Rezension von
Oskar Lubin, Triple A: Anarchismus, Aktivismus, Allianzen. Kleine Streitschrift für ein Upgrading (Münster: edition assemblage, 2013)

Oskar Lubin beabsichtigt mit seinem "Manifest", einen Beitrag zur Bekämpfung dessen zu leisten, was er die "Schwäche des Gegenwartsanarchismus" nennt. Neben "anarchistischen und linken Kreisen mit libertären Sympathien" soll der Text Menschen ansprechen, denen "manches im Anarchismus bisher zu simpel oder zu eindimensional erschien". (91f.)

Einige Auffassungen Lubins teile ich durchaus. So könnte etwa die Überschrift des ersten Kapitels, "Moralisch integer, aber strategisch die totale Niete", treffender nicht sein, der "Widerspruch zwischen Minderheitenpraxis und Mehrheitenanspruch" (37) wird einprägsam skizziert, und ich stimme der vielleicht kontroversesten These des Buches zu, nämlich dass Anarchismus als Herrschaftskritik nicht primär Staatskritik heißen muss, zumindest nicht in Zeiten eines Neoliberalismus, in dem Staatskritik zunehmend zu einem Steckenpferd der extremen Rechten wird und staatliche Institutionen manchmal ein letztes Bollwerk gegen noch bedrohlichere Herrschaftsformen darstellen. Lubin verweist in diesem Zusammenhang erwartungsgemäß auf Noam Chomsky, der solche Thesen bereits in den 1990er Jahren vertreten hat. Das brachte Chomsky zwar Schelte und Exkommunikation seitens vieler Anarchist*innen bei, bleibt als Feststellung jedoch überzeugend.

Manchmal freilich scheint mir Lubin das Kind mit dem Bade auszuschütten. Den Anarchismus als "alt und schwach" abzuqualifizieren (6), tut der Vielfalt und Lebendigkeit seiner gegenwärtigen Ansätze unrecht und übersieht außerdem, dass es in den letzten Jahren durchaus auch theoretische Innovationen gegeben hat. So bin ich nicht der Ansicht, dass die "Repressionshypothese" der Macht (43), der Glaube, "dass der Mensch prinzipiell gut ist" (43), oder ein starrköpfiges Festhalten am "einheitlich-universellen Subjekt der Aufklärung" (47) nach wie vor kennzeichnend für den Anarchismus sind. Auch die von Lubin eingeforderte Frage: "Warum dienen [die Menschen] sich der Herrschaft an, warum ist Herrschaft so stabil?" (15) wurde in den letzten Jahren immer wieder gestellt, nicht zuletzt bei postanarchistischen Autoren, auf die in Lubins Buch des Öfteren verwiesen wird – und für Gustav Landauer war diese Frage bereits vor hundert Jahren hochaktuell. [1]

Es ist nicht unbedingt glücklich, dass Lubins Analyse stark von einem Fokus auf David Graeber geprägt ist. Dieser Fokus mag angesichts der medialen Präsenz Gräbers verständlich sein, doch die Tatsache, dass Graeber heute das prominenteste Gesicht des Anarchismus ist, bedeutet nicht zwangsläufig, dass seine Positionen den gegenwärtigen Anarchismus repräsentieren. Ein Blick in Online-Anarchismus-Foren genügt, um festzustellen, wie sehr sich viele zeitgenössische Anarchist*innen von Graeber abzugrenzen bemühen.

Besonders heikel werden Lubins Einschätzungen bei der Behauptung, dass die "Anarchismusforschung … im deutschsprachigen Raum im Gegensatz zu anderen Sprachregionen so unterentwickelt, ja kaum vorhanden ist" (91). Das ist nicht nur falsch, sondern auch respektlos. Die in jüngerer Zeit zur Geschichte des Anarchosyndikalismus vorgelegten Studien mehrerer (zum Teil leider miteinander im Clinch liegender) Anarchismus-Historiker, die Arbeiten zu Michael Bakunin von Wolfgang Eckhardt oder zu Gustav Landauer von Siegbert Wolf sowie Lou Marins Publikationen zum gewaltfreien Anarchismus sind nur einige der Beispiele, mit denen sich die deutschsprachige Anarchismusforschung international keineswegs zu verstecken braucht. Aber gut, Anarchismusforschung ist nicht das zentrale Thema von Triple A, sondern dieses ist die Frage, wie der Anarchismus die vom Autor erhoffte "Aufwertung" erfahren kann (7).

Hier scheint Lubin von ein paar Tatsachen auszugehen, die ihm vielleicht nur als solche erscheinen, weil er bestimmten Aspekten gegenwärtiger anarchistischer Kultur zu wenig Beachtung schenkt. Er meint sogar, dass "man heute eigentlich konstatieren muss: Es gibt keine anarchistische Bewegung" (29). Nun ist es natürlich eine große Frage, was eine "Bewegung" ausmacht, aber wenn wir darunter eine Gemeinschaft politisch aktiver Menschen begreifen, die ihre Arbeit auf gemeinsame Werte und Prinzipien stützen, diese benennen, und in dieser Benennung solidarisch zueinander finden, dann gibt es natürlich eine anarchistische Bewegung. Wer dafür empirische Belege braucht, hätte einen solchen beispielsweise im vorigen Jahr anlässlich des großen Anarchismustreffens in St. Imier in der Schweiz finden können, wo immerhin mehrere tausend Anarchist*innen aus allen Erdteilen zusammenkamen. Dieses Ereignis ist Lubin keiner Aufmerksamkeit wert, ebenso wenig wie die Tatsache, dass dieses Treffen ein erstaunliches Medienecho hervorgerufen hat, und zwar weit über linke Kreise hinaus. Stattdessen nimmt Lubin den Umstand, dass sich die Medien im Jahr 2011 zum 75jährigen Jubiläum der Spanischen Revolution ausschwiegen, als Beleg dafür, dass sich "die Schwäche des Gegenwartsanarchismus auch auf geschichtspolitischer Ebene manifestiert" (92). Das scheint mir etwas an den Haaren herbeigezogen. Nun einmal ehrlich: Warum soll die Tatsache, dass sich deutsche Feuilletons anlässlich eines solchen Jubiläums nicht mit Artikeln zum Anarchismus füllen, eine Schwäche der Bewegung belegen?

Ich teile auch nicht Lubins Meinung, dass "die große Vielfalt anarchistischer Praktiken und Theorieansätze … den Politiken der Gegenwart hinterherzuhinken [scheint]", oder dass "anarchistische Ansätze in den Medien, den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und/oder den sozialen Bewegungen nicht gerade eine Hochkonjunktur erfahren" (6f). Hochkonjunktur hin oder her, gerade was soziale Bewegungen betrifft – Ökobewegungen, Bewegungen für die Commons, Bewegungen für offene Grenzen –, sind grundlegend anarchistische Werte wie Horizontalität, Repräsentationskritik oder Selbstverwaltung ausgesprochen weit verbreitet und werden oft auch als spezifisch anarchistische Werte anerkannt. Dies gilt in Slowenien ebenso wie in Brasilien oder Japan. Die entscheidende Frage ist eher, warum diese relativ starke Präsenz des Anarchismus keine stärkere Bedrohung für den ökonomischen und politischen Status quo ausmacht.

Wobei: auch hier sollten wir nicht zu vorschnell urteilen. Der gesellschaftliche Einfluss des Anarchismus ist seit jeher zum größten Teil unsichtbar. Nachdem der Anarchismus seit seinen Anfangszeiten im gesellschaftlichen Bewusstsein negativ bestimmt ist, sind seine gesellschaftlichen Spuren oft schwer nachzuvollziehen, weil sie nie als solche deklariert werden. Gleichzeitig wissen wir, dass am Anfang von heute so selbstverständlichen Rechten wie dem Acht-Stunden-Arbeitstag, der juridischen Emanzipation der Frau* oder der Pressefreiheit marginalisierte anarchistische Initiativen eine sehr wichtige Rolle spielten. Ein weiteres Beispiel stellen die heute vielfach in der Mitte der Gesellschaft angekommenen veganen Ernährungsvorstellungen dar, die noch vor zwanzig Jahren fast ausschließlich von anarchistischen (und anderen) Randgruppen vertreten wurden. Der Anarchismus ist gesellschaftlich relevant. Es gelingt ihm nur nicht, das Herz von Staat und Kapital zu treffen. Ich denke, es bedarf dieser Differenzierung in unserer Analyse, um die Mängel des Anarchismus präzise herauszuarbeiten und – womöglich – zu beheben.

Lubin spricht einem "Postanarchismus" das Wort. Warum ich das Label des Postanarchismus für problematisch halte, habe ich an anderem Ort ausgeführt. [2] Zu betonen ist allerdings, dass Lubin eine Definition des Postanarchismus anbietet, die sich von Definitionen bekannter Postanarchisten wie Saul Newman, Todd May oder Jürgen Mümken unterscheidet: "Die (post-)anarchistische Reflexion noch mal zusammengefasst: Sich einzugestehen, dass anarchistische Positionen erstens keine organische Verankerung in der Bevölkerung haben, also Minderheitenpositionen sind und auf absehbare Zeit bleiben werden, ist ebenso wichtig wie die Einsicht, dass zweitens auch die eigene Geschichte der libertären Bewegungen vor Regulierungen nur so strotzt und sich an diese in der gegenwärtigen Situation anknüpfen ließe – statt auf 'Entfaltung' und den freien 'Tu was Du willst'-Willen zu setzen. Die Folgerungsoptionen sind vielfältig, hier lauten sie: Rein in die Kräfteverhältnisse!" (90)

Was dieses "Rein in die Kräfteverhältnisse!" betrifft, wird Lubin am konkretesten mit seinen Vorschlägen zu einer anarchistischen Bündnispolitik bzw. mit seinem "Aufruf … zur strategischen und Spektren übergreifenden Kooperation" (67). Er verdeutlicht dies so: "Die anarchistischen Kämpfe müssten sich, um die Pervertierung ihrer Anliegen zu verhindern und um das gesellschaftliche Spiel nicht den Neoliberalen, Rassist*innen und Klerikal- sowie Neokonservativen zu überlassen, an Allianzen ausrichten." (83)

Als realpolitischen bzw. aktivistischen Ansatz halte ich das durchaus für sympathisch. Doch stellt sich tatsächlich die Frage, ob dies letztlich nicht schlicht und einfach auf eine Aufgabe des revolutionären Anspruchs des Anarchismus hinausläuft. Lubin stellt sich unter anderem Folgendes vor: "...solange, bis die Abschaffung der Staatlichkeit nicht in greifbare Nähe rückt, mit Pro Asyl gegen die restriktive Flüchtlingspolitik und für konkrete Verbesserungen für Asylsuchende zu streiten; solange, bis der militärisch-industrielle Komplex nicht besiegt ist, mit medico international und Südwind für linke Positionen in der so genannten Entwicklungszusammenarbeit kämpfen; Umweltstandards einfordern gemeinsam mit Robin Wood, BI Lüchow-Dannenberg und anderen NGOs, auch wenn deren Rolle in der internationalen Politik mittlerweile häufig selbst als verlängerte Staatlichkeit statt als oppositionell oder gar rebellisch bezeichnet werden muss; solange es noch staatliche Universitäten gibt, diese mit Zusammenschlüssen wie der von allerlei neomarxistischen Intellektuellen geprägten Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG) als Raum alternativer Wissensproduktion verteidigen; und solange das Parteiensystem besteht, eben trotz Stasi-Vergangenheit vieler Führungskader die Zusammenarbeit mit der Partei Die Linke suchen, wenn es um die Abschaffung von Hartz IV und anderer neoliberaler Zumutungen oder um die Durchsetzung der Vermögenssteuer geht." (88)

Der Schlüsselbegriff in diesem Szenarium ist wohl das unschuldige Wörtchen "solange". Werden sich diese Bedingungen für uns je wirklich ändern? Wird unter diesen Voraussetzungen der revolutionäre Aspekt des Anarchismus nicht zur reinen Utopie, soll heißen: nicht zu einer Utopie im Sinne einer leuchtenden, Mut und Kraft spendenden Idee am Ende des revolutionären Horizonts, sondern im Sinne des schlicht und einfach Nie-Realisierbaren? Dies ist eine Charakterisierung des Anarchismus, die im Übrigen auch dessen früheste marxistische Kritiker bestätigen würde.

Lubin selbst schreibt: "Anarchistische Positionen sind notwendig, damit ein radikal Anderes denkbar bleiben kann und damit das Nicht-Einverständnis mit der Welt, so wie sie ist (nämlich ungerecht), einen utopischen Ausdruck findet." (71) Das sind schöne Worte, aber damit sie mehr sind als nur das, muss sich dieses radikal Andere zumindest ausschnittsweise als radikale Spitze in soziale Kämpfe einbringen – und das oft genug (wenn auch nicht immer) abseits von NGOs, Ein-Punkt-Interessenvertretungen oder Parteien. [3]

Es soll hier eine weitere anarchistische Initiative Erwähnung finden, mit der Lubin sich nicht auseinandersetzt, nämlich die Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen. Diese arbeitet bereits seit einigen Jahren daran, Bündnisansätze zu realisieren, ohne dabei jedoch ein deutliches anarchistisches Profil aufzugeben. Es ist dieser Balanceakt zwischen Bündnisfähigkeit und Integrität, die meines Erachtens die große Herausforderung für anarchistische Politik darstellt – und das nicht nur heute.

Zum Abschluss: Es gibt wenige anarchistische Texte, die explizit mit einem manifestartigen Anspruch auftreten. Das ist schade, denn solche Texte sind notwendig, um Grundsatzdebatten führen zu können. Es ist das große Verdienst Lubins, mit Triple A einen solchen Text vorgelegt zu haben. Unstimmigkeiten tragen dabei nur zur Fortsetzung der Debatten bei. Ich empfehle das Buch allen, die an diesen teilhaben wollen.

Gabriel Kuhn

(September 2013)

Anmerkungen

[1] Hier tut sich im Übrigen ein latenter Konflikt in der historischen Betrachtung des Anarchismus durch Lubin auf. Auf der einen Seite wird der traditionelle Anarchismus dem zeitgenössischen als positiv gegenübergestellt, etwa wenn Lubin den Verlust der "Massenbasis" beklagt (6), andererseits wirft er der anarchistischen Bewegung vor, traditionelle Glaubenssätze nicht abgelegt zu haben.

[2] Siehe die Aufsätze "Bakunin vs. Postanarchismus" und "Anarchismus, Postmodernismus und Poststrukturalismus" in Vielfalt, Bewegung, Widerstand: Texte zum Anarchismus (Unrast, 2009).

[3] Im Übrigen erachte ich es auch als Teil einer revolutionären Perspektive, an langfristige Allianzen zu denken, die sich an gemeinsamen Visionen vom Umsturz des staatlichen und kapitalistischen Systems orientieren. Ein "zeitlich begrenztes, punktuelles Zusammenarbeiten" (89), wie Lubin es vorschlägt, läuft zusätzlich Gefahr, diese Perspektive aus den Augen zu verlieren.