, dass ich mich mit vielen ihrer Ideen und Prinzipien identifizieren konnte." (1)

Flanagan und John Joseph, ebenfalls Mitglied der Cro-Mags, gehörten neben Keith Burkhardt von Cause of Alarm zu den prominentesten Hardcore-Krishna-Pionieren. Wer sich für diese Zeit interessiert, dem sei die unterhaltsame Autobiographie von John Joseph, The Evolution of a Cro-Magnon (2007), empfohlen. Das Cro-Mags-Album The Age of Quarrel (1986), dessen Titel sich auf das dekadente Kali Yuga bezieht, dem vierten und letzten in den vedischen Schriften prophezeiten Zeitalter, wurde zum eindrücklichsten Symbol der immer stärkeren Verschmelzung der Szenen. Krishna-inspirierte Covers zierten auch die Cro-Mags-Alben Best Wishes (1989) und Near Death Experience (1993).

Nicht zuletzt aufgrund des Einflusses der Cro-Mags wurden die an Krishna interessierten Hardcore-Kids immer zahlreicher und zu einer unübersehbaren Präsenz in der Lower East Side. Steve Reddy, der in mehreren Krishnacore-Bands spielte und das Label Equal Vision mitbegründete, meinte in einem Interview: "Wenn du mich 1987 gefragt hättest, was ein Hare-Krishna-Anhänger ist, dann hätte ich gesagt, ein Kerl mit vielen Tätowierungen, der Leute verprügelt." (2)

Zur Bildung des heute im engeren Sinne als Krishnacore bekannten Genres kam es um 1990. Der Unterschied zu Cause of Alarm oder den Cro-Mags bestand darin, dass es nun nicht mehr um bloße Berührungspunkte zwischen der Krishna-Bewegung und der Hardcore-Szene ging, sondern dass der Dienst an Krishna zum Sinn des Hardcore-Daseins an sich avancierte. Dies kam in den Namen und Texten sowie im Erscheinungsbild der Krishnacore-Bands unmissverständlich zum Ausdruck.

Die Ursprünge des Krishnacore lagen in der Straight-Edge-Bewegung und seine Entstehung war vor allem mit der spirituellen Erleuchtung zweier ihrer Ikonen verbunden: den Youth-of-Today-Mitgliedern Roy Cappo und John "Porcell" Porcelly.

Krishnacore und Straight Edge

Ray Cappo und Porcell waren bereits wesentlich für die Popularisierung von Straight Edge verantwortlich gewesen. Ian MacKaye, der das Straight-Edge-Phänomen 1981 als Minor-Threat-Sänger mit dem Anti-Drogen-Song "Straight Edge" losgetreten hatte, stand der Entwicklung einer sich an dem Label aufhängenden Bewegung immer skeptisch gegenüber. Bis heute betont er, dass es ihm mit dem Song um einen rein persönlichen Protest gegen die Normierung des Drogenkonsums innerhalb der Punk-Szene ging; er sei es leid gewesen, sich ständig für seine Abstinenz rechtfertigen zu müssen. Das Schaffen einer neuen Identität war nicht im Entferntesten die Absicht: "Es war nicht so, dass ich sagte: 'Jetzt werde ich nüchtern' oder 'Jetzt werde ich Straight Edge'. Ich war das einfach. Ich war immer so." (3)

Cappos und Porcells Zugang zu Straight Edge war ein anderer. Ende der 1980er Jahre propagierten sie mit ihrer Band Youth of Today das Straight-Edge-Label offensiv. Porcell erklärt: "Wir wollten nicht nur drogenfrei sein, sondern auch laut, selbstbewusst und stolz. Ray hatte sogar eine Jacke, auf der ›Straight Edge in Your Face‹ stand." (4) Dies hatte entsprechenden Erfolg: "Als [1987] das Album Break Down the Walls erschien, gingen wir auf große Tournee. Bei unserer Rückkehr nach New York traute ich meinen Augen nicht. Wir spielten wieder im CBGB, wo ich noch ein Jahr zuvor Angst gehabt hatte, mit einem X auf der Hand [dem bekanntesten Straight-Edge-Symbol] aufzutreten. Als wir auf die Bühne gingen, warteten Dutzende von Kids mit schwarzen Kreuzen auf uns, und alle brüllten mit, als wir 'Thinking Straight' spielten! Es war unglaublich." (5)

Die Wendung zu Krishna kam, als Cappo und Porcell von der Straight-Edge-Szene zunehmend frustriert waren: "Straight Edge wurde zu einem Trend und zu einem exklusiven Klub. Wie bei allen Trends folgte auf den Höhenflug ein Sturz – und Straight Edge stürzte besonders hart. Ich würde sagen, dass neunzig Prozent der Youth-Crew-Kids in Colleges verschwanden und jeden Abend auf einer Party abhingen. Ich verlor meine Illusionen, was die Szene betraf. Das war eine große Enttäuschung. Nach all den Konzerten, nach all dem Geschreie und Gesinge schien es nicht so, als hätten sich die Leute wirklich geändert. Ich fühlte mich an das Shakespeare-Zitat erinnert: 'Voll von Lärm und Eifer – aber ohne Bedeutung.' Genau das empfand ich und es war wirklich hart." (6) Eine Veränderung war unvermeidlich: "Mir wurde klar, dass der einfache Verzicht auf Alkohol nicht das Ziel sein konnte. Das war es nicht, worum es ging. Ich begann, Straight Edge mehr und mehr als Grundlage für etwas anderes zu sehen." (7)

Dieses andere war Krishna. Ray Cappo war der erste, der einen radikalen Schritt in diese Richtung unternahm. Nach dem Ende der letzten Youth-of-Today-Tournee reiste er nach Indien, um als Mönch zu leben. Er nahm den Namen Raghunath an und erklärte später, dass sein "fanatisches Blut von Youth of Today zu fanatischem Krishna-Blut wurde". (8)

Dieser Übergang war durchaus naheliegend. Die ethischen Alltagsprinzipien der Krishna-Bewegung decken sich weitgehend mit denen von Straight Edge: kein Alkohol und keine Drogen ist offensichtlich, und auch was die innerhalb der Straight-Edge-Kultur streitbaren Fragen von Ernährung und Sexualität betrifft, so sprachen sich viele Straight-EdgerInnen – insbesondere auch Youth of Today – bereits Ende der 1980er Jahre für Vegetarismus und Enthaltsamkeit aus. Porcell, mittlerweile auch Paramananda Das genannt, fasst die Entwicklung so zusammen: "Für mich war es einfach ein natürlicher Schritt. Es passte einfach zusammen. Es war auch kein großer Schritt: die grundlegenden ethischen Lehren der Krishna-Bewegung praktizierte ich bereits. Es ging eher darum zu verstehen, worin die wirkliche Bedeutung liegt, Straight Edge zu sein. Was ist der Sinn von Straight Edge? Der Sinn ist es, deinen Kopf nicht mit Dingen zu füllen, die deine Fähigkeit zu denken einschränken. Gut. Aber daraus musst du auch Nutzen ziehen – du musst denken! Straight Edge ist nur ein Mittel zum Zweck." (9) Kurz: Krishna als Straight Edge für Fortgeschrittene.

Cappo wurde in Indien klar, dass es nicht seine Berufung war, als Mönch zu leben; seine Berufung war es, die Botschaft Krishnas mit der Hilfe von Hardcore zu verbreiten. Daraus machte er keinen Hehl: "Es ist leicht, in der Hardcore-Szene Botschaften zu verbreiten, weil die Szene bereits eine enge, zusammengeschweißte Gemeinschaft ist. Und Krishna ist eine nette Botschaft." (10)

Der charismatische Straight-Edge-Guru früherer Tage spielte auch seine Rolle als Krishna-Guru gut. An Selbstvertrauen mangelte es ihm nicht: "Jede kritische Frage, die mir jemals zu Krishna gestellt wurde, habe ich anderen Krishna-AnhängerInnen schon längst selbst gestellt. Die Phase des Alles-in-Frage-Stellens habe ich hinter mehr." (11)

An kritischen Fragen aus der Punk/Hardcore-Szene mangelte es nicht. Ein "Inside Ray Cappo and the Krishnas" betitelter Maximumrocknroll-Beitrag in der Dezember-Nummer des Jahres 1989 sollte das Verhältnis von Cappo zu dem größten US-amerikanischen Punk-Zine für immer trüben. Doch davon ließ Cappo sich nicht beirren. Er gründete die Band Shelter – in der später auch Porcell spielte – und gemeinsam mit Steve Reddy das Label Equal Vision, das sich umgehend als wichtigstes Outlet des Krishnacore behauptete.

Bekannte frühe Krishnacore-Bands neben Shelter waren Refuse to Fall, Prema und vor allem 108, benannt nach den 108 Perlen der Mala, der Gebetskette, die den Krishna-AnhängerInnen das Zählen ihrer Mantras erleichtert. Auch ein Equal-Vision-Release der Punk-Legende Poly Styrene war geplant, da die ehemalige X-Ray-Spex-Sängerin schon seit Anfang der 1980er Jahre in Krishna-Gemeinschaften in Großbritannien lebte. Doch dazu kam es nicht.

Ungeachtet dessen wurde Krishnacore immer einflussreicher. Zack de la Rocha, später als Sänger von Rage Against the Machine weltberühmt, sang beispielsweise Anfang der 1990er Jahre für die Krishna-inspirierte Band Inside Out, deren bekannteste Platte den bezeichnenden Titel No Spiritual Surrender trug. Der Gitarrist der Band war Vic DiCara a.k.a. Vraja Kishor Das. DiCara spielte später in Shelter, war Mitbegründer von 108 und ist heute renommierter vedischer Astrologe. Die wunderbare Welt Krishnas wurde auch in Zines wie Krishna Grrrl, War on Illusion und anderen gepriesen.

1995 veröffentlichten Shelter ihr Album Mantra auf dem kommerziellen Roadrunner-Label und verkauften 200.000 Stück. Auch andere Krishnacore-Bands kamen bei größeren Labels unter, etwa Baby Gopal, deren gleichnamiges Album 1996 von Victory herausgebracht wurde. Vic DiCara erinnert sich an diese Periode: "Praktisch jedes Hardcore-Kid war irgendwann einmal in einem Krishna-Tempel oder hatte zumindest einen guten Freund, der dort gewesen war." (12) Die Bedeutung der Krishna-Bewegung für die Hardcore-Szene der 1990er Jahre wird auch in dem von Brian Peterson herausgegebenen Buch Burning Fight: The Nineties Hardcore Revolution in Ethics, Politics, Spirit, and Sound bestätigt. Peterson, der auf beinahe 500 Seiten eine beeindruckende Auswahl an Stimmen zur Hardcore-Szene der 1990er Jahre dokumentiert, widmet eines seiner vier Kapitel ("Spirituality") beinahe ausschließlich Krishnacore.

Der harte Kern der Krishnacore-Szene war beinahe im wahrsten Sinne des Wortes eine kleine Familie. So handelte es sich bei der Baby-Gopal-Sängerin Kim Shopav a.k.a. Sri Kesava um Ray Cappos Frau. Zum Sexleben des Paares äußerte sich Cappo wie folgt: "Sex ist dasselbe wie der Versuch, ein Feuer mit Öl zu löschen." (13) Womit wir bei einem Grundpfeiler der Krishna-Lehre wären, der für diesen Band von besonderer Bedeutung ist: die Unsittlichkeit des Fleisches.

Spirit vs. Matter

Die Trennung zwischen Geist und Materie ist im Krishna-Weltbild zentral. Die Bhagavad-Gītā, das wichtigste Buch der Bewegung, bestätigt dies an zahlreichen Stellen. Als Beispiel mag der Vers 5.22 dienen: "Ein intelligenter Mensch schöpft nicht aus den Quellen des Leids, die aus der Berührung mit den materiellen Sinnen entstehen … solche Freuden haben einen Anfang und ein Ende, und daher erfreut sich der Weise nicht an ihnen." (14) Praphubāda erläutert diesen Vers folgendermaßen: "Deshalb verspüren diejenigen, die wahre yogīs oder gelehrte Transzendentalisten sind, keinerlei Anziehung zu Sinnenfreuden, die die Ursachen fortgesetzten materiellen Daseins sind. Je mehr man an materiellen Freuden hängt, desto mehr ist man von materiellen Leiden gefangen." (15) In seiner Erläuterung zu Vers 4.26 schreibt Praphubāda: "Sexualität, Berauschung und das Essen von Fleisch sind allgemeine Tendenzen der menschlichen Gesellschaft, doch ein regulierter Haushälter gibt sich nicht einem zügellosen Geschlechtsleben und anderen Sinnesfreuden hin." (16) Die Verurteilung des Fleischlichen wird noch deutlicher in der Erläuterung zu Vers 16.10: "Solche dämonischen Menschen fühlen sich nur zu Wein, Frauen, Glücksspiel und Fleischessen hingezogen; das sind ihre aśuci, unsauberen Gewohnheiten." (17)

Die letzte Bemerkung ist aufschlussreich, was den Vegetarismus der Krishna-Bewegung betrifft. Dieser hat zum einen mit dem Vermeiden von Leid zu tun, das geschlachteten Tieren zukommt. Zum anderen geht es jedoch darum, das Leid, das zwangsläufig in der Fleischlichkeit bzw. dem fehlenden Bewusstsein tierischer Existenz liegt, nicht auf sich selbst zu übertragen. So schreibt Praphubāda als Erläuterung zu Vers 14.16 der Bhagavad-Gītā: "Tierisches Leben ist immer leidvoll, obwohl Tiere dies im Bann der illusionierenden Energie, māyā, nicht verstehen." (18)

Werden die Lehren Praphubādas in Krishnacore-Sprache übersetzt, klingt das beispielsweise so: "Du kannst deine Religion ändern, aber nicht die Tatsache, dass du Geist bist. … Du bist eine lebendes Wesen, das einen Körper bewohnt." (19) Oder: "Die Lehre der Reinkarnation hat mir klar gemacht, dass ich kein Körper bin. Das ist ein riesiger Schritt." (20) Die Erklärung, die für diese Schlussfolgerung angeboten wird, überrascht angesichts des hartnäckigen Beharrens auf die unfehlbare "Logik" der Lehre Krishnas: "Ich weiß, dass ich einen Körper habe, weil ich ihn analysiere, seit ich ein Kind bin. Und ich habe gesehen, wie er sich verändert, also kann ich nicht dieser Körper sein." (21)

Krishna-AnhängerInnen lieben nicht nur Logik, die außer ihnen niemand versteht, sondern auch tiefschürfende Allegorien. So schrieb Eric Dailey a.k.a. Ekendra Dasa, der früher in Shelter spielte und Krishna auch noch heute als Musiker dient, im September 2011 auf dem Blog der International Bhakti Yoga Society: "Grundlegende Eigenschaften des Geistes sind: Ewigkeit, Bewusstsein, Zufriedenheit und Glück. Grundlegende Eigenschaften der Materie sind: Vergänglichkeit, Unbewusstsein, Abhängigkeit von äußeren Einflüssen. … Mein Körper besteht aus biologisch abbaubarem Zeugs, das wir 'Materie' nennen. Er kam zu einem bestimmten Zeitpunkt in diese Welt und wird wieder aus ihr verschwinden. Wenn ich mich nicht bewege, bewegt er sich auch nicht. Seine Existenz ist von allen möglichen physischen Bedingungen abhängig (Nahrung, Umwelteinflüssen usw.). … Das aktive Prinzip in jedem Lebewesen, seine Essenz, ist der Geist. Ohne den Geist ist die Materie bedeutungslos. Sie ist Zeugs. … Der Geist verhält sich zur Materie wie der Chauffeur zum Auto: Auto ohne Chauffeur = geparktes Auto." (22)

In den 1990er Jahren wurde mir von Krishna-AnhängerInnen immer wieder erklärt, dass eine Trommel nur tote Materie sei und von sich aus keinen Ton erzeugen könne. Dazu bedürfe es eines Menschen, das heißt eines Geistes, der auf sie schlägt. Ich versuchte jedes Mal einzuwenden, dass auch ein Mensch bzw. ein Geist keinen Trommelton erzeugen kann, wenn es keine Trommel gibt, vermochte damit jedoch nie zu punkten. Schon damals schien sich meine Logik mit jener Krishnas nicht zu vertragen.

Die Geringschätzung der Materie/des Körpers/des Fleisches seitens der Krishna-Gemeinde wurde oft besonders deutlich zum Ausdruck gebracht; etwa in Norman Brannons populärem Zine Anti-Matter oder in dem Shelter-Song "I'm Not The Flesh": "Yes, yes, I'm convinced we're not this flesh, can you hear what I'm sayin'? Yes, yes, I'm convinced I'm not this flesh, can you hear me!?"

Die Materie-, Körper- und Fleischfeindlichkeit der Krishna-Bewegung ist zwangsläufig auch eine Weltfeindlichkeit. Die Sehnsucht nach spiritueller Reinheit wird umso größer, je deutlicher die Unvollkommenheit der materiellen Welt ist. Ray Cappo meint, dass wir uns zwangsläufig nach einer anderen Sphäre des Seins sehnen müssen, da "es keinen Frieden in dieser Welt geben kann: irgendwer tritt immer auf irgendjemanden anderen, um existieren zu können, das ist einfach so." (23) Bezeichnenderweise trug ein Artikel zu Cappos Yoga- und Jiu-Jitsu-Training, erschienen in der Februar-2010-Ausgabe der Kampfsportzeitschrift Fight!, den Titel: "Disengage: Ray Cappo Is In the World But Not Of It".

Dass dies eine der Konsequenzen der Krishna-Bewegung ist, sagt viel über ihre ideologischen Grundlagen aus. Die meisten der frühen AnhängerInnen – und dazu zählen auch die Leute aus der Hardcore-Szene – begannen sich aufgrund eines Unbehagens an materialistischer Konsumkultur für ISKCON zu interessieren. An einem solchen Unbehagen liegt nichts Falsches, solange es zu einer Kritik an Verdinglichung und Entfremdung sowie zu einem Bemühen um solidarische Lebensformen führt. Der letztere Aspekt fehlt der Krishna-Bewegung auch nicht, was sich etwa in dem Aufbau von Tempelgemeinschaften und Landkommunen ausdrückt. Aufgrund des strengen ideologischen Überbaus werden diese Ansätze jedoch reaktionär kanalisiert und können keine progressive Kraft entfalten. Die Krishna-Bewegung wird somit zum Paradebeispiel einer konsumkritischen Bewegung, die eine Antwort auf die Probleme ihrer Zeit in einem Zurück statt in einem Vorwärts sucht. Die Kritik am Materialismus wird nicht als Kritik an der Warenzirkulation artikuliert, sondern als Kritik am Körper, am Fleisch, an der Lust, und schließlich an der Welt ganz allgemein.

Wiederum sind die Parallelen zur Straight-Edge-Bewegung deutlich – allerdings mit dem Unterschied, dass Straight Edge angesichts eines fehlenden Gurus nach wie vor genug Freiraum bietet, um auch nicht-ideologische Interpretationen und progressive Ausdrucksformen zuzulassen.

Die verschiedenen Gesichter von Straight Edge

Die Trennlinie, die zwischen der progressiv-persönlichen Straight-Edge-Interpretation von Ian MacKaye und der reaktionär-ideologischen von Youth of Today liegt, teilt die Straight-Edge-Bewegung grob in zwei Lager. Die Trennlinie ist dabei nicht das Politische. Wir wissen, dass auch das Persönliche politisch ist und individuelle Lebensweisen Auswirkungen auf unsere soziale und ökologische Umwelt haben. Wenn der Entschluss, Straight Edge zu leben, dem Gefühl entstammt, als Straight-EdgerIn bewusster und verantwortlicher handeln zu können, dann ist das ein politischer Entschluss, auch wenn er ein persönlicher bleibt. Ideologisch wird er in dem Augenblick, in dem der eigenen Lebensweise mit Bezugnahme auf ein höheres Gut besonderer Wert zugeschrieben wird. Im Falle von Straight Edge erfordert dies zwangsläufig einen Verweis auf religiöse – oder quasi-religiöse – Reinheitsgebote: Drogenkonsum kann nur dann universell verurteilt werden, wenn es etwas universell Wertvolles gibt (die Reinheit des Geistes und/oder Körpers), das vor etwas universell Schädlichem (dem "Gift" der Drogen) zu bewahren ist. Es ist daher kein Zufall, wenn alle ideologischen Straight-Edge-Interpretationen ihre Drogenablehnung an Konzepte geistiger und/oder körperlicher Gesundheit koppeln. Hier gibt es keine Ausnahmen, ob es sich nun um christliche, muslimische und hinduistische Straight-EdgerInnen handelt oder um säkulare Vitalitätsapostel. (Natürlich lässt sich auch einfach das Persönliche ideologisieren, frei nach dem Motto "Du musst gut finden, was ich gut finde" – doch mit dieser Form von Dumpfbacken-Straight-Edge will ich mich in diesem Artikel nicht länger aufhalten.)

Für den Gesundheitsfetisch, der mit ideologischen Straight-Edge-Auffassungen einhergeht, gibt es scheinbar widersprüchliche Erklärungsstrategien. So besteht einerseits ein positiver, "materialistischer" Bezug zur Körperlichkeit, der den eigenen Körper als Teil des Selbst zu beschützen sucht. Andererseits wird im Rahmen eines negativen, "idealistischen" Bezugs zur Körperlichkeit beabsichtigt, den eigenen Körper als temporäre Heimat des Geistes wenigstens so rein wie möglich zu halten. Das Resultat ist in beiden Fällen das Gleiche: in der Zelebrierung des narzisstischen Körperkults finden der "körperpositive" Straight-Edge-Wrestler CM Punk und der "körpernegative" Yogalehrer Ray Cappo problemlos zusammen. Auch der Exhibitionismus schwitzender, nackter Jungs im Moshpit passt tadellos ins Bild.

Nun ist weder an schwitzenden und nackten Jungs noch an Yoga etwas auszusetzen (bei Wrestling bin ich mir nicht so sicher), doch sobald sich menschliche Vollkommenheitsideale mit Disziplinierungsdoktrinen vermischen, lassen unweigerlich die Dead Kennedys und "California Über Alles" grüßen. Tatsächlich ist es schwer, die Krishna-Lehre, und damit auch den Krishnacore, von faschistoiden Dimensionen freizusprechen. Schließlich drücken sich diese innerhalb der Bewegung nicht nur in Körper- und Lustfeindlichkeit aus, sondern auch in konservativen Geschlechterrollen, Homophobie, hierarchischen Organisationsstrukturen und konspirationstheoretischen Phantasmen. Aufgrund der dogmatischen Interpretation der Bhagavad-Gītā und der Vergöttlichung Prabhubādas gibt es innerhalb der Krishna-Bewegung auch wenig Spielraum. Das ideologische Korsett ist für emanzipatorische Varianten schlicht zu eng.

In der Straight-Edge-Bewegung sieht das zum Glück anders aus. Dort ist es möglich, reaktionären Deutungen progressive gegenüberzustellen. Und das geschieht auch. Viele Straight-EdgerInnen kümmern sich nicht um Dogmen und Reinheitsgebote, sondern darum, ob es ihnen und anderen gut geht. JournalistInnen stürzen sich oft auf das ewig verlockende Thema des Sexes, doch wird hier gerne übertrieben. Zwar gibt es bis heute autoritätsbedürftige Straight-EdgerInnen, die trotz der unermüdlichen Proteste Ian MacKayes darauf bestehen, "Don't drink, don't smoke, don't fuck" als Regelwerk zu betrachten und die "wahre Bedeutung" dieser Textzeile zu erörtern, (24) doch handelt es sich dabei um eine möglicherweise laute, aber letztlich kleine Gruppe. Selbst das Thema Veganismus wird heißer gegessen, als es ist: es gibt immer noch Straight-EdgerInnen, die auch mal gerne ins (nicht-vegane) Schnitzel beißen.

Vielen Straight-EdgerInnen geht es in ihrem Verständnis von Straight Edge um wenig mehr als um subjektive Bestimmungen von Verlässlichkeit, Verantwortung, Empathie oder Unabhängigkeit. Wenn dabei auf bestimmte Substanzen verzichtet wird, dann aufgrund des Gefühls, dass einem diese Substanzen nicht gut tun. Das ist keine ideologische Selbstdisziplinierung, sondern Hausverstand. So hat es nichts mit Verzichtsideologie zu tun, sich den Genuss von Unkrautvertilgungsmittel zu versagen. Gut, es ist anzunehmen, dass Unkrautvertilgungsmittel nicht besonders gut schmeckt, aber vielen Straight-EdgerInnen schmeckt Bier auch nicht. Und wenn Menschen aus anderen Gründen kein Bier trinken, beispielsweise weil sie trockene AlkoholikerInnen sind, wird das Verzichtsideologieargument gar zynisch.

Auch das Argument der Lustfeindlichkeit greift in diesen Fällen nicht. Tatsächlich assoziieren zahlreiche Straight-EdgerInnen ihre Lebensweise mit einer Steigerung des Lustempfindens. So lässt sich am Ende dieses Abschnitts aus der etwas pathetischen, aber nichtsdestotrotz ausdrucksvollen CrimethInc.-Broschüre Wasted Indeed: Anarchy and Alcohol zitieren:

"Versteht uns nicht falsch: wir sind nicht gegen Genuss, sondern dafür. Ambrose Bierce hat den Asketen wie folgt definiert: 'eine schwache Person, die der Versuchung nachgibt, sich selbst Lust zu verweigern'. Wir stimmen dem zu! Charles Baudelaire folgend können wir sagen: du musst immer high sein – alles hängt davon ab! Wir sind nicht gegen Rausch, sondern gegen Alkohol. Diejenigen, die auf den Konsum von Alkohol angewiesen sind, um sich in einen Rauschzustand zu versetzen, bringen sich um den wirklichen Zauber dieses Zustandes. … Wir wollen Ekstase in jedem Moment, nicht als einen die Leber zerstörenden 'alcoholiday'. … Brennt die Schnapsläden nieder und ersetzt sie mit Spielplätzen! Für Bacchanale bei klarem Verstand, für ekstatische Nüchternheit!" (25)

Schlusswort

ISKCON erlebte nach dem (körperlichen) Tod Prabhupādas eine turbulente Geschichte. Einige der Gurus, die im Rahmen der von ihm eingesetzten Governing Body Commission (GBC) die Administration weiterführten, wurden des sexuellen Missbrauchs, der Geldwäsche und des Drogenhandels angeklagt. Aus den eigenen Reihen hagelte es Vorwürfe der Korruption und Heuchelei.

Mittlerweile existiert mit dem ISKCON Revival Movement (IRM) eine innere Opposition, die eine strenge Rückbesinnung auf Prabhupāda fordert; der Name ihrer Zeitschrift ist Programm: Back to Prabhupāda. John Joseph ist einer der Hardcore-Veteranen, die sich im IRM engagieren. Andere halten sich von den institutionellen Streitigkeiten fern, leben jedoch nach wie vor im Sinne Krishnas.

Krishnacore hat viel von der Bedeutung, die er in den 1990er Jahren innehatte, verloren, ist aber nicht ausgestorben. Bands wie Foose in den USA, Traces of You in Italien, Argot in Kolumbien oder Mihara auf den Philippinen setzen die Tradition in der ein oder anderen Weise fort. Websites wie krishnacore.blogspot.com oder www.krishnacore.net dokumentieren die Geschichte. Equal Vision, das heute einen breiten Hardcore-Katalog anbietet, hat mit Mantralogy ein Tochterlabel für Krishnamusik aller Art gegründet. Auch das Hardcore-Reunion-Phänomen ist am Krishnacore nicht vorbeigegangen. So spielen 108 seit ein paar Jahren wieder zusammen, auch wenn sich die Wiedervereinigung aufgrund des in seinen Überzeugungen schwächelnden Sängers Rob Fish a.k.a. Rasaraja Dasa nicht immer einfach gestaltet hat. (26)

Musikalisch am gewagtesten sind vielleicht die Versuche von Ekendra Dasa, Krishna gemeinsam mit dem Planet Cow Orchestra und einer Mischung aus Country und Psychobilly unter die Leute zu bringen. Die Albumtitel God Project und 200 Proof Absolute Truth sprechen für sich. Inhaltlich gibt es freilich keine Unterschiede zu anderen MusikerInnen im Dienste der perfektesten aller göttlichen Inkarnationen. So erklärt Ekendra Das den Song "Maggot Poo Poo" (also in etwa: "Madenscheiße") auf seiner Website wie folgt: "Solange das Selbst/der Geist/die Seele in unserem Körper weilt, sind wir auf diesen fixiert und eitel. Aber wenn das alles vorbei ist, werden wir nur sagen: 'Weg mit ihm! Er stinkt!'." (27)

In diesem Sinne…

Gabriel Kuhn
(März 2012)

(1) "On the Real with Harley Flanagan", www.cromags.com/interviews.html (10.03.2012). Alle Übersetzungen von Gabriel Kuhn.
(2) Steve Reddy, in: Brian Peterson (Hg.), Burning Fight: The Nineties Hardcore Revolution in Ethics, Politics, Spirit, and Sound (Huntington Beach: Revelation, 2009), S. 115.
(3) Ian MacKaye, in: Gabriel Kuhn (Hg.), Sober Living for the Revolution: Hardcore Punk, Straight Edge, and Radical Politics (Oakland: PM Press, 2010), S. 33.
(4) Porcell, in: Beth Lahickey (Hg.), All Ages: Reflections on Straight Edge (Huntington Beach: Revelation, 1997), S. 130.
(5) Porcell, in: Robert T. Wood, Straightedge Youth: Complexity and Contradictions of a Subculture (Syracuse: Syracuse University Press, 2006), S. 118.
(6) Porcell, in: Lahickey, All Ages, S. 132.
(7) Porcell, in Wood, Straightedge Youth, S. 133.
(8) "Ray Cappo Explains Straight Edge", bestoftimesoc.blogspot.com/2009/11/ray-cappo-explains-straight-edge.html (10.03.2012)
(9) Porcell, in Wood, Straightedge Youth, S. 137.
(10) Zitiert nach Erik Davis: "Krishnacore", in: Spin Magazine, August 1995, S. 73.
(11) Ray Cappo, in: Peterson, Burning Fight, S. 111.
(12) Vic DiCara, in: Peterson, Burning Fight, S. 149.
(13) Zitiert nach Davis, "Krishnacore", erweiterte Online-Version, www.techgnosis.com/index_hare.html (10.03.2002)
(14) Bhagavad-Gītā wie sie ist mit Erläuterungen von His Divine Grace A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda (The Bhaktivedanta Book Trust: o.O., 1983), S. 126.
(15) Ebd, S. 127.
(16) Ebd, S. 109.
(17) Ebd, S. 301.
(18) Ebd, S. 278.
(19) Ray Cappo, in: Peterson, Burning Fight, S. 113.
(20) Ebd, S. 114.
(21) Ebd, S. 114.
(22) Ekendra Dasa: "What's the difference between spirit and matter?", ibys4life.wordpress.com/2011/09/ (10.03.2012)
(23) Ray Cappo, in: Peterson, Burning Fight, S. 114.
(24) Der Minor-Threat-Song "Out of Step" enthielt die Textzeile "Don't drink, don't smoke, don't fuck, at least I can fucking think". Dies wird bis heute in manchen Kreisen als Grundlage der "drei Regeln" von Straight Edge betrachtet, obwohl MacKaye der zweiten Pressung des Songs sogar eine Erklärung hinzufügte, in der feststellte: "Listen, this is no set of rules. I'm not telling you what to do…"
(25) CrimethInc., Wasted Indeed: Anarchy and Alcohol, zahlreiche Ausgaben, hier zitiert nach: http://crimethinc.com/tools/downloads/pdfs/anarchy_and_alcohol_reading.pdf (10.03.2012)
(26) Siehe z.B. "108 singer quits, band breaks up", lambgoat.com/news/view.aspx?id=14196 (10.03.2012)
(27) "Maggot Poo Poo", ekendradasa.com/maggot-poo-poo/ (10.03.2012)