Vom Staatsfeind zum Feind des Staates
Robert Saleem Holbrook

Als Kind ging ich oft an dem alten Gefängnis an der Fairmount Avenue in Nord-Philadelphia vorbei. Ich starrte beeindruckt auf die Mauern und Befestigungsanlagen, die hoch in den Himmel ragten. Naiv, wie ich als Kind war, stellte ich mir das Gefängnis als eine Burg aus den Tagen von Rittern und Königen vor. Manchmal versuchte ich, zusammen mit anderen Kindern die Mauern hochzuklettern, um zu sehen, wie es drinnen aussah. Wie ironisch ist es doch, dass ich inzwischen seit 18 Jahren versuche, die Mauern zahlreicher Gefängnisse zu überwinden, um das Draußen zu sehen. Ich lebe in Gefängnissen, seit ich 16 Jahre alt bin.

Ich habe viel Zeit in Isolationshaft verbracht. Ich saß oft in meiner Zelle und versuchte zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, mit Mitte 30 mehr als die Hälfte meines Lebens im Gefängnis verbracht zu haben und womöglich auch den Rest meines Lebens darin zu verbringen. Während der drei Jahre, die ich im Hochsicherheitsgefängnis von Greene einsaß, bot sich mir die Gelegenheit, jede einzelne der Lebensentscheidungen, die meiner Inhaftierung vorausgingen, durchzudenken. Es ist erstaunlich, auf welche persönlichen Entdeckungsreisen du dich machen kannst, wenn du sieben Tage in der Woche 23 Stunden lang eingesperrt bist.

Die wesentliche Entscheidung, die zu meiner Inhaftierung führte, fällte ich im Alter von 14 Jahren. Ich stand mit ein paar Freunden an einer Straßenecke und bewunderte das Auto eines älteren Typen aus der Nachbarschaft.

Er verkaufte Drogen und schien all das zu haben, was ich auch haben wollte: Frauen, schicke Kleider, Respekt. Erst Anfang 20 lernte ich zwischen meinen Wünschen und meinen Bedürfnissen zu unterscheiden. Zu jener Zeit war ich schlicht Teil der "wilden Jugend" und sah nichts anderes als die Vorteile des Drogenhandels. Ich machte dem Typen klar, wie toll ich sein Auto fand, und wir begannen, uns zu unterhalten. Wenig später verkaufte ich Drogen für ihn. Es war diese Entscheidung, zusammen mit ein paar anderen dummen Beschlüssen und unglücklichen Umständen, die zwei Jahre später zu dem Urteil Life Without Parole führten, also zu einer lebenslangen Haftstrafe ohne Möglichkeit auf Bewährung. Ich war angeklagt worden, bei einem Drogengeschäft, das in einem Mord endete, Schmiere gestanden zu haben. Es gab eine Zeit in diesem Land, in der Jugendlichen Fehler erlaubt wurden. Diese Zeit ist vorbei, außer für Leute wie George W. Bush, der seine frühere Kokainabhängigkeit mit den Worten entschuldigte, "jung und ein bisschen unverantwortlich" gewesen zu sein.

Ich hatte keine Ahnung, dass mich die Entscheidung, einer Gang beizutreten und Drogen zu verkaufen, nicht nur für andere Gangs und die Polizei zu einem Feind machte, sondern auch für die Regierung und ihren War on Drugs. Auf einmal war aus einem Jugendlichen ein Staatsfeind geworden. Als solcher wurde ich gebrandmarkt, weil die Regierung Feinde brauchte, um ihren "Krieg gegen die Drogen" zu rechtfertigen. Nur wenn sich die Bevölkerung vor jemandem fürchtete, ließen sich damit verbundenen Milliardenausgaben vor der Öffentlichkeit und dem Kongress legitimieren. Die Konsequenz war, dass die Regierung einem Teil ihrer Bevölkerung den Krieg erklärte, im Besonderen Jugendlichen of Color, sogenannten Gangbangers.

Nachdem ich als Staatsfeind gesehen wurde, war es dem Staat ein Leichtes, mich – genauso wie unzählige andere jugendliche Straftäter, die Teil der Auseinandersetzungen auf den Straßen waren – zu Life Without Parole zu verurteilen. Trotz unseres Alters waren wir schlicht Opfer, die im Kontext des War on Drugs in Kauf genommen wurden. Vom Zeitpunkt meiner Verhaftung an bis zu meiner Verurteilung war ich nichts anderes als eine statistische Größe in den Polizeiberichten, die den Medien, Politikern und Regierungsausschüssen vorgelegt wurden, um den vermeintlichen Sieg gegen die Gangs und Drogenbosse zu demonstrieren. Genauso wie die Zahlen der getöteten Feinde in Vietnam oder jetzt im Irak der öffentlichen Propaganda dienen, so tat dies meine Verhaftung. Sie sollte beweisen, dass ein Krieg gewonnen wurde und dass die Bösen unterlagen.

Anfangs akzeptierte ich das von der Regierung auferlegte Label des Staatsfeindes. Im Gefängnis entsprach ich den damit verbundenen Stereotypen. Ich passte mich an die harte Umgebung an und hatte keine anderen Interessen, als mir so gut wie möglich die kriminellen und rücksichtslosen Verhaltensweisen anzueignen, die die Gefängniskultur prägen und die kriminelle Identität der Insassen zementieren. Ich sah keinen Sinn darin, mich anders zu verhalten und mit den Stereotypen zu brechen. Ich stellte den Status quo nicht in Frage und mir war damals nicht bewusst, dass ich nur einem Drehbuch folgte, das die Regierung für das Leben junger Staatsfeinde geschrieben hatte.

Aufgrund der enormen Kontrolle des Gefängnisalltags folgt dieses Drehbuch einem einfachen Schema, sobald du einmal hinter Gittern bist: du lehnst dich auf, brichst die Regeln, wirst zur Strafe in die Isolationshaft geschickt, kommst zurück in den Normalvollzug, und das Ganze beginnt wieder von vorne. Auch als Häftlinge waren wir Staatsfeinde in den Augen der Gesellschaft. Die Wärter sahen es als ihre patriotische Pflicht an, uns einzusperren. Sie waren überzeugt davon, als Schutztruppe im War on Drugs eine wichtige Rolle zu spielen. Das US-amerikanische Rechtssystem – inklusive Polizei, Justiz und Strafwesen – beruht auf einem Kriegsmodell und die Jugendlichen of Color bzw. Gangbangers waren der Hauptfeind.

Nach ungefähr zehn Jahren entschied ich mich, einen anderen Weg einzuschlagen. Ich war 26 Jahre alt. Es war kein bestimmtes Ereignis, das dazu führte, sondern eine Mischung aus verschiedenen Erlebnissen, Erfahrungen und zunehmender Reife. Zum ersten Mal stellte ich mir die Frage, warum ein weißer Jugendliche, der bei einem Mord eine ähnliche Rolle gespielt hatte wie ich, zu Five to Ten Years verurteilt wurde, während ich Life Without Parole bekam. Ich fragte mich, warum der weiße Mann, der 1989 einem Freund von mir mit einem Montiereisen den Schädel zertrümmerte, nur zu einer fünfjährigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Ich hatte plötzlich eine Million solcher Fragen im Kopf. Ich konnte meinem Unterbewusstsein nicht mehr entfliehen, indem ich einfach dem Drehbuch folgte. Ich machte mich ans Lesen, um Antworten auf meine Fragen zu bekommen. Ich hatte während meiner Haftzeit immer gelesen, aber erst jetzt begann ich, das Lesen auch wirklich ernst zu nehmen. Je klarer mir die Ungerechtigkeit wurde, die mich umgab, desto wütender wurde ich. Die Wut richtete sich jedoch nicht mehr auf Jugendliche aus anderen Stadtvierteln oder auf irgendwelche Mitgefangenen, sondern auf den Staat, der mich gefangen hielt.

Als mir die Ungerechtigkeit des Rechtssystems und meiner Inhaftierung klar geworden waren, wurde es mir unmöglich, mich weiter an das Drehbuch zu halten. Es war mir aber auch unmöglich, einfach nur dazusitzen und das System zu verurteilen. Ich musste es, so gut ich das vom Gefängnis aus tun konnte, angreifen. So beschloss ich, mich in Kampagnen gegen das Gefängnissystem und den War on Drugs zu engagieren. Mein politisches Engagement war das Resultat einer widerständischen Perspektive. Der Staat und ich waren Gegner. Das Drehbuch, das er für mich geschrieben hatte, hatte ich aus dem Fenster geworfen. Ich sah daraufhin, wie das herrschende System reagiert, wenn seine Legitimität von denen in Frage gestellt wird, die es zu kontrollieren, marginalisieren und ignorieren versucht. Meine Veränderung brachte mich auf einen Kollisionskurs mit der Regierung. In den Augen der Gefängnisbehörden wurde ich von einem Tag auf den anderen von einem "Staatsfeind" zu einem "Feind des Staates".

Die Konsequenzen meines gewandelten persönlichen Bewusstseins waren weitreichend. Meine neue Charakterisierung stellte ein Musterbeispiel für die Kunst institutioneller Selbsterhaltung dar. Es war das Jahr 2001, in dem ich die Entscheidung traf, dem Drehbuch, nach dem mein Leben als Gefangener verlaufen sollte, nicht mehr zu folgen. Seither können mir keine Regelbrüche mehr vorgeworfen werden. Im Gegensatz dazu hatte ich zwischen 1990 und 2001 Dutzende Disziplinarverfahren, wurde aus sieben Gefängnissen geschmissen und zweimal aufgrund "unverbesserlichen Verhaltens" in Hochsicherheitstrakte gesperrt.

Normalerweise werden persönliche Veränderungen dieser Art von den Gefängnisbehörden belohnt. Doch nicht in meinem Fall. Das Verhalten, das ich nun an den Tag legte, bereitete den Behörden weit stärkere Kopfschmerzen als meine früheren Regelbrüche. Worin bestand das Problem? Darin, dass ich Kontakte mit Aktivist_innen draußen etablierte, um die Ungerechtigkeit des Systems anzuklagen, und dass ich Artikel und Broschüren verfasste, in denen diese Ungerechtigkeiten entblößt wurden. Am allerschlimmsten war die Tatsache, dass ich eine Perspektive auf Gefangene und Gefängnisse eröffnete, die dem offiziellen Bild von Gefangenen und der angeblichen Notwendigkeit von Gefängnissen widersprach. Ich erlaubte den Behörden nicht mehr, mich zu definieren, sondern ich definierte mich selbst. Ich erlaubte den Behörden auch nicht mehr, andere Gefangene zu definieren, sondern rückte die Sichtweisen der Gefangenen ins Zentrum. Schließlich stellte ich auch der Selbstdefinition der Behörden meine Definition gegenüber. Die Folge war, dass ich nicht mehr nach Lust und Laune als Gangbanger, Mörder oder Staatsfeind bezeichnen werden konnte, ohne dass mit einer öffentlichen Reaktion zu rechnen war.

Das Verhalten der Behörden machte deutlich, dass es undenkbar ist, gegen die Ungerechtigkeit und die Repression der Regierung zu protestieren, ohne Repressalien zu spüren, egal wo du dich befindest. Seit ein paar Jahren werde ich als High Risk Prisoner eingestuft, obwohl ich seit langer Zeit kein Disziplinarverfahren mehr hatte. Meine gesamte Korrespondenz wird überwacht, weil ich "radikale Überzeugungen" und Verbindungen zu "verdächtigen Publikationen" habe – das heißt, zu Publikationen, die den War on Drugs sowie den War on Terror kritisieren. Von 2002 bis 2003 wurde ich ohne Anklage für vierzehn Monate in Isolationshaft gesteckt, da mir Sympathien für die Terroristen vorgeworfen wurden, die die USA bekämpften. Der einzige Anhaltspunkt dafür war meine Kritik des institutionellen Rassismus.

Wie konnte mein politisches Engagement im Gefängnis mit dem War on Terror in Verbindung gebracht werden? Als ich einen Sicherheitsbeauftragten fragte, warum meine gesamte Korrespondenz überwacht wird, meinte er offen: "Seit 2001 leben wir in einer anderen Welt. Die Regierung, und damit auch die Gefängnisbehörden, müssen deine Aktivitäten im Auge behalten." Die Gefängnisbehörden gaben sich nicht damit zufrieden, an vorderster Front im War on Drugs zu stehen; sie wollten auch im War on Terror mitmischen. Das heißt, dass sie Aktivist_innen in den Gefängnissen, aber auch ihre Unterstützer_innen draußen seither immer stärker überwachen. Die Regierung verwendet den War on Terror dazu, alles zu unterdrücken, was sich außerhalb der "geduldeten Widerstandsformen" bewegt, also alles, was über ein Telefongespräch mit einem Parlamentarier oder über einen Brief an ein Lokalblatt hinausgeht. Menschen dürfen sich ausschimpfen, solange sie die Lage im Großen und Ganzen akzeptieren. Auf ähnliche Weise machen sich die Gefängnisbehörden den War on Terror zunutze: sie verwenden ihn zur Unterdrückung von Kritik und internem Widerstand.

Trotz der feindseligen Reaktion der Behörden war es auf jeden Fall wert, vom "Staatsfeind" zum "Feind des Staates" zu werden. Ich bedauere nur, die Verbindungen zwischen dem Drogenhandel und dem War on Terror nicht schon als Jugendlicher erkannt zu haben, bevor ich im Gefängnis landete. Das Leben besteht aus ständiger Veränderung und Grenzüberschreitung. Früher oder später machen wir alle einen Wandel durch, der bestimmt, wer wir wirklich sind, und vor allem, wer wir wirklich sein wollen. Die Konsequenzen dieser Entscheidung spielen in dem Moment, in dem wir sie treffen, keine Rolle. Das Einzige, was einen solchen Wandel verhindern kann, ist unsere Weigerung, ihn einzuleiten. Ich lasse mich auf jeden Fall nicht mehr vom Staat definieren, sondern ich wage es, dies selbst zu tun.

"Überall in der Welt können Männer und Frauen sich auflehnen. Jederzeit können sie sich die von der Resignation gewobenen und vom Zynismus grau gefärbten Kleider vom Leibe reißen. Alle Männer und Frauen, ungeachtet ihrer Herkunft und ihrer Sprache, können sagen: Ya Basta! Genug ist genug." (Subcommandante Marcos)

Mai 2008

Übersetzung: AAP