Rezension von
Robert Sommer, Poesie und Disziplin. Dieter Schrage und der unterirdische Strom der Anarchie (Wien: Mandelbaum, 2016)

Im November 2011 hätte Dieter Schrage in Wien auf einer Tagung deutschsprachiger Gestalttherapeut*innen zum Anarchismus sprechen sollen. Die Tagung war Paul Goodman gewidmet, der sowohl zur Gestalttherapie als auch zum Anarchismus wichtige Beiträge geleistet hatte. Dieter Schrage verstarb einige Monate vor dem Ereignis und ich wurde eingeladen, ihn zu ersetzen. Es war keine leichte, aber eine ehrenhafte Aufgabe. Ich hatte viel von Dieter Schrage gehört, ihn aber als Westösterreicher, der das Land vor über 20 Jahren verlassen hat, nie getroffen.

In der Reihe »kritik & utopie« des Mandelbaum Verlags ist nun ein Buch über Dieter Schrage erschienen. Es trägt den Titel Poesie und Disziplin. Dieter Schrage und der unterirdische Strom der Anarchie und wurde verfasst von Robert Sommer, langjähriger Redakteur der Volksstimme und Mitbegründer der Straßenzeitung Augustin, die mir bei jedem meiner (spärlichen) Wien-Besuche in die Hände fällt.

Sommer stellt klar, dass es sich bei seinem Buch »verbietet, von einem biografischen Projekt zu reden« (S. 9). Stattdessen konzentriert er sich auf Schrages politischen Werdegang, der ihn von »halbstarken« Kreisen in Nordrhein-Westfalen zur österreichischen Sozialdemokratie und den Grünen führte. Schrage war 1960 nach Wien übersiedelt und im Kulturbereich tätig. Neben seinem parteipolitischen Engagement pflegte er ungebrochen anarchistische Sympathien und das Naheverhältnis zur außerparlamentarischen Linken. Dies festigte seinen Ruf als Vermittler zwischen unterschiedlichen Welten bzw., wie Sommer schreibt, als »geistige Brücke zwischen Hoch- und Subkultur, zwischen Parlamentarismus und antiparlamentarischer Opposition« (ebd.).

Der Fokus auf den politischen Menschen Dieter Schrage führt dazu, dass wir in Sommers Buch nicht nur viel über Schrage selbst lernen, sondern auch über die Geschichte der SPÖ, den Werdegang der grün-alternativen Bewegung oder die Wiener Hausbesetzerszene.

Der Autor betont die gewinnenden Seiten der Persönlichkeit Schrages. Er erinnert sich: »Ich habe selten einen Bildungsbürger mit Bildungsüberschuss gesehen, der verständiger, ungeschminkter, ursprünglicher und unverfälschter mit Deklassierten und VerliererInnen kommunizierte« (S. 41-42). Schrage verkörperte für Sommer auch das, was dieser »Konvivialität« nennt (»den Einklang [des] Lebens mit dem politischen Kampf«), »mehr als sonst jemand, die oder den ich kenne« (S. 174). Erst das letzte Kapital bietet einen Einblick in Schrages Privatleben, wenn wir beispielsweise erfahren, dass er seinen Sohn Götz mit Fix-und-Foxi-Heften für den Besuch politischer Treffen entschädigte, oder dass es seiner Frau Margit bedurfte, um die häusliche Ökonomie in Schuss zu halten, damit der männliche Freigeist auch Freigeist sein konnte.

Den anarchistischen Neigungen Schrages begegnet Sommer als ehemaliger Redakteur einer kommunistischen Tageszeitung überaus wohlwollend. Er schreibt in seinem Vorwort: »Die Frage, was genau das Anarchistische im Denken und Handeln Dieter Schrages ist, spannt sich über alle Kapitel des Buches.« (S. 9) Dabei stoßen wir jedoch vor allem auf eine ins Positive gekehrte marxistische Auslegung des Anarchismus. Es geht kaum um politische Ideen oder Visionen, sondern um das liebenswert Chaotische eines unideologischen Linken, etwa ein nicht von A bis Z geordnetes Lexikon im Bücherregal, ein Fußball-Länderspiel, bei dem Dieter und Götz Schrage sich kollegial darauf einigen, wer zu wem hält, oder eine Referenz zu vermeintlichen Bonmots deutscher Anarchogeschichte wie »Was geht mich Vietnam an? Ich habe Orgasmusschwierigkeiten«. Das mag alles sympathisch sein, politisch relevant ist es nur bedingt – was damit auch für Sommers Darstellung des Anarchismus gilt.

Auch wenn der schriftstellerische Witz des Autors mich nicht immer zum Lachen brachte – ein langer Aufsatztitel Schrages gibt Anlass zu mindestens drei humoristischen Einlagen – und er sich zu Formulierungen hinreißen lässt wie »Dieter Schrage würde heute...«, liest sich Poesie und Disziplin angenehm und flott. Besonders erfreulich ist, dass das Buch ohne akademische Aufgeblasenheit auskommt. Im Anhang findet sich ein zuvor unveröffentlichter Text Dieter Schrages mit dem Titel »Gegenkultur, autonome Jugendkultur in Wien seit 1945«.

Poesie und Disziplin ist ein anregendes und lehrreiches Buch, das mich persönlich, mehr noch als zuvor, bedauern lässt, Dieter Schrage nie kennengelernt zu haben. Ich empfehle es allen, die sich mit Schrage, seiner politischen Tätigkeit und dem gesellschaftlichen Kontext, in dem sich diese entfaltete, auseinandersetzen wollen. Menschen, die Schrage selbst erleben durften, werden sich ihr eigenes Bild machen.

Gabriel Kuhn
(Jänner 2017)