Rezension von
Diethelm Blecking/Lorenz Pfeiffer (Hrsg.), Sportler im "Jahrhundert der Lager". Profiteure, Widerständler und Opfer (Göttingen: Die Werkstatt, 2012)

Der einleitende Teil dieses Buches fällt aus analytischer Perspektive nicht unbedingt befriedigend aus: zu locker wird von den Herausgebern und dem Historiker Leonid Luks eine Klammer um Nationalsozialismus und Stalinismus bzw. um KZ und Gulag geschlagen und damit eine gemeinsame Auflistung von – beispielsweise – Nazi-Opfern und DDR-Sportlern, die in den Westen flüchteten, erklärt. Besonders interessant dabei ist, dass rund 90% der Beiträge ohnehin das Dritte Reich behandeln, weshalb sich die Frage stellt, warum Porträts von SportlerInnen aus den Warschauer-Pakt-Staaten (die letzten Endes nur eine Handvoll ausmachen) überhaupt inkludiert wurden. Doch sei's drum. Politische Analyse ist nicht die zentrale Ambition dieses 350-Seiten starken Bandes im Großformat, der die Lebensläufe von rund fünfzig Sportpersönlichkeiten nachzeichnet, deren Leben von den totalitären Regimes des Europas des 20. Jahrhunderts bestimmt wurden.

Teil 1, Karrieren, berichtet von SportlerInnen und Sportfunktionären, die es sich mit den Herrschenden gut stellten, so wie der DFB-Präsident Felix Linnemann oder das IOC-Mitglied Karl Ritter von Halt. Auch die Rolle, die bekannte Sportler wie Max Schmeling oder Fritz Szepan für die Propaganda der Nazis spielten, wird in diesem Kapitel beleuchtet.

Teil 2, Flucht, zeichnet die Lebenswege von Sportpersönlichkeiten nach, die die politischen Verhältnisse ins Exil zwangen, etwa den Kicker-Gründer Walther Bensemann oder den begnadeten Fußballer Belá Guttmann.

Teil 3, Widerstand, erzählt von Sportlern wie dem Olympiasieger im 10.000-Meter-Lauf Janusz Kusociński, der sich im polnischen Widerstand gegen die Nazis engagierte, oder von Werner Seelenbinder, dem erfolgreichen Ringer, überzeugten Kommunisten und 1944 von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfer.

Teil 4, Opfer, vermittelt neben zahlreichen Einzelschicksalen auch einen Eindruck davon, wie sich die Perfidität des Nazi-Regimes im Sport ausdrückte, etwa bei der Veranstaltung von Schauboxkämpfen in Konzentrationslagern oder der Ermordung jüdisch-deutscher Soldaten des Ersten Weltkriegs wie dem Fußball-Nationalspieler Julius Hirsch.

Teil 5, Überleben, liefert Beispiele von Menschen, die sich nach der Verfolgung durch die Nazis und dem Ende des Dritten Reiches wieder ihrer Leidenschaft, dem Sport, widmen konnten; etwa Kurt Landauer, der Präsident des FC Bayern München oder der legendäre österreichische Fußballtorwart Rudi Hiden.

Wie es bei so vielen Beiträgen und AutorInnen zwangsläufig sein muss, variiert die Qualität der Texte, doch alle sind mit Sorgfalt und Engagement zusammengestellt. Der Band erinnert an viele Kapitel der Sportgeschichte, die noch genauer auszuloten sind: etwa das Ende der Arbeitersportbewegung, die Tatsache, dass jüdische SportlerInnen und Sportverbände letzten Endes in ihren Boykottbestrebungen der Olympischen Spiele in Berlin 1936 alleine gelassen wurden, und die Sportadministration der Nachkriegszeit. Alle, die sich für Fragen dieser Art sowie die Schnittpunkte von Sport und Politik im Allgemeinen interessieren, werden in dieser Publikation viel Interessantes und Wissenswertes finden.

gk

(Oktober 2013)